Stand: 27.09.2019 16:32 Uhr

Indonesien: Die Hauptstadt Jakarta versinkt

von Lena Bodewein, Korrespondentin im ARD-Studio Singapur

Indonesiens Hauptstadt Jakarta versinkt, Jahr für Jahr, teilweise um bis zu 25 Zentimeter. In manchen Straßen Nord-Jakartas hält nur noch ein immer wieder aufgestockter Deich das Meer von den armen Vierteln fern. Das Problem: Nicht nur der Meeresspiegel steigt, ein Großteil der Einwohner Jakartas pumpt illegal Grundwasser ab. Die Folge: Der Untergrund Jakartas gibt immer weiter nach. Und überall in der Stadt wird weiterhin wild gebaut. Denn der Zehn-Millionen-Moloch birgt für viele Indonesier immer noch die größte Chance auf einen Job. Auch wenn Indonesiens Präsident Joko Widodo die Regierungsgeschäfte jetzt verlegen will, in die Weiten Borneos.

Ein Viertel im Norden Jakartas, Gänse und Enten laufen zwischen Kleinkindern und Mopeds umher, Wasser steht in ein paar Pfützen auf der Straße, und wer schaut, wo die Flüssigkeit herkommt, stößt schnell auf eine dicke Wand, an der Rinnsale herablaufen. Die Mauer hat verschiedene Schichten in verschiedenen Grautönen, sie leckt - und ist dadurch ziemlich aussagekräftig, findet Victor Coenen. "Sie ist auf der alten See-Mauer errichtet, hier unten sieht man die Höhe von 2007. Diese Höhe war von 2012, dann kam eine neue Schicht 2014 und jetzt die große Erhöhung von 2017. Es ist eine ganze Schichtung von See-Mauern. Wie Archäologie, aber normalerweise sieht man Tausende von Jahren in solchen Schichten, hier ist es nur ein Jahrzehnt. Und die Wand leckt, denn die Grundmauer ist nicht besonders gut gebaut. Die steigenden Wasserhöhen bringen mehr Druck auf die Mauer, und darum gibt es überall diese undichten Stellen."

Überschwemmungen sind mittlerweile an der Tagesordnung

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Aufgegebene Fischerboote sammeln sich in der Lagune.

Jakarta, die Hauptstadt Indonesiens, sinkt Jahr für Jahr. In manchen Vierteln ist es ein Viertelmeter, in anderen sind es zehn Zentimeter, und viele Bereiche, wie Muara Baru direkt an der Schutzmauer, liegen schon drei bis vier Meter unter dem Meeresspiegel. Wenn die Flut hoch ist, schauen die Schiffe, die auf der anderen Seite ankern, über die Mauer; wenn die großen Pumpen nicht funktionieren, steht das Viertel unter Wasser - die Anwohner sind es gewohnt.

"Ja, während der Regenzeit gibt es Überschwemmungen, besonders wenn die Pumpen ausfallen," sagt der Fischhändler Suleiman. Und die Kioskbetreiberin Susi ergänzt: "Es hängt wirklich von der Pumpe ab. Als ich ein Kind war, hat die Pumpe oft nicht funktioniert, dann gab es immer Überschwemmungen in der Regenzeit. Dass Jakarta versinkt - ach, das fällt mir gar nicht so auf. Ist doch normal. So weit denke ich gar nicht."

Leben mit dem Untergang

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Victor Coenen, niederländischer Hochwasserschutz-Planer, soll die Stadt Jakarta vor dem Versinken bewahren.

Diese Haltung der Bewohner Jakartas bewundert Victor Coenen. Er ist Projektleiter der niederländischen Bautechnik- und Beraterfirma Witteveen en Bos, in Jakarta zuständig für das Vorhaben mit dem grandiosen Namen "Nationaler Hauptstadt- und integrierter Küsten-Entwicklungs-Masterplan". Damit soll Jakarta vor dem Versinken bewahrt werden. Dabei stehen die Retter vor einem absurd scheinenden Problem: Die Megacity mit zehn Millionen Einwohnern versinkt, weil der Stadt das richtige Wasser fehlt. Und weil anderes Wasser nicht ablaufen kann.

Es gibt in Jakarta also gutes Wasser und schlechtes Wasser, illegales Wasser und teures Wasser. Um das zu erklären, geht Victor Coenen ein paar Schritte zurück, zeitlich und geographisch, von der Schutzmauer des Viertels zu den alten Schleusentoren, etwa 150 Meter südlich davon. "Wir sind hier an dem alten Auslass von Jakarta, der wurde zu Zeiten der niederländischen Kolonie gebaut, als die Stadt noch weit über den Meeresspiegel lag - damals konnte das Wasser aus der Stadt noch ungehindert ins Meer fließen. Aber dann begann die Stadt zu sinken, und jetzt müssten die Flüsse und Kanäle bergauf fließen, um ins Meer zu gelangen. Also müssen wir es herauspumpen."

Es fehlt an gutem Trinkwasser

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Diese Pumpwerke im Norden Jakartas, sollen die Fluss- und Abwasser bergauf ins Meer pumpen.

Dazu kommt das Hauptproblem: Dreiviertel der Einwohner Jakartas haben keinen Wasseranschluss. Sie sind entweder auf Tankwagen angewiesen oder bohren illegal Brunnen zum Grundwasser. "Das sieht man an den Zisternen auf den Dächern. Hier in diesen Bereichen können sie das Grundwasser aber nicht nutzen, weil es schon versalzen ist, das Meerwasser ist eingedrungen." Je mehr Grundwasser abgepumpt wird, desto stärker sinkt die Stadt, denn der Boden ist sumpfig, und wenn ihm das Wasser entzogen wird, fehlt Stabilität. Es kommt zur Bodensenkung. Zudem drückt das schiere Gewicht der Gebäude auf den weichen Untergrund.

