Stand: 12.09.2019 15:11 Uhr

Probleme in Ägyptens "Stadt der Superlative"

von Jürgen Stryjak, Korrespondent im ARD-Studio Kairo
Viele Gebäude in der neuen ägyptischen Verwaltungshauptstadt sind schon fertig.

Ägyptens autoritäre Regierung unter Präsident Abdel Fattah al-Sisi baut sich eine neue Hauptstadt, weit entfernt vom Moloch Kairo. Eine Hauptstadt möglichst weit vom Volk entfernt: Diktatoren mögen so etwas. Umgerechnet 52 Milliarden Euro soll die "Stadt der Superlative" kosten. Es wird bereits gebaut, aber das Projekt gerät ins Stocken, weil Investoren abspringen. Vielleicht fehlt ihnen ein wenig der Glaube an die Sinnhaftigkeit des Ganzen.

In der Geröllwüste außerhalb von Kairo fahren Schwerlaster im Minutentakt hin und her. Sie bringen Baumaterial und nehmen auf dem Rückweg Erdreich mit. Derzeit entsteht hier eine "Stadt der Superlative". Sie ist noch ohne Namen, irgendwann soll es einen nationalen Namenswettbewerb geben. Bis dahin heißt das Megaprojekt auch offiziell: Neue Verwaltungshauptstadt.

Baustelle in Kairos neuem Verwaltungsviertel © ARD Foto: Anne Allmeling

Ägyptens "Stadt der Superlative"

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Alles wird neuer und größer

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In dieser Wohnsiedlung sollen 30.000 neue Wohneinheiten entstehen.

"Ich bin sehr froh, dass es dieses Projekt in unserem Land gibt. Wir entwickeln Ägypten. Wir können zugucken, wie die neue Hauptstadt wächst. Es ist wie bei einem Kind." Ahmed El-Hussany ist Bauingenieur bei dem deutsch-ägyptischen Architektur- und Planungsbüro Ökoplan. Er fährt uns durch das riesige Baugelände - und er beginnt natürlich dort, wo Ökoplan baut: in der Projektzone R03.

Der Chef der Firma ist Tamer Elkhorazaty. Er hat sein Unternehmen vor knapp 30 Jahren in Stuttgart gegründet. "Hai'it al-thalet oder R03, das ist eine Wohnsiedlung von etwa 30.000 Wohneinheiten mit allem, was man dazu braucht: Schulen, Geschäfte, Büros, Verwaltung, Krankenhäuser. Alles was man braucht."

R03 ist fast fertig. Ebenso wie die Gebäude des neuen Viertels für die Ministerien des Landes, die von anderen Firmen errichtet werden. "Die Ministerien werden, wie ich das mitbekommen habe, im Juni 2020 einziehen", sagt Tamer Elkhorazaty.

Ein zweites Dubai oder Singapur

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Auch eine neue Kathedrale haben Bauarbeiter bereits aus dem Wüstenboden gestampft.

In einem Werbevideo für das Projekt sind moderne schicke Gebäude zu sehen, wie man sie auch aus Dubai oder Shanghai kennt. Oder aus dem Stadtstaat Singapur, der in etwa dieselbe Ausdehnung hat wie auch Ägyptens neue Verwaltungshauptstadt nach der Fertigstellung aller drei Bauphasen.

Die Baustelle befindet sich mitten in der Wüste - fast auf halbem Wege zwischen Kairo und dem Suezkanal, rund 50 Kilometer östlich vom alten Stadtzentrum. Es wird ein Geschäftsviertel geben, das 21 Hochhäuser bekommen soll, darunter der dann höchste Wolkenkratzer Afrikas. Jüngst wurde in einem offiziellen Tweet sogar behauptet, man baue das höchste Gebäude der Welt. Es würde 127 Meter höher werden als der Burj Khalifa in Dubai, insgesamt also knapp 1.000 Meter hoch.

