Stand: 09.10.2019 17:42 Uhr

Indien: Mit dem Bäumchen zur Waffenlizenz

von Bernd Musch-Borowska, ARD-Korrespondent in Neu-Delhi

Im indischen Bundesstaat Punjab sollen wieder mehr Bäume wachsen. Zu viel wurde in der Vergangenheit abgeholzt - ein weltweit bekanntes Problem. Aber die Behörden in Punjab gehen nun einen ziemlich neuen Weg, um wieder aufzuforsten: Die Sikhs, die in dieser nördlich gelegenen Region Indiens die Bevölkerungsmehrheit bilden, haben eine Million neue Bäume als Zielmarke gesetzt. Ganze Wälder sollen neu geschaffen werden. Im Bezirk Ferozepur etwa müssen Antragsteller nun für eine Schusswaffe außer den üblichen Unterlagen auch den Nachweis vorlegen, dass sie mindestens zehn Bäume gepflanzt haben. Die Punjabis sind geradezu verrückt nach Waffen - und das könnte dem Wald und damit der Luftqualität helfen.

Bild vergrößern
Der Bundesstaat Punjab steht an der Spitze Indiens, wenn es um Waffen geht.

In dem kleinen Waffengeschäft in Ferozepur im indischen Bundesstaat Punjab herrscht Hochbetrieb. Während einer der Kunden die Gewehre bestaunt, die an der Wand hängen, führt Amarbir Singh Dhillon, der Eigentümer des Ladens, einem anderen Interessenten ein paar Pistolen und Revolver vor. "Das hier ist eine Pistole, mit einem Sieben-Schuss-Magazin. So wird sie geladen. Ohne eine Lizenz geht hier gar nichts. Zuerst muss ich die Lizenz sehen, sonst zeige ich den Kunden nicht mal eine Waffe. Ich muss doch wissen, ob es um eine Pistole geht oder ein Gewehr."

Ohne Bäume keine Lizenz

Bild vergrößern
Chander Gaind, der zuständige Deputy Commissioner der Bezirksverwaltung, ist sehr streng bei der Vergabe der Waffenscheine.

Für die Lizenz zum Schießen, wurden die Anforderungen vor Kurzem verschärft. Zumindest im Bezirk Ferozepur. Chander Gaind, der zuständige Deputy Commissioner der Bezirksverwaltung, hat angeordnet, dass Anträge für einen Waffenschein nur noch dann angenommen werden, wenn der Antragsteller zuvor zehn Bäume pflanzt. "Alle anderen Anforderungen für die Ausstellung einer Waffenlizenz bleiben unverändert. Ich habe nur eine weitere Bedingung gestellt. Damit der Antrag überhaupt bearbeitet wird, muss der Antragsteller ein Selfie machen, wie er zehn Bäume pflanzt. Und nach einem Monat noch mal. Dadurch wollen wir sehen, dass die Bäume auch gegossen und gepflegt werden und wachsen. Und erst dann prüfen wir den Antrag für einen Waffenschein.“

Der Wald freut sich

Bild vergrößern
Auch die Liebe für Bäume soll bei den Waffennarren geweckt werden.

Seit der Einführung der neuen Regelung seien mehr als 300 Anträge auf einen Waffenschein gestellt worden, sagt Chander Gaind. Rein rechnerisch also 3.000 neue Bäume. Doch längst nicht jeder Antrag werde auch bewilligt. "Wer einen Waffenschein haben will, muss zunächst einen Drogentest machen. Drogenabhängige bekommen auf keinen Fall einen Waffenschein, in diesem Punkt sind wir sehr streng. Und der Polizeibericht wird verlangt. Wer gegen Gesetze verstoßen hat, bekommt auch keinen. Nur gesetzestreue Bürger, die ein anständiges und friedliches Leben führen. Von 300 gestellten Anträgen wurde gerade mal 100 genehmigt."

Bild vergrößern
Die Punjabis sind verrückt nach Waffen.

Gurjeet Singh, ein Bauer aus der Nachbarschaft, bewässert seine Pflanzlinge. Sein Antrag auf einen Waffenschein ist bewilligt worden. Er hat die erforderlichen zehn Bäume gepflanzt und auch alle anderen Anforderungen erfüllt. Jetzt spart er auf ein Gewehr, das einen stolzen Preis von 100.000 Rupien hat, umgerechnet mehr als 1.200 Euro. Für Gurjeet Singh sind das etwa zwei Monatsgehälter. "Ich habe zehn Bäume gepflanzt, weil das gut ist für die Umwelt. Sie verbessern die Luft und geben Schatten. Na ja, und natürlich auch für den Waffenschein. Ich finde, das ist eine gute Idee. Die sollten viel mehr Bäume dafür verlangen. 15 mindestens."

Waffennarren werden Naturfreunde

Bild vergrößern
Auch der Nachweis, dass das gepflanzte Bäumchen gut gepflegt wird, muss erbracht werden.

Die Punjabis seien geradezu verrückt nach Waffen, sagt Bezirkschef Chander Gain. Das könne man doch nutzen, um etwas für die Umwelt zu erreichen. "Punjabis lieben Waffen. Warum sollte man also nicht auch ihre Liebe für Bäume wecken? Wenn jemand erst mal einen Baum gepflanzt hat, dann wird er bewusster mit der Umwelt umgehen. Es gibt eine weit verbreitete Waffenkultur in unserem Land. Punjabis sind verrückt nach Waffen, sollen sie doch auch verrückt nach Bäumen werden."

Tatsächlich steht der Bundesstaat Punjab im Norden Indiens, an der Grenze zu Pakistan, wenn es um Waffen geht an der Spitze in Indien. Waffen werden etwa gerne bei Hochzeiten eingesetzt, für Freudenschüsse über die Vermählung.

Waffenkauf mit gutem Gefühl

Bild vergrößern
Amarbir Singh Dhillon meint, dass die neue Regelung seinem Geschäft nicht geschadet hat.

In seinem Waffengeschäft führt Amarbir Singh Dhillon dem nächsten Kunden gerade eine Pumpgun vor. "Das hier ist was ganz Neues. Eine Pumpgun mit fünf Patronen, die nacheinander abgefeuert werden können. Diese Waffe gibt es bei uns erst seit einem Jahr. Hier ist das Magazin. Und so wird damit geschossen."

Die neue Regelung für Waffenscheine habe seinem Geschäft nicht geschadet, sagt Dhillon. Im Gegenteil: Die Leute hätten so das Gefühl, etwas Gutes zu tun. Und weil ja sowieso alle Landbesitzer und Bauern seien, sei es für sie ganz einfach, die Forderung zu erfüllen. "Nein, die Nachfrage nach Waffen ist nicht zurückgegangen. Das ist doch ganz leicht für die Leute. Das sind alles Bauern. Ein paar Bäume zu pflanzen, ist für die doch kein Problem."

Der vorbildliche Wald

Noch ist die Regelung auf den Bezirk Ferozepur beschränkt. Doch die Idee hat Aufsehen erregt, über die Grenzen Indiens hinaus. Vielleicht könne so ja auch woanders etwas für die Umwelt getan werden, meint Bezirks-Commissioner Chander Gain. Er will mit seiner Idee dafür sorgen, dass jedes Jahr bis zu 12.000 neue Bäume gepflanzt werden. "Unser Bezirk Ferozepur ist auf gutem Weg, ein Wald zu werden. Und wenn man erst mal auf dem Weg ist, erreicht man auch irgendwann das Ziel."

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Echo der Welt | 13.10.2019 | 13:30 Uhr