Mutter und Kind spazieren © picture alliance / Westend61 Foto: Javier Sánchez Mingorance

Spenderkinder auf der Suche nach ihrer Identität

Stand: 22.01.2021 12:48 Uhr

Schätzungen zufolge gibt es hierzulande rund 100.000 Spenderkinder. Die meisten von ihnen, vor allem die Älteren, wissen bis heute nichts über ihre Entstehung.

von Michael Hollenbach

"Gedacht, dass irgendwas nicht stimmt, habe ich eigentlich schon von klein auf", erzählt Martina. "Irgendwann kam dazu, dass ich gedacht habe, meine Mutter ist fremdgegangen. Dann kam ich zu anderen Fantasien. Die schlimmste war, dass ich vermutlich durch eine Vergewaltigung entstanden bin." Martina ist ein sogenanntes Spenderkind, das mit Hilfe einer Samenspende entstanden ist. Wie die meisten, heute erwachsenen Spenderkinder wuchs die 34-Jährige auf, ohne etwas über ihre Entstehung zu erfahren. So auch Sandra: "Diese Dimension, diese Lebenslüge, die hätte ich meinen Eltern nie zugetraut."

Viele Eltern haben Angst davor, die Wahrheit zu erzählen

Heute gilt es in der Psychologie und Pädagogik als Common Sense, Spenderkinder so früh wie möglich über ihre Entstehung aufzuklären. Allerdings hätten viele Eltern Angst davor, die Wahrheit zu erzählen, sagt Julia Inthorn, Direktorin des Evangelischen Zentrums für Gesundheitsethik. Dennoch ahnen viele Kinder etwas.

Recht auf den Namen des Vaters

In Deutschland gibt es ein Recht auf Kenntnis erlangbarer Informationen über die Abstammung, das sich aus den Grundrechten ableitet. Ein Mindestalter gibt es dafür nicht, urteilte der Bundesgerichtshof vor einem Jahr. Einen ausdrücklichen formulierten Gesetzesanspruch für Spenderkinder gibt es aber nicht. In Deutschland sind davon etwa 100.000 Kinder betroffen, die mithilfe von Samenspenden gezeugt wurden.

Als Martina vor gut zwei Jahren endlich von ihrer Mutter erfuhr, dass sie mit Hilfe einer fremden Samenspende entstanden ist, war das für sie eine Befreiung: "Weil ich wusste, dass ich die ganze Zeit recht gehabt habe, dass mein Körpergefühl stimmte. Mein Selbstvertrauen ist seitdem bombastisch gewachsen."

Auch Anne Meier-Credner ist mit Hilfe einer anonymen Samenspende zur Welt gekommen. Doch sie sagt: "Ich finde die willentliche Trennung von genetischer, sozialer, rechtlicher Elternschaft schwierig, weil es bedeutet, dass ein Mensch mehrere Kinder in die Welt setzt, aber kein Interesse am Kind als Person hat."

"Ich habe eine feste Säule dazu bekommen"

Dietrich gehört zu den ganz wenigen Samenspendern, die sich selbst auf die Suche gemacht haben nach möglichen Kindern. Er hat eine Speichelprobe von einer DNA-Datenbank analysieren und registrieren lassen, um mögliche Übereinstimmungen zu finden. Vor eineinhalb Jahren war es soweit: "Ich habe in die Datenbank geschaut und gedacht, mich laust der Affe. Ich hatte plötzlich einen neuen 'Match': Vater-Tochter. Dass sich etwas ganz Besonderes in meinen Leben abspielt, das habe ich sofort erkannt", so Dietrich.

Er hat Kontakt aufgenommen zu Britta, die mit Hilfe seiner Samenspende entstanden ist. Mittlerweile besucht Britta, die mit ihrer alleinerziehenden Mutter aufwuchs, regelmäßig Dietrich und seine Familie: "Ich habe jetzt auch eine Familie, die mir keiner mehr nehmen kann", sagt Britta. "Ich habe eine feste Säule dazu bekommen, die genetisch zu mir gehört. Das bleibt, das kann keiner löschen."

Ein Vater trägt seinen Sohn auf den Schultern © picture alliance / Westend61 | Josep Rovirosa Foto: Josep Rovirosa

AUDIO: Spenderkinder auf der Suche nach ihrer Identität (1/2) (37 Min)

Eine Familie steht im Abendlicht am Meer © picture alliance / JFK / EXPA / picturedesk.com | JFK

AUDIO: Spenderkinder auf der Suche nach ihrer Identität (2/2) (32 Min)

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