Ein Mann tippt auf ein virtuelles Display © Colourbox Foto: Sergey Nivens

Arbeitswelt im Wandel: Chancen und Risiken

Stand: 28.04.2021 06:16 Uhr

Automatisierung und Digitalisierung treiben den Wandel der Arbeitswelt schneller als je zuvor voran. Auch die Corona-Pandemie trägt zu diesem Wandel bei. Wie wird sie aussehen, die Arbeit der Zukunft?

von Susanne Tappe

"Die Arbeit geht uns nicht aus!" - daran änderten auch die viel gebrauchten Schlagworte Digitalisierung, Automatisierung und Künstliche Intelligenz nichts, sagt Gabriel Felbermayr, Leiter des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel. Zum Beweis zieht er die Geschichtsbücher heran: "Man kann die ganze Wirtschaftsgeschichte sehen als eine Geschichte der Automatisierung. Also als eine Geschichte, in der immer mehr Muskelkraft durch Maschinen ersetzt wurde. Aber die Wirtschaftsgeschichte ist gerade keine Geschichte des Wegfallens von Arbeitsplätzen."

Die Arbeit wird nicht weniger, aber sie verändert sich

Ein Porträtbild von dem Automobilexperten Professor Dr. Stefan Bratzel. © Stefan Bratzel
In der Autobranche droht in einigen Bereichen massiver Stellenabbau, sagt Branchenexperte Stefan Bratzel

In Summe wird die Arbeit also nicht weniger, aber sie verändert sich, und das kann in einzelnen Bereichen sehr wohl Jobs kosten. Das beste Beispiel dafür ist Deutschlands sogenannte Schlüsselindustrie, die Automobilbranche. Automatisiert wurde hier in den vergangenen Jahrzehnten schon vieles: Schrauben ziehen heute öfter knallorange Kuka-Roboter fest als Arbeiterhände. Doch der Umstieg vom Verbrenner auf den E-Motor beschleunigt diesen Wandel rasant. Und da drohen einige Unternehmen und Arbeitnehmer abgehängt zu werden, sagt der Branchenexperte Stefan Bratzel: "Die, die in den traditionellen Bereichen rund um Verbrennungsmotor, Getriebe unterwegs sind, müssen sich tatsächlich sich schon Gedanken machen. Hier wird ein starker Abbau von Arbeitsplätzen in den nächsten Jahren passieren."

Roboter-Greifer übergeben einen weißen Kubus © fotolia.com Foto: Patrick P. Palej
AUDIO: Zukunft der Arbeit: Was verändert sich? (9 Min)

Viele Autokonzerne investieren in Fortbildungen und Umschulungen

Um in Zukunft auf genügend qualifizierte Arbeitnehmer zurückgreifen zu können, investierten viele Autokonzerne bereits in betriebliche Fortbildungen und Umschulungen, sagt der ehemalige Wirtschaftsweise Bert Rürup. Aber: "Die Unternehmen machen das, was für sie gut ist. Aber was für sie gut ist, reicht nicht aus, um auch für die Gesellschaft gut zu sein - gerade wenn ich einen schnellen Strukturwandel habe."

Fast alle Branchen wird Strukturwandel treffen

Marcel Fratzscher © dpa/picture alliance
"Der Staat müsse die Menschen auf den Strukturwandel vorbereiten", sagt Marcel Fratzscher

Dieser Strukturwandel durch Digitalisierung und Automatisierung wird in Zukunft nämlich nicht nur Autokonzerne treffen, sondern mehr oder minder alle Branchen. Und die einzige Konstante dabei ist die Veränderung. Soll heißen: Der Wandel wird nicht plötzlich wieder aufhören. Darauf müsse der Staat die Menschen vorbereiten, fordert der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher: "Und deshalb brauchen wir auch im Bereich Innovation, im Bereich Bildung und Qualifizierung eine Kehrtwende, damit das gelingt.“

"Deutsches Schulsystem nicht auf Digitalisierung vorbereitet"

Denn auch lebenslanges Lernen will gelernt sein. Und da gibt es aus Sicht von Elisabeth Botsch, Arbeitsmarktforscherin bei der Hans-Böckler-Stiftung, noch einiges zu tun: "Corona hat eines gezeigt, dass wir in Deutschland ein Schulsystem haben, das überhaupt nicht auf die digitale Transformation vorbereitet ist. Da geht es nicht nur um Technik, sondern auch darum, wie gelernt und gelehrt wird. Und da geht es auch darum, die Lehrenden fortzubilden."

Veränderung muss nicht schlecht sein

Tatsächlich hat Corona viele altbekannte und lange verdrängte Probleme wie unter einem Vergrößerungsglas hervortreten lassen. Dieser Satz wurde im vergangenen Jahr so oft bemüht, er ist schon fast eine Plattitüde. Mindestens genauso oft wurden aber die Chancen beschworen, die der Krise innewohnen sollen. Und beides stimmt: Digitalisierung und Automatisierung werden die Arbeit verändern, aber das muss nicht schlecht sein.

Flexibles Arbeiten zuhause auch nach Pandemie

Beispiel Homeoffice: Zuvor von vielen Arbeitgebern prinzipiell abgelehnt, erlebte das flexible Arbeiten von zu Hause aus in der Pandemie einen Boom: "Wir alle haben gelernt, dass viel mehr möglich ist, als wir vorher dachten," sagt etwa Erik Wirsing, Leiter des Bereichs Global Innovation beim Logistikkonzern DB Schenker. Arbeiten, wo immer man will - in einem Häuschen auf dem Land, in den Bergen oder am Meer. Dass diese neuen Möglichkeiten nach der Pandemie wieder auf das Vor-Corona-Maß reduziert werden, glaubt kaum jemand. Die Arbeit wird uns also nicht ausgehen, aber sie wird sich verändern, und sie könnte auch schöner werden.

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NDR Info | Wirtschaft | 28.04.2021 | 06:41 Uhr

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