Stand: 01.10.2019 15:12 Uhr

Glosse: Das digitale Zulassungswunder fällt aus

Jetzt können Autos online, also per Mausclick an- und umgemeldet werden. Es klingt wie eine Revolution, was die Behörden da anbieten. Schließlich würden die stunden - oder auch tagelangen Behördengänge entfallen.

Eine Glosse von Detlev Gröning

Gut, dass heute nicht der erste April ist, sonst hätte man der Nachricht nur ein bitteres Auflachen gewidmet. Wie bitte? Die Kfz-Anmeldung, einer der nervenaufreibendsten Behördengänge seit Erfindung des Staatswesens soll jetzt gemütlich von zu Hause übers Internet laufen? Da juckt es mir doch in den Fingern, meine Karre spontan mal ab - und hinterher sofort wieder anzumelden. Einfach nur so. Weil ich es kann. Wie man das in meiner Jugend wohl genannt hätte: Utopie, Science-Fiction, Drogen-Fantasie, Hirngespinst, ich weiß es nicht.

Damals wickelten zwei stadtbekannte, heute würde man wohl sagen "Kult-Beamte" unserer Kreisverwaltung die gesamte Mobilität der Region hinter einer Art Verkaufstresen ab, der die Demarkationslinie zwischen meiner über den Winter abgemeldeten Herkules K50 und der einsetzenden Moped-Saison bildete.

Eine Hand malt Zahlen auf ein Kennzeichen. © NDR Foto: Andreas Schaser

Doch kein Zulassungswunder?

NDR Info - Auf ein Wort -

Autos von nun an online an- und ummelden, eine Revolution findet Detlev Gröning. Schließlich würden die stunden- oder auch tagelangen Behördengänge entfallen.

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Wie froh ist der, der die Plakette auf dem Kennzeichen erhalten hat.

Da galt es, sich vorsichtshalber zwei Tage von der Lehrstelle abzumelden, im total verqualmten Souterrain zum Stempelduo vorzudringen und dort selbst Fahrzeugschein, Versicherungskarte und allerlei Bescheinigungen vorzulegen, von denen grundsätzlich eine fehlte. Das konnte mal ein TÜV-Bericht, mal eine Abmeldebescheinigung oder ein beglaubigtes Familienstammbuch sein. Auf der heiklen Besorgungsfahrt ohne Nummernschild geriet man dabei rasch unter Zeitdruck, denn besagtes Amtspersonal war nur von sieben bis zwölf ansprechbar. Und so konnte es schnell passieren, dass sich die Aufrufnummer 164 von 7.26 Uhr als Niete herausstellte, sodass man erst in der Herrgottsfrühe des Folgetages erlebte, wie eine Hilfskraft im strömenden Regen auf den Parkplatz hastete, um die Plaketten auf das ordnungsgemäß angebrachte Kennzeichen zu kleben.

Was nun im Zuge der Neuerung aus den bisherigen Insassen der Zimmer 201 bis 216 wird, ist so fraglich wie das Schicksal des Schilderdruckers gegenüber, der seine Goldmine zunageln kann. Womöglich teilen sie alle das Schicksal Hunderttausender gefeuerter Solarbeschäftigter und Filial-Bänker, die sich still, traurig aber leider über die Republik verstreut ihre Papiere abholten; anders als bedrohte Bergleute, die ob ihrer regionalen Verdichtung erfolgreich mit der AfD drohen.

Aber Gemach: Erstens möchte die Kfz-Behörde das Aufkleben der TÜV-Plakette nicht dem trügerischen Uhrzeigersinn des Fahrzeughalters überlassen, und zweitens gilt die Neuerung nur für Fahrzeuge ab Baujahr 2015, das Jahr, in dem meine Kiste ihren zwölften Geburtstag feierte. Hier verläuft die feine Linie zwischen Reform und Revolution. Letztere fällt ins Wasser, also: Wir sehen uns in morgendlicher Frische wieder  - wie gewohnt bei der Nummernziehung.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 01.10.2019 | 18:25 Uhr