Stand: 26.04.2019 14:48 Uhr

Zusammenbruch der Ölindustrie in Venezuela

von Anne-Katrin Mellmann, Korrespondentin im ARD-Studio Mexiko-City

Venezuela erleidet einen wirtschaftlichen Zusammenbruch historischen Ausmaßes. Dank einer boomenden Erdöl-Industrie war das Land einst das reichste in Südamerika. Heute verrotten die Anlagen des staatlichen Erdölkonzerns. Am Maracaibo-See, auf dem früher 900.000 Barrel Öl täglich gefördert wurden, herrschen Stillstand, Niedergang und Verfall.

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Eigentlich ist Baden im See wegen der Ölverschmutzung gar nicht mehr möglich.

Kinder plantschen am Ufer des Maracaibo-Sees. Die Schule ist mal wieder ausgefallen, weil es keinen Strom gibt - wie so oft in den vergangenen Monaten. Dann funktionieren die Klimaanlagen nicht und die feuchte Hitze lässt sich kaum ertragen. An einem Rohr, das ins trübe Wasser ragt, kleben dicke schwarze Ölreste.

Auf dem Binnensee an der Karibikküste, dem früheren Zentrum der venezolanischen Erdölförderung, nimmt die Umweltkatastrophe ihren Lauf. Immer wieder tritt aus den verrottenden Anlagen in großen Mengen Öl aus. Fischersfrau Yelick Zamora beobachtet die spielenden Kinder und klagt: "Unsere Männer versuchen Stellen zu finden, wo das Wasser etwas sauberer ist, damit sie fischen können. Wenn wir hier einen frischen Ölteppich haben, können wir gar nicht ins Wasser gehen. Die Angeln gehen kaputt und von den Chemikalien im Wasser bekommen wir Hautausschläge, Ekzeme und Tumore."

Niedergang der Ölindustrie lässt Förderanlagen verrotten

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Die Anlegestellen am Maracaibo-See sind eine einzige Müllhalde.

Es sind Leckagen in den Anlagen des staatlichen venezolanischen Erdölkonzerns PDVSA, die für die Umweltkatastrophe verantwortlich sind. Auf dem Maracaibo-See wurden früher 900.000 Barrel Öl täglich gefördert. Heute herrschen hier Stillstand, Niedergang und Verfall, denn Venezuela erleidet einen wirtschaftlichen Zusammenbruch historischen Ausmaßes. Dabei war das Land dank einer boomenden Erdölindustrie einst das reichste in Südamerika.

Eine Gruppe von Arbeitern des Konzerns zeigt ein erschütterndes Video, das ein Kollege an den verrotteten Anlagen gedreht hat. Dafür sitzt der Mann jetzt im Gefängnis. "Der See ist total verseucht, weil seit Jahren nichts gegen die Verschmutzung getan wird", sagt einer der Arbeiter. "Die Docks verfallen. Kaputte, gesunkene Schlepp- und Frachtschiffe liegen übereinander. Die Anlegestellen sind eine einzige Müllhalde, weil es keine Wartung gibt. PDVSA liegt am Boden. Das ist der Untergang."

Die PDVSA-Arbeiter berichten von Korruption, Inkompetenz und Schlamperei. Früher habe es etwa 16 Bohrplattformen für die Erschließung neuer Quellen gegeben. Heute arbeite keine einzige mehr. Nur die Arbeiter sind weiterhin vor Ort.

Regierung steht in der Kritik

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Die Fischer versuchen Stellen zu finden, wo das Wasser etwas sauberer ist, damit sie fischen können.

Schon vor etwa zehn Jahren sei der Ölkonzern zum Selbstbedienungsladen der Regierung verkommen, schimpft der frühere Chef der Erdölarbeitergewerkschaft Fedepetrol, Rafael Zambrano. Nach der Verstaatlichung der Erdölförderung hätten die regierenden Sozialisten nur noch abgeschöpft, um ihre Sozialprogramme zu finanzieren, aber nicht mehr investiert: "Diese Regierung ist nicht in der Lage, die Erdölindustrie wieder auf Vordermann zu bringen, auch wegen der riesigen Verschuldung bei China, Russland und der Türkei."

