Stand: 26.09.2019 15:30 Uhr

Radiopreis: Dabei sein ist eben nicht alles!

Holger Senzel, ARD-Korrespondent in Singapur, hat am Mittwochabend den Deutschen Radiopreis für die beste Reportage verliehen bekommen. Er hatte über die Folgen eines Erdbebens auf der indonesischen Insel Sulawesi berichtet.

Eine Glosse von Holger Senzel, NDR Info

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Radiopreis-Gewinner Holger Senzel von NDR Info macht die Auszeichnung auch nachdenklich.

"Schon die Nominierung ist eine Ehre" oder "Dabei sein ist alles" - was hab ich mir nicht alles vorher überlegt, um mich selbst zu trösten, falls ich den Preis nicht bekomme. Purer Selbstbetrug. Natürlich will man das Ding nach Hause holen, wenn man schon da ist.

"Auf keinen Fall Enttäuschung zeigen", hat man uns Nominierten vor der Preisverleihung eingeschärft. "Freut Euch mit den Gewinnern."  Klar, hätte ich gemacht - für die Kameras. Obwohl es natürlich - wenn wir ehrlich sind - der Gipfel der Heuchelei ist. Nein, ich gönne keinem anderen diesen Preis.

Aber gut, hat ja geklappt. Fühlte sich grandios an - da vorne auf der Bühne zu stehen, die Trophäe in der Hand zu halten und erzählt zu bekommen, wie großartig ich bin. Wow. Mehr davon. Aber macht natürlich auch nachdenklich - einen Preis zu bekommen für eine Reportage aus einem Erdbeben-Gebiet. Die eindringliche Schilderung von Not, Elend und Verzweiflung. Ich meine: Was ist das für ein Beruf, der seine Sternstunden erlebt, wenn es anderen besonders schlecht geht?

Marietta Slomka übergibt den Deutschen Radiopreis 2019 für die beste Reportage an Holger Senzel. © Deutscher Radiopreis / Benjamin Hüllenkremer Foto: Benjamin Hüllenkremer

Deutscher Radiopreis: "Ich habe gewonnen"

NDR Info - Auf ein Wort -

Holger Senzel ist einer der Preisträger des Deutschen Radiopreises. Das mache ihn stolz aber auch nachdenklich, meint er und bittet auf ein Wort.

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Traurige Geschichten ins Mikrofon erzählen

Habe ich mich schon gefragt, als ich berichtet habe aus den Trümmern, dem Erdbebengebiet in Sulawesi auf Indonesien. Was mache ich hier? Alle um mich herum helfen. Versorgen Verletzte, bergen Tote, räumen Trümmer bei Seite. Und ich, ich stehe da einfach rum mit meinem Mikrofon. Aber als dann die Menschen mir ihre traurigen Geschichten ins Mikrofon erzählten und sagten: Toll, dass Du da bist. Dass Ihr Journalisten hier seid und dafür sorgt, dass wir nicht vergessen werden - da wusste ich auch wieder, warum ich das tue.

Und als ich dann aus Elend und Leichengeruch wieder in mein bürgerliches Leben nach Hause flog - da wusste ich auch wieder, wie reich ich bin. Und welch unsagbares Glück es ist, dass meine Lieben wohlauf und am Leben sind. Welches Glück ein Dach über dem Kopf ist. Eine funktionierende Toilette, Wasser aus der Leitung, Strom. Ein kaltes Bier oder dass ich in ein Geschäft gehen und für das Abendessen einkaufen kann.

Einfach nur Glück gehabt

Ich will daraus jetzt keine Diskussion über Gerechtigkeit machen. Natürlich haben diese Menschen  - so wie die Rohingya in den Flüchtlingslagern in Myanmar, die Menschen im Syrienkrieg und, und und - ihr Elend genauso wenig verdient - wie ich es verdient habe, dass ich so reich und privilegiert bin. Ich hatte einfach Glück, dass ich zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort geboren wurde. Als Sohn eines Tagelöhners in Kalkutta hätte ich vermutlich jetzt nicht in der Elbphilharmonie den Deutschen Radiopreis in Empfang nehmen können.

Das ist kein Grund, sich zu schämen, nein. Aber Grund genug, dieses Glück ein wenig mehr schätzen zu wissen. Dankbar zu sein. Und demütig. Und das Leben zu feiern, jeden Tag. Als Reporter habe ich oft genug erlebt, wie zerbrechlich es ist.

Weitere Informationen

NDR Info und N-JOY erhalten Deutschen Radiopreis

Für seine Reportage nach dem Erdbeben in Indonesien ist Holger Senzel von NDR Info mit dem Deutschen Radiopreis ausgezeichnet worden. Die N-JOY Morningshow wurde als Beste Morgensendung prämiert. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 26.09.2019 | 18:25 Uhr