Stand: 30.04.2015 16:29 Uhr

Windparks auf dem Meer: Tiere als Gewinner?

von Florian Wöhrle, NDR.de
Bild vergrößern
Windparks haben enorme Ausmaße: DanTysk ist 19 Kilometer lang und fünf Kilometer breit.

Nun also auch der Kabeljau: Belgische Forscher haben herausgefunden, dass sich der Fisch in der Nordsee mit Vorliebe vom Bewuchs der Turbinenpfeiler von Windparks - wie dem jetzt eröffneten DanTysk westlich von Sylt - ernährt. Hier darf er sich auch besonders sicher vor Fischernetzen fühlen - schließlich herrscht zwischen den Anlagen auf hoher See Fangverbot.

Dafür muss der Kabeljau dort auf Kegelrobben und Seehunde achten, die offenbar auch eine Vorliebe für die menschengeschaffene Umgebung haben. Eine schottische Wissenschaftlerin fand mithilfe von Peilsendern heraus, dass die Meeressäuger "auf direktem Wege zwischen den Windrädern hin- und herschwimmen". Auf der Jagd könnten sie bald Hummern begegnen: Die in der Nordsee rar gewordenen Krustentiere werden im Offshore-Windpark Riffgat angesiedelt, weil sie in den künstlichen Steinaufschüttungen am Fuße der Pfeiler günstigere Bedingungen als am ansonsten schlickigen Nordseeboden vorfinden.

"In den Windparks herrscht Ruhe"

"In den vergangenen 60 Jahren wurde jeder Quadratmeter der südlichen Nordsee durch Fischerei bis zu einmal im Jahr umgepflügt. In den Windparks herrscht dagegen jetzt Ruhe", sagt Jennifer Dannheim vom Alfred-Wegener-Institut (AWI), die sich seit Jahren mit den Auswirkungen bestehender Windparks auf Wassertiere beschäftigt.

Bilden die Bauwerke auf hoher See also sogar die Grundlage für ein Mehr an Artenvielfalt? Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) sagt ja und bezieht sich dabei auf Forschungen am Windpark alpha ventus, wo Wissenschaftler auf eine Neuansiedlung von Seebull, Makrele und Leierfisch stießen. Laut BSH bilden die Fundamente der Offshore-Parks künstliche Riffs, an denen sich auch Muscheln, Seeanemonen und Seelilien sowie Seesterne breitmachen.

Langzeiteffekte unbekannt

Vielen Forschern und Naturschützern fällt das BSH-Urteil allerdings zu positiv aus. "Man sollte vorsichtig sein, die Offshore-Windparks als die Schutzgebiete der Zukunft zu verkaufen, dafür ist es einfach zu früh", sagt Meeresexperte Kim Detloff vom Naturschutzbund (NABU). "Wenn wir bald Tausende Turbinen im Meer stehen haben, verändern wir die Eigenschaften eines ganzen Ökosystems." Langfristig wisse man nicht, wer zu den Gewinnern und Verlierern gehöre, sagt auch AWI-Forscherin Dannheim. "Die meisten Untersuchungen laufen erst seit 2008. Also kennen wir die Langzeiteffekte nicht."

Bild vergrößern
Bedrohte Art: Sterntaucher meiden Windparks. Werden sie bald aus der Nordsee verdrängt?

Zu den Verlierern der Entwicklung gehören auf jeden Fall Rastvogelarten, deren Lebensraum durch die Windparks eingeschränkt wird. "Seetaucher sowie Eider- und Trauerenten meiden Windparks und deren Umgebung", sagt Ommo Hüppop vom Institut für Vogelforschung in Wilhelmshaven. "Sie fallen als Nahrungsgebiet aus." Sollte es in Zukunft noch mehr davon geben, gehe so viel Lebensraum verloren, dass etwa der Bestand der Sterntaucher bedroht sein könnte.

Dieses Thema im Programm:

DIE REPORTAGE | 22.04.2016 | 21:15 Uhr

Mehr Nachrichten

02:30
Schleswig-Holstein Magazin
02:32
Hallo Niedersachsen