Weil sie seit Monaten kein Leitungswasser haben und der Strom nur noch stundenweise kommt, blockieren Einwohner eine Schnellstraße. Nur einer von etwa dreißig Protesten, die in Maracaibo täglich stattfinden. Auf der anderen Straßenseite steht eine kilometerlange Autoschlange an einer Tankstelle, die noch Benzin hat. Geschäfte und Restaurants sind geschlossen. Sie mussten aufgeben, nachdem sie bei einem mehrtägigen Stromausfall Anfang März geplündert worden waren.

Ende des 19. Jahrhunderts gehörte Maracaibo zu den ersten Städten auf dem Kontinent mit elektrischem Strom. Heute werden die modernen Hochhäuser in den schwarzen Nächten der Stromausfälle unsichtbar. Die vielen Fischer, die von dem See leben, verlieren ihren Fang, weil ihre Kühlschränke nicht mehr funktionieren.

"Wirtschaftspolitik ist ein Desaster, weil niemand Ahnung hat"

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Rodrigo Cabeza, ehemaliger Finanzminister der sozialistischen Regierung, hat das verheerende Ausmaß der Rezession nicht vermutet.

Rodrigo Cabeza, einst Finanzminister der sozialistischen Regierung, lebt in Maracaibo und staunt über den rasanten Zusammenbruch von lokaler Wirtschaft und Erdölindustrie: "Als Ökonom habe ich die schwere Rezession kommen sehen. Aber ich muss zugeben, dass wir auf dieses Ausmaß der verheerenden wirtschaftlichen und sozialen Zerstörung und diesen Einbruch der Einnahmen nicht vorbereitet waren." Cabeza, der 2007 und 2008 Finanzminister war, flog 2016 aus der sozialistischen Partei, nachdem er Präsident Nicolas Maduro Vorschläge für Wirtschaftsreformen unterbreitet hatte.

"Niemand verlangt von einem Präsidenten, Experte für Wirtschaft zu sein", sagt der Oppositionelle wider Willen. "Aber Maduro muss mit den besten Experten arbeiten - und das tut er nicht. Die Wirtschaftspolitik ist ein Desaster, weil niemand Ahnung hat. Die Regierung ist für diese Leute nichts anderes als ein Instrument, um reich zu werden. Es dient ihnen, aber sie dienen nicht. Das Leiden des Volkes ist ihnen egal. Das ist doch kein Sozialismus."

Auch die Landwirtschaft leidet

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Kein Leitungswasser und kein Strom: Geschäfte und Restaurants sind geschlossen.

Im Machtkampf zwischen Regierung und Opposition könnten die US-Sanktionen gegen die Regierung und den Erdölkonzern PDVSA eine entscheidende Rolle spielen: Das Öl-Embargo ist in Venezuela umstritten, weil es auch das Leiden der Bevölkerung verschärft. Die PDVSA-Arbeiter aber befürworten die Sanktionen gegen ihren Arbeitgeber, wenn sie dazu beitragen, den Ausweg aus der Wirtschaftskatastrophe zu beschleunigen.

Enzio Angelini, Chef der Handelskammer Maracaibo, dokumentiert den Niedergang seiner Stadt: Die Arbeitslosigkeit, über die es von offizieller Seite seit Jahren keine Zahlen mehr gibt, liegt nach Angelinis Schätzungen bei mindestens 50 Prozent. Viele Arbeiter gehen nicht mehr aus dem Haus, weil sie sich in der Hyperinflation die Busfahrt nicht leisten könnten. Der Niedergang von PDVSA habe die ganze Stadt in den Abgrund gezogen. Nicht die einzige ökonomische Fehlentscheidung, beklagt Angelini: "In Venezuela wurden zum Beispiel fünf Millionen Hektar landwirtschaftlicher Flächen enteignet. Wo es früher Viehzucht und Milchwirtschaft gab, ist heute nichts mehr. Allein am Maracaibo-See wurden mehr als 80 Unternehmen enteignet. Praktisch alle wurden enteignet. Alle."

Maracaibo ist das dramatische Ergebnis einer verfehlten Wirtschaftspolitik. Aus der blühenden Metropole, einst Symbol für Venezuelas Ölreichtum, ist ein Industrie-Friedhof geworden.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Echo der Welt | 28.04.2019 | 13:30 Uhr