Das neue Regierungs- und Verwaltungszentrum Ägyptens erhält auch sonst alles, was es braucht: ein Kongresszentrum, ein Kulturviertel mit Opernhaus, einen Flughafen, einen Präsidentenpalast und, und, und. Dazwischen: großzügige Alleen und idyllische Parks.

Flächen für Ägyptens Wachstum

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In diese Gebäude sollen die Ministerien des Landes Ägypten schon im Juni 2020 einziehen.

Solche Projekte seien unheimlich wichtig für Ägypten, sagt Tamer Elkhorazaty: "Wo sollen die Menschen hin? Die Menschen brauchen Flächen zum Leben und zum Arbeiten, sie brauchen Flächen." Pro Jahr wächst die Bevölkerung des Landes um zwei Millionen Menschen. Insgesamt leben in Ägypten derzeit knapp 100 Millionen Menschen auf einer Fläche, die in etwa der des Freistaates Bayern entspricht. Der Rest ist unbesiedelte Wüste. Der Großraum Kairo mit seinen schätzungsweise 22 Millionen Einwohnern befindet sich permanent am Rande des Kollapses.

"Man sollte besser die vielen Städte entwickeln, die seit Langem vernachlässigt werden. Es gibt so viele Orte, die nicht die gleiche Aufmerksamkeit erfahren", sagt Timothy Kaldas vom Tahrir Institute for Middle East Policy. Aus seiner Sicht wäre es sinnvoll, Ägypten zu dezentralisieren. Stattdessen schaffe man noch mehr Anreize für die Landflucht nach Kairo. "Es gibt so viele Menschen in Kairo, die viel lieber da leben würden, wo sie herkommen. Aber dort gibt es nicht genug Arbeitsmöglichkeiten. So haben sie entschieden, auf der Suche nach Arbeit nach Kairo zu kommen."

Eine Hauptstadt der Diktatur

Die Straßen zur neuen Hauptstadt lassen sich leicht absperren. Demonstrationen oder gar Massenproteste wird es da draußen nicht geben. Das gesamte Areal kann gut bewacht werden. Es entsteht der Eindruck, als schafften sich die Machthaber eine Art Disneyland, eine "Gated community" für die Regierung und ihre Günstlinge, in der man Staatsgäste empfangen und Konferenzen abhalten kann, ohne vom Großstadt-Moloch in der Ferne belästigt zu werden. 

Das sei das Gegenteil von dem, was eigentlich nötig ist, sagt Timothy Kaldas: "Ägypten braucht eine Regierung, die sich direkt mit dem Volk beschäftigt, die mit dem Volk kommuniziert, seine Sorgen kennt und gemeinsam mit den Leuten Lösungen findet. Im Grunde bekommt der autoritäre Machtanspruch mit der realitätsfernen neuen Hauptstadt jetzt auch seine geografische Entsprechung."

Investoren bekommen kalte Füße

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Auch China ist als Investor bereits abgesprungen.

Derzeit gerät das Projekt ins Stocken, weil wichtige Investoren abspringen. Zuerst zog sich eine Firma aus den Vereinigten Arabischen Emiraten zurück, dann machten die Chinesen einen Rückzieher. Inzwischen stehe kein ausländisches Geld mehr zur Verfügung, sagte Khaled Al Husseiny, der Sprecher der Projektgesellschaft, der BBC. Zuletzt sei der Deal mit den Chinesen gescheitert. Derzeit verhandele man mit Investoren aus Südkorea.

Phase zwei und drei liegen auf Eis; Baubeginn: ungewiss. Ein beteiligter Planer, der nicht namentlich genannt werden möchte, glaubt, dass in der neuen Verwaltungshauptstadt mittelfristig höchstens 1,5 Millionen Menschen wohnen werden - statt der sieben Millionen, von denen offiziell immer die Rede ist.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Echo der Welt | 15.09.2019 | 13:30 Uhr