Alles sinkt. Reiche Viertel, Industriegebiete und Lagerhäuser genauso wie Slums, die immer wieder neu aufgebaut werden, auch dort, wo sie gerade geräumt wurden: An Wasser-Reservoirs, an stinkenden stockenden Flüssen und Kanälen, im Wasser auf Stelzen gebaut. Und so blockieren Bauten, Schmutz und Abfall ein Abfließen des Wassers in den Entwässerungskanälen noch mehr. Die Ärmsten können sich keine Mieten leisten, seien sie noch so gering, also errichten sie ihre Behausungen dort, wo es nichts kostet.

Es trifft natürlich vor allem die Ärmsten

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Plastikmüll und seine fehlende Entsorgung verschärfen die Situation in Jakartas Wasserwegen.

"Jakarta vor dem Wasser zu schützen - das ist technisch betrachtet gar nicht so schwer. Aber die sozialen Konsequenzen sind es. Wenn du diese Menschen umsiedeln willst in Sozialbauten, dann müssten sie etwa 13 Euro Miete zahlen - das ist eine lächerliche Summe für uns, aber unfassbar viel für sie. Hochwasserschutz in Jakarta ist also eher ein sozio-ökonomisches als ein technisches Problem. Der technische Teil ist einfach," sagt Victor Coenen.

Auch in Muara Baru gibt es ein solches Armen-Viertel über dem Wasser, aus Sperrholzplatten und Abfallholz, Plastikplanen und Transparenten zusammengezimmert. Dunkle Gänge führen von Hütte zu Hütte, ein kleiner Kiosk verkauft Tee und Süßigkeiten. Agus und hunderte andere Fischer leben hier mit ihren Familien, noch. "Was die Zukunft dieser Gegend betrifft: Das wird neu gewonnenes Land werden, wenn die Lagune zugeschüttet wird. Aber ich weiß nicht, ob bald oder erst in zehn Jahren. Ich weiß auch nicht, ob wir Dorfbewohner umgesiedelt werden in Sozialbauten oder ganz woanders hin."

Die Deiche helfen und trennen

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In der neu entstandenen Lagune baden Kinder.

Sie gehen, wohin die Regierung sie schickt, sagt Agus, aber die Regierung müsse sich um sie kümmern. Er erzählt, dass sie früher mehr Fluten erlebten, das sei mit den immer höheren Schutzmauern besser geworden. Die Neueste sei auch weiter vor der Küste gelegen und habe eine kleine Lagune eingeschlossen. Allerdings sei der Nachteil, dass ihre Schiffe jetzt auf der anderen Seite der Mauer lägen und sie deshalb erstmal dorthin laufen müssten.

Während er erzählt, hat das kleine Mädchen neben ihm ein süßes Getränk aus einem Plastiktütchen getrunken und lässt die Packung dann einfach unter sich ins Wasser fallen. Der Geruch nach Müll und Kloake ist betäubend - woher bekommen die Bewohner sauberes Wasser? Susi zum Beispiel erzählt, dass sie ihr Wasser an einem Tankwagen kauft. "Das Problem ist, dass nicht nur die Anwohner Wasser benötigen, sondern auch die Industrie," erklärt Victor Coenen. "Und zwar viel davon. Bis jetzt gibt es nicht genügend Wasser für alle. Also wollen wir dieses Schwarzwasser, das wir hier sehen, wiederaufbereiten, reinigen; dann können wir die Industrie davon überzeugen, von Grundwasser auf Oberflächenwasser umzustellen." Wasserversorgung verbessern, existierende Schutzmauern sichern, so ist die Marschrichtung. Ob das genügt, um Jakarta zu bewahren?

Die Stadt verliert langsam ihr Gesicht

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Der untergehende Gebetsraum einer aufgegebenen Fabrik, dieses Gebiet hat sich die Java-See schon geholt.

Manche Häuser in den am meisten sinkenden Vierteln sehen aus wie Hobbit-Behausungen, das Dach oder der Balkon sind auf Kopfhöhe angekommen. Die Bewohner wie Suleiman können nur mit gebeugtem Kopf in Räume gehen, deren Decke sie vor einiger Zeit noch nicht mit den Händen erreichten. Eine Moschee ist innerhalb von fünf Jahren um einen Meter abgesunken. Nicht weit entfernt ist ein sechseckiges Gebäude den Fluten preisgegeben, der Gebetsraum einer Fabrik. Die Java-See umgibt ihn und schwappt an die neue Hochwasserschutzmauer, die dahinter errichtet wurde. 

Auf der schmalen Mauerkrone fährt ein Moped entlang. So etwas könnte es in naher Zukunft, vielleicht in zehn, zwanzig Jahren in größerer Dimension geben: eine große befahrbare Schutzmauer, ähnlich wie der Abschlussdeich am Ijsselmeer in Holland. Weit draußen vor Jakarta gelegen würde sie die Wellen brechen und am besten als Verbindung zwischen dem internationalen Flughafen und dem Frachthafen dienen. Aber das ist noch lange hin und nur die letzte Möglichkeit, wenn alle anderen Rettungsanker versagen.

Bis dahin wird Jakarta wahrscheinlich seinen Hauptstadt-Status verlieren, weil bis 2024 eine neue Hauptstadt auf der Insel Borneo erbaut werden soll. Die anderthalb Millionen Menschen, die dann fortziehen, werden durch neue Glückssucher ersetzt, die in Jakarta Geld verdienen wollen. Egal, wie wenig Geld, egal wie weit unter dem Meeresspiegel.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Echo der Welt | 29.09.2019 | 13:30 Uhr