Stand: 01.11.2019 14:46 Uhr

Für 1000 Taler ins Reich der Drachen

von Lena Bodewein, Korrespondentin im ARD-Studio Singapur

Komodo-Warane gelten als die letzten Drachen der Erde, sie leben nur auf wenigen Inseln mitten im südostasiatischen Indonesien. Der umgebende Nationalpark ist ein echter Touristenmagnet - vielleicht mit zu starker Anziehung. Die indonesische Regierung plante eigentlich, ihn für ein Jahr zu schließen, ähnlich wie die thailändische Maya Bay aus dem Film The Beach. Jetzt aber soll alles offen bleiben - jedoch 1000 Dollar Eintritt kosten. Dorfbewohner und Tour-Unternehmer fürchten, dass die Besucherzahl stark zurückgehen wird, paradoxerweise mit schlimmen Folgen für den Nationalpark selbst.

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Dieser Waran häutet sich gerade. Die größten Echsen der Welt können bis zu drei Meter lang werden.

Ganz Labuan Bajo, im Westen der Insel Flores gelegen, ist auf ein Tier geeicht: den Komodo-Waran. Der letzte Drache dieser Erde, so wird er oft genannt, lebt auf einigen vulkanischen Inseln westlich von Flores. Von Labuan Bajo aus brechen die Boote voller Touristen in den Komodo Nationalpark auf, um diese riesige Echse zu sehen. Ein Tauchshop reiht sich an den nächsten, ein Tour-Anbieter an den anderen. Das gängige Paket, das Rucksackreisende, Familien und Rentner wollen: auf einem Boot wohnen, mit Mantarochen tauchen, mit Schildkröten schnorcheln, aber vor allem zu den Waranen wandern, erzählt es Jackie Chan, ein Ranger auf Komodo Island: "Der Waran ist unser Star! Wissenschaftler sagen, dass der Komodowaran aus Australien kommt, ein Sohn der Dinosaurier."

Tatsächlich entstand die Art vor Millionen von Jahren in Australien, verbreitete sich über Landbrücken und starb später überall aus, so Chan - nur hier nicht. "Ich habe Glück, denn ich lebe hier, wo es den Komodo-Drachen gibt, er lebt nur hier, nirgendwo sonst auf der Welt."

Der Komodo-Drache - ein giftiges, cooles Tier

An einem Wasserloch lagern einige imposante Drachen, schuppig, mit langen scharfen Klauen, mit denen sie ihren Opfern den Körper aufreißen und sie in großen Brocken unzerkaut verschlingen - das sind Hirsche, Wildschweine, Büffel, manchmal auch Nutztiere der Dorfbewohner, im schlimmsten Fall ein Mensch - vor zehn Jahren wurde ein kleiner Junge aus dem Dorf gefressen und auch einige unvorsichtige Touristen sind ihm schon zum Opfer gefallen. Paul Jemadan, der eine Gruppe Touristen auf die Insel begleitet, berichtet: "Es ist ein giftiges Tier - auf der einen Seite erschreckend, auf der anderen Seite cool. Und es ist ziemlich cool, ihn zu sehen. Ich habe keine Angst, denn ich halte mich immer an die Regeln der Ranger, dann ist es sicher."

1000 Dollar Eintritt für den Nationalpark und die Komodowarane

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An einem Wasserloch wartet dieser 30-jährige Waran auf Beute. Wenn Essen vorbeiläuft, schlagen sie zu, wenn nicht, warten sie weiter - es sind sehr faule Jäger.

Berghänge, Graslandsavanne, tropischer Regenwald mit Palmyrapalmen und Stinkbäumen, dazu pinkfarbene Strände und Mangroven: die Warane leben auf landschaftlich reizvollen Inseln. Ursprünglich hatte die Regierung geplant, den Echsen einen Teil davon zeitweise ganz zu überlassen; Komodo Island sollte für mindestens ein Jahr für Besucher geschlossen und die Dorfbewohner umgesiedelt werden. Davon wäre auch der Ranger Jackie Chan betroffen gewesen: "Aber wir haben demonstriert und die Regierung in Jakarta getroffen und dann haben sie gesagt, dass sie die Insel nicht schließen und wir nicht umziehen müssen. Aber jetzt bringen sie die Menschen ganz, ganz langsam um".

Ein langsamer Tod, wie ihn ein Komodowaran seinen Opfern bescheren kann: durch seinen giftigen Speichel mit einem einzigen Biss. Die Regierung will den Eintrittspreis für den Nationalpark auf 1000 Dollar erhöhen, von bisher rund 16 Euro pro Tag, inklusive Ranger und Schnorchel-Erlaubnis. Diese Preiserhöhung, sei viel schlimmer, als die Insel für ein Jahr zu schließen, so Chan.

