Stand: 15.10.2019 16:53 Uhr

Das Kettcar rollt in den Abgrund

Das Traditionsunternehmen Kettler ist pleite - und damit ist auch das Ende des Kettcars besiegelt. Ein Fortbewegungsmittel, das seine besten Zeiten allerdings sowieso schon lange hinter sich hat.

Eine Glosse von Detlev Gröning

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Wer einmal auf einem Kettcar saß, vergisst das Fahrgefühl nie.

An einem sonnigen Tag wie heute von Weihnachten zu reden, scheint deutlich verfrüht, aber es hilft ja nichts, stand doch das Kettcar meiner Kindheit über Jahre an der Pole-Position unter der lamettaverhüllten Nordmann-Tanne - weit vor Kinderpost, Knallplätzchen-Colt und Kaufmannsladen.

Während unsere Oma am festlichen Tisch aus ihrer genügsamen Jugend referierte, wo sie über Apfel, Nuss und Mandelkern in eine barocke Glücks-Ohnmacht fiel, schoss ich auf dem Kettcar - zusammen mit Dackel und Flurläufer - über die Zielschwelle zum Esszimmer.

Das Bild zeigt Kettcars der Firma Kettler aus den 60er-Jahren. © dpa bildfunk

Mit dem Kettcar ist jetzt Schluss

NDR Info - Auf ein Wort -

Es hat sich ausgetreten und -gerollt: Das Ende des Kettcars ist besiegelt. Detlev Gröning schreibt in seiner Glosse über die besseren Zeiten des coolen Fortbewegungsmittels.

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Machen wir uns auch nachträglich nichts vor: Für das Kettcar gab es nie ein wirklich durchdachtes Mobilitätskonzept für Etagenwohnungen. Heißt konkret: Ungenügender Wendekreis vor der Phono-Truhe, mangelnde Flexibilität an der Bodenvase, hinzu kam ein unnachgiebiger Grip bei der Vollbremsung auf Parkettboden, deren Spur nicht mal so eben wegzubohnern war. Noch Jahre später zeugten schwarze Abriebstreifen vom sprunghaften Aufwuchs des innerhäuslichen Nahverkehrs, in dem besagte Großmutter schon nach wenigen Tagen vor dem Verlassen ihres Zimmers ängstlich nach links und rechts guckte. Ihr Sohn - was mein Vater war - dachte schon über das Aufmalen eines Zebrastreifens nach. In diesem Design gab es im Handel bereits einen angeblichen Badezimmerläufer, aber Kettcars waren damals so verbreitet und die Winter dermaßen lang, dass es sich dabei in Wahrheit um einen Indoor-Fußgänger-Überweg gehandelt haben wird.

Mit sieben oder acht Jahren war das Kettcar noch Konsens. Auch spätere Profis wie Schumacher und Frentzen vertrauten als Kinder instinktiv auf den unverwüstlichen Kettler-Rohrrahmen, dessen Hersteller jetzt mit qualmenden Bilanzen endgültig in die Boxengasse rollt. Ähnlich ging es aber auch jenen, mit deren Produkten man damals auf getrennten Karrierewegen aneinander vorbei spielte: Am Faller-Straßennetz bastelten die Stadtplaner von morgen, auf der Carrera-Bahn übten andere ihren späteren Kurvenabflug im Honda CRX - und die verfeindeten Anhänger von Märklin und Fleischmann grüßen sich bis heute nicht.

Was genau Kettler in den Abgrund fahren ließ, ist mir ein Rätsel. Wir von der zweiten Grundschulklasse haben uns diese Pleite jedenfalls nicht vorzuwerfen. Mysteriös erscheint mir heute auch der Verbleib meines kaminroten Renners. Irgendwo müsste das Ding noch sein, kaputt war es jedenfalls nie. Trotzdem ist es weg. Und das ist wirklich schade, denn heute war ein idealer Kettcar-Tag!

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 15.10.2019 | 18:25 Uhr