Stand: 25.10.2019 11:50 Uhr

"Licht und Hoffnung" in Kairo - Das Orchester blinder Frauen

von Jürgen Stryjak, Korrespondent im ARD-Studio Kairo

Die Musikerinnen des Orchesters "Licht und Hoffnung" für klassische Musik kommen aus armen Verhältnissen. Sie beherrschen ganze Kompositionen aus dem Gedächtnis und haben bei Auslandsgastspielen das Publikum in aller Welt begeistert. Die Musik sei ihre Waffe, sagt eine der blinden Musikerinnen, mit der sie beweisen kann, dass es die so genannten "Behinderungen" ja gar nicht gebe, sondern nur Fähigkeiten, die entdeckt werden müssten.

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Die jungen Frauen vom Orchester "Licht und Hoffnung" üben für ihr nächstes Konzert.

Ein schlichtes, fast tristes Gebäude im Kairoer Stadtteil Heliopolis. Überall sieht man, dass sich die Nutzer des Hauses genau überlegen müssen, wofür sie das wenige Geld, das sie haben, ausgeben. Sie sind auf Spenden angewiesen, dringend. Dass sich hier ein Musikinstitut befindet, sieht man nicht - aber man kann es hören. Im Probenraum sitzen 30 junge Frauen und üben für ihr nächstes Konzert. Fast alle tragen ein Kopftuch.

Hilfe für blinde Mädchen

Das Gebäude ist der Sitz der Stiftung "Al-Nour wal-Amal", die es seit 1954 gibt. Sie betreut blinde, minderjährige Mädchen, die meistens aus armen Familien kommen. Sie erhalten nicht nur kostenlosen Schulunterricht, sondern auch Lebenshilfe. Seit 1961 betreibt die Stiftung auch ein Musikinstitut, mit einem Orchester für klassische Musik, das denselben Namen trägt wie die Stiftung: "Al-Nour wal-Amal", auf Deutsch "Licht und Hoffnung". Wenn eines der blinden Mädchen in der Schule im Fach Musik besonders talentiert ist, dann darf es im Orchester mitspielen.

Auftritte seit 1971

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Amal Shoukry, die Vizepräsidentin der Stiftung, betreut das Orchester schon seit 50 Jahren.

"Eins, zwei, drei", zählt der Dirigent bei der Probe am Anfang des Stückes, dann verschwindet er in eine Ecke des Raumes und lauscht. Die jungen Ägypterinnen könnten ihn sowieso nicht sehen, denn sie sind ja blind. Deshalb stehen auch keine Notenständer vor ihnen. Sie spielen aus dem Gedächtnis, sie haben die Partituren zuvor in Blindenschrift gelesen - und dann auswendig gelernt. 

"Menschen überall auf der Welt sagen, dass unsere Mädchen ein menschliches Wunder sind", sagt Amal Shoukry, die Vizepräsidentin der Stiftung. Seit genau 50 Jahren betreut sie das Orchester. 1971 trat es zum ersten Mal öffentlich auf, im Opernhaus von Kairo. "Wir haben damals ja gar nicht geahnt, dass unsere Mädchen eines Tages um die Welt reisen und in den berühmtesten Häusern spielen würden." Seit 1988 tun sie dies.

Konzerte weltweit

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Die 35-jährige Violinistin Shaima Yahia schwärmt für Mozart.

"Jordanien, Kuweit, England, Schweden, Deutschland, Spanien - unsere Mädchen haben fünf Kontinente besucht. Sie gastierten in 15 europäischen, fünf arabischen und fünf asiatischen Ländern sowie in Australien und Kanada", berichtet Amal Shoukry stolz. Eine der blinden Musikerinnen ist die 35-jährige Violinistin Shaima Yahia: "Wir spielen die Werke verschiedener Komponisten. Zum Beispiel von Mozart, für den ich natürlich besonders schwärme - denn Mozart kennt alle Geheimnisse der Violine."

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Mohammed Saad Basha ist Professor für Komposition und probt mit den blinden Frauen.

Mehrmals pro Woche kommt Mohammed Saad Basha in die Stiftung. Der Professor für Komposition an einer Musikhochschule probt mit den Frauen - und schwärmt von ihnen:  "Ein herkömmliches Orchester kann die Noten beim Spielen ja sehen, aber eine blinde Musikerin muss die gesamte Komposition mit ihrem Herzen kennen. Ihr Herz muss jedes einzelne Detail verinnerlicht haben."

Blinde Frauen vom Orchester "Licht und Hoffnung" spielen Querflöte und Klarinette © ARD Foto: Jürgen Stryjak

Ägyptens Orchester der blinden Frauen

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Gesellschaftliche Anerkennung

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Im Orchester erfahren die blinden Musikerinnen eine Anerkennung, die sie im Alltag oft vermissen.

Im Orchester erfahren die blinden Musikerinnen eine Anerkennung, die sie im Alltag oft vermissen. Das Verhalten der Gesellschaft gegenüber Blinden verbessert sich nur langsam. Shaima Yahia sagt den Leuten inzwischen selbstbewusst, wie sie sich gegenüber Blinden unverkrampft verhalten sollten: "Wenn du einen Blinden auf der Straße siehst, nimm seine Hand und bringe ihn über die Straße! Aber frag ihn erst, ob er Hilfe möchte! Sprich nicht extra laut mit dem Blinden. Du musst nicht schreien, er ist ja blind und nicht taub! Mein Traum ist es, dass man eines Tages überall im öffentlichen Leben Menschen mit Behinderungen trifft." Die Angestellten von Ämtern und Banken zum Beispiel würden sie oft nicht für voll nehmen. "Manchmal fragen Menschen erstaunt: Warum bist du allein unterwegs, wo ist deine Familie? Ich erkläre dann, dass ich eine unabhängige Frau bin, die überall alleine hingehen kann. Meine Familie hat Wichtigeres zu tun, als mich zu begleiten."

Musik ist eine Waffe

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Die 31-jährige Marwa Soleiman spielt Geige. Für sie ist die Musik eine Waffe.

Dem Orchester gehören insgesamt 40 blinde Ägypterinnen an. Die Musik hat ihr Leben verändert. Auch das der 31-jährigen Marwa Soleiman, die Geige spielt. "Es geht nicht nur um Gefühle. Für mich bedeutet Musik auch Präzision und Konzentration. Beim Musizieren spüre ich, dass nichts unmöglich ist." Shaima Yahia mag sich gar nicht vorstellen, wie ihr Leben ohne das Orchester verlaufen wäre. "Die Musik ist für mich eine Waffe, mit der ich beweisen kann, dass es die so genannten "Behinderungen" ja gar nicht gibt“, sagt sie. "Es gibt Fähigkeiten, die in uns stecken und die wir suchen müssen."

Bei Konzerten im Ausland haben die blinden Musikerinnen für das Publikum oft ein besonderes Geschenk dabei, erzählt Amal Shoukry, die Vizepräsidentin der Stiftung:  "Wir bitten die Gastgeber immer, uns vorher eine Komposition zu schicken, die zur Kultur ihres Landes gehört. Wir übertragen die Partitur dann in Blindenschrift, studieren die Komposition ein - und am Ende des Konzertes spielen wir das Stück als Zugabe - sozusagen als Gastgeschenk. Und weil es nicht im Programmheft steht, sind die Zuhörer dann überrascht. Sie können gar nicht glauben, dass unsere Mädchen ihre Musik spielen. Das ist dann immer der Moment, wo mir die Tränen kommen."

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NDR Info | Echo der Welt | 27.10.2019 | 13:30 Uhr