Eine junge Frau sitzt mit Kopfhörern vor einem Laptop. © kastoimages / photocase.de Foto: kastoimages / photocase.de

Digitalisierung als Chance für Frauen

Stand: 03.05.2021 06:16 Uhr

Die zunehmende Digitalisierung als Folge der Virus-Pandemie bietet vielfältige Möglichkeiten für Frauen - vor allem in der IT-Branche.

von Verena von Ondarza

Digitalisierung ist weiblich - das gilt zumindest für den Hamburger Hafen. Seit 2013 ist er auf dem Weg zu einem so genannten Smart Port - jede kleinste Bewegung wird digital gesteuert. Außerdem ist er Testregion für den neuen Mobilfunkstandard 5G. All diese Prozesse plant Phantian Zuesongdham, Digitalchefin der Hamburg Port Authority HPA. Während der Pandemie hat dieser Prozess noch einmal deutlich an Fahrt aufgenommen - vor allem in der inneren Arbeitsorganisation: "Früher ist man von einem Termin zum nächsten gerannt. Jetzt hat man die Erkenntnis, dass ein digitales Meeting so gut und so effektiv ist wie ein Präsenzmeeting."

"Lern dein Leben lang!"

Phantian Zuesongdham, Digitalchefin der Hamburg Port Authority HPA © Phantiam Zuesongdham Foto: Julia-Anna Grzywinski
Phantian Zuesongdham wurde ihr eigentlicher Berufswunsch Kapitänin verwehrt. Heute ist sie Leiterin der Einheit Digital and Business Transformation bei der Hamburg Port Authority

Die gebürtige Thailänderin hat früh gelernt, sich mit Männerdomänen auseinander zu setzen. Als Teenagerin wollte sie Kapitänin auf einem Containerschiff werden. Doch in Thailand nahmen die Seefahrtsschulen damals keine Frauen auf. Zu den dicken Pötten kam sie über Umwege: ein Logistikstudium mit Promotion in der Prozesssteuerung. Die Hälfte ihres Teams sind Frauen. Sie wähle ihr Personal nicht nach Geschlecht aus - sondern vor allem nach der Einstellung oder wie sie es nennt, dem Mindset: "Wenn wir glänzen, dann glänzen wir als Team. Ich versuche bei der Personal-Auswahl zu schauen, wer hat die Stärke, die bei uns im Team noch fehlt. Ich glaube, in dieser Zeit braucht man mehr Mut denn je. Ich glaube, Frauen neigen dazu, sich zurückzunehmen - das müssen wir abstellen. Ich sage immer: sei mutig, neugierig, hungrig. Lern dein Leben lang!"

Weiterbildungsagentur sucht gezielt weiblichen Nachwuchs

Wie die HPA-Digitalchefin sind zurzeit viele Unternehmen gezielt auf der Suche nach Nachwuchs - für die Technikabteilungen sollte der bevorzugt weiblich sein. Sie finden ihn - mangels Uni-Absolventinnen - unter anderem bei der Weiterbildungsagentur Neue Fische in Hamburg. Nach dem Prinzip der Bootcamps in den USA, werden hier Quereinsteiger*innen in einer dreimonatigen, sehr kompakten und praxisorientierten Weiterbildung zu Coder*innen, Datenanalyst*innen und WebEntwickler*innen ausgebildet.

Auch soziale Kompetenzen werden getestet

Dalia Das von der Weiterbildungsagentur Neue Fische in Hamburg © neue fische Foto: Andreas Weiss
Dalia Das sucht in ihrer Weiterbildungsagentur gezielt nach weiblichem Nachwuchs

Auch bei Neue Fische bewerben sich im Schnitt mehr Männer als Frauen. Aber am Ende des Auswahlverfahrens sind in den Klassen in der Regel zu 50 Prozent Frauen - ohne dass es einer Quote bedarf, sagt Geschäftsführerin Dalia Das. Der Grund sei ihr Auswahlverfahren, das auch auf soziale Kompetenzen testet: "Frauen schneiden bei der Kommunikationsfähigkeit, der Teamfähigkeit und der Selbstlernfähigkeit deutlich besser ab, als so mancher Mann."

Eine Frau arbeitet zuhause am Laptop. © dpa - Picture Alliance Foto: Tetra Images
AUDIO: Digitalisierungsschub als Chance für Frauen (9 Min)

Teams müssen heute anders geführt werden

Während der Pandemie findet die Ausbildung weitestgehend als digitaler Fernunterricht statt. Auch hier zeige sich, dass Frauen oft besser organisiert durch das Programm kommen. Dalia Das hat ihr Bootcamp auf die Bedürfnisse der Wirtschaft zugeschnitten. Der digitale Wandel geht dort oft mit einem generellen Kulturwandel einher, bestätigt Tanja Reimer, Wissenschaftlerin an der Uni Flensburg: "Teams arbeiten heute eher eigenorganisiert und brauchen eine andere Art der Führung als früher. Nicht mehr von oben herab befehlen und kontrollieren, sondern moderierend und coachend das Team leiten."

Gemischte Teams sind erfolgreicher

Da brauche es Empathie und Freude an der Kommunikation. Beides Eigenschaften, die in der Forschung noch unter der Kategorie Feminine Führungsstärken gelabelt werden - auch wenn männliche Führungskräfte sie zunehmend ebenfalls nutzen. In der Praxis, so zeigen Studie von Tanja Reimer, sind Unternehmen, die auf gemischte Teams setzen, erfolgreicher als die Konkurrenz und auch intern im Prozess der Digitalisierung.

Geschlechtergrenzen könnten verschwinden

Für Dalia Das ist das ein Grund zur Hoffnung darauf, dass in der digitalen Arbeitswelt von morgen Geschlechtergrenzen verschwinden könnten: "Das ist die große Chance für Frauen - diese Berufe sind völlig neu! Der Bereich Data Science - also die systematisierte Datenauswertung - ist noch nicht so stark männerdominiert. Gerade im Umfeld von künstlicher Intelligenz reden wir oft von Gender Bias - also der geschlechtsspezifischen Voreingenommenheit. Das heißt: Es ist enorm wichtig, wer die Fragen formuliert, mit denen die Maschinen gefüttert werden, damit sie automatische Ergebnisse auswerfen.

 

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NDR Info | Wirtschaft | 28.04.2021 | 07:41 Uhr

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