Stand: 30.04.2020 15:06 Uhr

Kirche und Missbrauch: Aufarbeitung ist kein Ehrenamt

von Florian Breitmeier

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes Wilhelm Rörig, spricht von einer "historischen Entscheidung". Er meint damit die von ihm neu geschlossene Vereinbarung mit der Deutschen Bischofskonferenz. Darin verpflichtet sich die katholische Kirche zu einer umfassenden, transparenten, einheitlichen und vor allem unabhängigen Aufarbeitung von Missbrauchsfällen in den einzelnen Bistümern. Dafür sollen Kommissionen gegründet werden. Weniger als die Hälfte der dort ehrenamtlich tätigen Mitglieder sollen bei der Kirche beschäftigt sein oder in einem diözesanen Laiengremium aktiv sein. Es soll untersucht werden, wie die Kirche mit Missbrauchsfällen umgegangen ist und welche Strukturen die Gewalt begünstigt oder erleichtert haben. Florian Breitmeier kommentiert.

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Florian Breitmeier leitet seit 2017 die Redaktion "Religion und Gesellschaft" bei NDR Kultur.

Kein Zweifel: Die Vereinbarung bedeutet einen großen Schritt nach vorn. Erstmals schreibt in Deutschland eine Institution für sich verbindliche und überprüfbare Standards fest, wie die Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt in den eigenen Reihen erfolgen soll. Und die Bistümer wollen dabei konsequent auf den Blick von außen setzen. Das ist respektabel, weil es hierzulande leider immer noch nicht selbstverständlich ist. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass es ein langer und für viele Betroffene auch zu langer Weg war, bis sich die katholische Kirche endlich zu verbindlichen Kriterien für eine unabhängige Aufarbeitung durchringen konnte. Die Diskussion darüber in der Bischofskonferenz verlief mutmaßlich nicht spannungsfrei. Davon zeugt, wie schnell einzelne Oberhirten nach der 2018 veröffentlichten großen Studie, die das schockierende Ausmaß des Missbrauchs offengelegt hatte, für ihre Bistümer eigene Studien und Projekte initiierten, auch Kommissionen einsetzten. Aber aus bischöflichen Partikularinteressen ein gemeinsames Projekt auf Bundesebene zu schmieden, das fiel den Vertretern einer weltumspannenden Glaubensorganisation schwer.

Keine nationale Wahrheitskommission

Und dass bei der Vereinbarung die katholischen Orden fehlen, ist ein Armutszeugnis. Nicht immer möchte man also mit Blick auf die katholische Kirche von einer "heilsamen Dezentralisierung" sprechen, wie Papst Franziskus das gerne tut. Betroffene sexualisierter Gewalt hatten sich vermehrt für einen nationale Wahrheitskommission ausgesprochen, die mit einem robusten Mandat versehen und ausgestattet mit genügend Geld vieles sicher besser hätte kontrollieren können, als die nun geplante Geschäftsstelle, in der die Ergebnisse aus den 27 Bistümern mit ihren jeweilen Kommissionen gebündelt und ausgewertet werden sollen. Auch angesichts der Milliardensummen, die derzeit als Konjunkturhilfen in der Corona-Pandemie staatlicherseits locker gemacht werden, will es einem nicht so recht einleuchten, weshalb auch der Politik das gesellschaftliche Megathema Missbrauch nicht deutlich mehr Geld wert ist.

Auch der Staat bleibt in der Pflicht

Denn nach wie vor ist ein Beratungsangebot für Betroffene sexualisierter Gewalt flächendeckend nicht gewährleistet. Gerade auf eine geschulte Ärzteschaft, auf gut ausbildete Psychotherapeutinnen und -therapeuten sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Kinderschutzzentren wird es aber ankommen, um das Leid zumindest zu lindern.

Formulierungen in der Präambel der nun verabschiedeten Erklärung, wonach man sich für die weitere notwendige politische Unterstützung engagiere, belegen das schmerzhaft. Auch der Staat bleibt in der Pflicht, nicht nur die Kirche. Arbeit kostet Geld, das weiß die Bischofskonferenz. Bitter stößt deshalb aber in der Vereinbarung der Passus auf, dass die Mitgliedschaft in den jeweiligen Kommissionen auf Bistumsebene ein Ehrenamt sein soll. Aufarbeitung aber ist kein Ehrenamt. Und ob eine Aufwandsentschädigung der wichtigen Arbeit insgesamt Rechnung trägt, darf bezweifelt werden.

Kein schlechter Kompromiss

Ja, die nun getroffene Vereinbarung der Deutschen Bischofskonferenz mit dem unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs ist ein Kompromiss. Aber es ist kein schlechter Kompromiss. Man kann etwas aus ihm machen. Er kann eine gute Grundlage sein, um zu handeln. Ganz entscheidend wird dabei die Frage sein, ob bei der Aufarbeitung und der geplanten Veröffentlichung der Ergebnisse der Persönlichkeitsschutz von Tätern und Vertuschern mit Verweis auf das kirchliche Datenschutzgesetz absolut gilt oder nicht. Hier sind strittige Diskussionen programmiert. Den Willen zur unabhängigen Aufarbeitung nach einheitlichen Kriterien sollte man der katholischen Kirche aber nicht absprechen. Unter Zugzwang geraten nun die evangelischen Landeskirchen, wo einheitliche und verbindliche Standards bei der Missbrauchsaufarbeitung weiterhin fehlen. Auch die EKD wäre gut beraten, konsequenter als bisher auf Kontrolle, Kritik und Expertise von außen zu setzen. Das gelingt nur mit verlässlichen und transparenten Strukturen, die zweifellos Geld kosten.  Daran aber mangelt es der evangelischen wie der katholischen Kirche nicht.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Blickpunkt: Diesseits | 03.05.2020 | 07:05 Uhr