Stand: 08.10.2019 17:47 Uhr

Als Autoaufkleber noch politisch waren

Blockierte Straßenkreuzungen, große Debatten über zivilen Ungehorsam - der Protest dieser Tage, befeuert durch den Klimawandel, erinnert ein wenig an vergangene Zeiten, als Straßenblockaden auch schon einmal angesagt waren. Nur eines fehlt noch: die Autoaufkleber, die Aufschluss gaben über die Einstellung der Menschen am Lenkrad.

Eine Glosse von Udo Schmidt, NDR Info

Kennen Sie noch die "Atomkraft? Nein Danke"-Aufkleber? Die lachende rote Sonne vor gelbem Hintergrund? Gerne auch in der "Nej Tak" oder "Nee bedankt"-Version als Ausdruck grenzüberschreitender Solidarität. Wenn ich in diesen Tagen doch noch mal so einen Aufkleber sehe - am besten auf der Heckklappe eines bereits etwas betagten Volvo Kombis -, dann stehen mir die Tränen in den Augen.

Man war dagegen - und das war gut

Auf dem schwarzen Auto ist groß gezeigt ein gelber runder Aufkleber mit der Aussage "Fahrverbote? Nein Danke!" und einem weiß-orangenen Symbol für eine lächelnde Zapfpistole. © imago Foto: Arnulf Hettrich

Haltung zeigen am Autoheck

NDR Info - Auf ein Wort -

Die Klimaproteste erinnern an vergangene Tage. Nur die Autoaufkleber fehlen, die Aufschluss über die politische Einstellung des Fahrers geben, meint Udo Schmidt in seiner Glosse.

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Was waren das für Zeiten, als die Haltung, die politische Einstellung auf dem bereits etwas blind gewordenen Autolack drapiert etwas ganz und gar Selbstverständliches war. Man brauchte irgend so einen Aufkleber, um im oppositionellen Mainstream mit zu schwimmen. Und dass die strikte Ablehnung der radioaktiven Gefahr, die von AKW ausgeht, nicht im Widerspruch stand zum alten Diesel-Volvo oder VW LT-Bus, gerne von Kinderhand bemalt, der mit schwarzen Rußwolken auf jedem gefahrenen Kilometer die Umwelt brutal belastete und Radfahrer schwindelig werden ließ, das war kein Problem.

So gradlinig musste man nun auch nicht sein. Man war dagegen - und das war gut. Der ganze gute Mensch war noch nicht gefordert. Jedenfalls musste er noch nicht so umfassend moralisch integer sein wie es heutzutage erwartet wird.

Mit wagemutigen Aufklebern durch alle Grenzkontrollen

Meine 2CV-Ente (ich weiß, ein Klischee, aber es gab sie wirklich!) mit sensationellen 21 PS, in drei Farben gehalten (weil aus Schrottplatz-Teilen sagen wir mal ergänzt) und ebenfalls ökologisch bedenklich, benötigte die Aufkleber dringend, um große Rostlöcher abzudecken.

Und mein Simca 1500, mit dem wir bis Marokko fuhren, kam trotz des wagemutigen Aufklebers "Stell dir vor es ist Krieg - und keiner geht hin" durch alle Grenzkontrollen. Und die Marokkaner, die sich damals gerade im Krieg mit der Polisario, der Befreiungsbewegung der Westsahara befanden, interessierte der Schnickschnack auf der Heckscheibe der langhaarigen Freaks auch nicht wirklich.

Autoaufkleber verrieten auch privates Glück

Man präsentierte knallhart die eigene Meinung, musste aber nicht jeden Moment so furchtbar konsequent sein. Was für schöne Zeiten waren das denn? Den entschiedenen und irgendwie linksradikal anmutenden Bekenntnissen folgte die Familienphase. Bei vielen jedenfalls. Auf dem nun polierten Lack eines VW Golf etwa gab das rot-umrandete Dreieck mit der Aussage "Baby an Bord" Einblick in die Lebensstruktur der Fahrzeug-Insassen. "Baby an Bord", Lisa freut sich, wahlweise auch Felix, stand oft daneben. Schön, habe ich immer gedacht. Ich freue mich für euch. Wirklich!

"Parke nicht auf unseren Wegen"

Bis Lisa und Felix dann Rad fahren konnten und - wahrscheinlich von ihren umweltbewegten Eltern angestiftet - "Parke nicht auf unseren Wegen"-Aufkleber auf die Seitenspiegel der Autos pappten.

Womit Lisa und Felix natürlich grundsätzlich Recht hatten, Parken auf Fahrradwegen ist blöd. Blöd war allerdings auch, dass die Aufkleber einfach nicht vom Spiegelglas runter wollten. Irgendwie aber auch schon wieder von gestern.

Blockiert durch "Extinction Rebellion"

Heute sind es die Zettel unter dem SUV-Scheibenwischer "Dein Auto ist zu groß. Dein Ego offenbar auch" oder so ähnlich. Immerhin nicht geklebt. Aber sehr, sehr ernst. Mit den Aufklebern ist es weitgehend vorbei - wie mit den Autos ja wohl auch bald.

Irgendwo habe ich noch so eine Friedenstaube oder einen Anti-AKW-Aufkleber. Die klebe ich mir an meinen Alfa und lasse mich von einer "Extinction Rebellion"-Gruppe blockieren. Einmal noch.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 08.10.2019 | 18:25 Uhr