Einwohner und Touristenführer bangen um ihren Lebensunterhalt

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Die wenigen Bewohner der Dörfer im Nationalpark leben davon, selbstgeschnitzte Warane oder Muschelketten an Touristen zu verkaufen.

Die Bewohner lebten vom Tourismus, sie verkauften ihnen Komodo-Statuen, Ketten, Perlen, T-Shirts. Warane in allen Größen und Positionen schnitzen die Männer direkt am Souvenirstand, manchen fahren auch abends mit ihrer Ware zu den Schiffen, auf denen die Touristen nächtigen - früher fuhren sie mit denselben Booten zu ihren Fischgründen. Doch seit die See zwischen den Inseln zum Unesco-Welterbe und Biosphärenreservat wurde, durften sie das nicht mehr und lebten stattdessen vom Tourismus. Wer weiß, wie lange noch, fürchtet Tourguide Paul.

"Wenn sie kein Einkommen mehr haben, kehren sie wieder zum Fischen zurück, und das wird ein Problem für den Komodo Nationalpark, weil sie dann an die ganzen Tauchgründe fahren und dort illegal fischen, und dann wird die Attraktion des Parks zerstört."

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Wie eine Landschaft aus Jurassic Park sehen die Inseln teilweise aus. Passend zu den Drachen.

Mantarochen, Schildkröten, Delphine, Haie verschiedener Arten, Papageien-, Kugel- und Feuerfische locken Schnorchler und Taucher an. Auch Dorothee Schillo, die mit ihrer Familie zu Besuch im Nationalpark ist. Sie begrüßt zwar grundsätzlich finanzielle Mittel für den Naturschutz, aber die geplante Preiserhöhung findet sie vorschnell: "Da muss mehr Forschung erstmal gemacht werden, wo das Geld überhaupt hingehen soll oder ob tatsächlich so viel Geld gebraucht wird oder ob man nicht andere Bereiche damit schädigt, wie die Familien, die vom Tourismus leben, denn die haben deutlich weniger Einkommen im Endeffekt; was ja dann wieder den gegenteiligen Effekt hat, wenn alle versuchen, aus dem Meer zu holen, was geht - da kriegt keiner mehr was, da werden dann alle Arten im Wasser aussterben. Die Komodo-Warane sind dann vielleicht geschützt, aber die Arten unter Wasser nicht mehr."

Für Dorfbewohner wie Ranger Jackie Chan würden weniger Touristen auch bedeuten, seine Familie verlassen zu müssen: "Wenn ich meinen Job im Tourismus verlieren, muss ich umziehen, in ein anderes Land oder mindestens auf eine andere Insel, wie Bali, und dann muss ich meine Frau und zwei Kinder hier zurücklassen."

Indonesiens Regierung will Luxus-Urlauber anlocken

Der Nationalpark soll eines der zehn neuen Balis werden, so hatte es der indonesische Präsident Joko Widodo propagiert, ein attraktives Ziel für Touristen aus aller Welt. Doch bei Tausend Dollar Eintritt würde nur eine bestimmte Klientel angesprochen, nicht mehr die Backpacker und Familien, die jetzt noch die Stadt Labuan Bajo füllen, in Hostels, Bed and Breakfasts oder anderen Unterkünften.

"Die Hotels kann man dann zumachen, die ganzen Anbieter müssen raus, die Boote müssen ausgetauscht werden, denn wir reden hier dann tatsächlich über Luxusurlaub", so Urlauber Frank Märgner. Die schicke Marina und das angeschlossene Hotel, die gerade gebaut werden, belegen seine These.

Die Inseln Padar (im Bild), Komodo und Rinca gehören zum Komodo-Nationalpark © NDR Foto: Lena Bodewein

Der Komodo Nationalpark soll exklusiver werden

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"Da machen sich dann einige die Taschen voll relative schnell und mehr wird da nicht bei rumkommen, und die ganzen kleinen Leute, die tatsächlich ständig arbeiten müssen, die werden da nichts von haben, die werden pleite gehen."

Die Betroffenen sind da noch gelassen. Tauchunternehmer Yanu meint zwar: "Wenn es so kommt, wird es still in Labuan Bajo werden. Aber bisher sind die Eintrittspreise noch normal für die nächsten sechs Monate. Es ist nur eine Polemik der Politiker, da wird schon nichts passieren."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Echo der Welt | 03.11.2019 | 13:30 Uhr