Stand: 19.12.2019 13:57 Uhr

Wie "grüner" Wasserstoff der Chemie-Industrie hilft

Ines Burckhardt, NDR Info Wirtschaftsredaktion

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Weißöl wird zum Beispiel für Kosmetika und Lebensmittel benötigt.

Die Raffinerie der Hamburger H&R Ölwerke Schindler GmbH, die früher zum Mineralölkonzern BP gehörte, liegt im Hamburger Hafen, direkt an der Elbe. Es ist ein wilder Mix aus alten, rostigen Anlagen aus den 1920er-Jahren, zwei Schloten, von denen nur noch einer in Betrieb ist, und modernen Gebäuden, die neu dazu gekommen sind. H&R produziert hochveredelte Öl-Spezialitäten - wie zum Beispiel zähflüssiges Öl für den Straßenbau, Öl für die Reifenindustrie oder Weißöl für Kosmetika und Lebensmittel. Geschäftsführer Detlev Wösten erklärt: "Das geht von der Käserinde, Lebensmittel-Verpackung, bis hin zum Lippenstift und verschiedenen Cremes."

Wasserstoff wird fast komplett selbst hergestellt

Öle in Lebensmitteln, Kosmetika oder Medizin müssen sehr hochwertig, also rein sein. Und dafür braucht die Chemie-Industrie Wasserstoff, der etwa Schwefel aus dem Öl heraushydriert - wie es im Fachjargon heißt. Bis vor Kurzem hat H&R diesen Wasserstoff aus Erdgas produzieren und in Lkw anliefern lassen. Nun stellt das Chemie-Unternehmen ihn fast komplett selbst her, in einer Elektrolyse-Anlage ganz hinten auf dem Gelände: "Diese Anlage zeichnet sich eigentlich dadurch aus, dass sie spektakulär unspektakulär ist. Im Prinzip einfach eine Halle, in der diese vier Module stehen."

Die Hamburger Chemiefirma H&R Ölwerke Schindler GmbH stellt Wasserstoff selbst her © NDR Foto: Ines Burckhardt

H&R-Ölwerke setzen auf "grünen" Wasserstoff

NDR Info -

Die Hamburger H&R Ölwerke Schindler GmbH braucht Wasserstoff, um etwa Schwefel aus Öl herauszuhydrieren. Diesen stellt eine eigene Elektrolyse-Anlage her.

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Förderprogramm der EU

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H&R-Geschäftsführer Detlev Wösten (r.) - neben ihm Projektleiter Frederik Jahnke - spricht von hohen Investitionskosten.

Die Elektrolyse-Anlage ist das Prestigeprojekt des Hamburger Unternehmens. Zehn Millionen Euro stecken in der Anlage, 2,5 Millionen davon hat die EU im Rahmen einer Förderung übernommen. "Das sind im Moment noch sehr junge Technologien, die bis zu zehnfach höhere Investitionskosten haben gegenüber einem Standard-Steam-Reforming-Verfahren. Weshalb wir dieses Projekt auch nur umsetzen können, weil wir eine Investitionsförderung in Anspruch nehmen konnten", führt Wösten weiter aus.

Strom kommt aus erneuerbaren Energien

In der Anlage wird "grüner" Wasserstoff produziert. Das heißt, Wasser wird unter Strom gesetzt, sodass es sich in seine Bestandteile auftrennt: in Sauerstoff und Wasserstoff. Die Gase werden aufgefangen und gereinigt - und fertig ist der Wasserstoff. "Grün" ist er, weil der Strom für die Produktion, den H&R zukauft, aus erneuerbaren Energien kommt.

Anlage läuft "regelflexibel"

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Die Hamburger Chemiefirma H&R Ölwerke Schindler GmbH stellt Wasserstoff selbst her.

Das Besondere an der Anlage - die auch von der Umweltorganisation BUND gelobt wird - ist, dass sie regelflexibel ist. Das bedeutet: "Wenn mehr Wind weht, schaltet unsere Anlage um auf erhöhte Wasserstoff-Produktion, die wir dann in einem Zwischenpuffer speichern. Und das Ganze funktioniert umgekehrt genauso", sagt Wösten.

Stabilisiert das Stromnetz

Die Anlage kann sekundenschnell reagieren: Sie produziert viel Wasserstoff, wenn viel Strom aus erneuerbaren Energien zur Verfügung steht. Und sie produziert weniger oder gar keinen Wasserstoff, wenn wenig Strom verfügbar ist. Solche Speicher sind dringend notwendig, um das Stromnetz zu stabilisieren. Denn oft müssen in Deutschland etwa Windkraftanlagen vom Netz genommen werden, um eine Überlastung zu verhindern.

Machbar für gesamte Chemieindustrie?

Ist die Anlage bei H&R also die Lösung für Klimaschutz in der Chemieindustrie und in anderen CO2-intensiven Branchen? H&R-Geschäftsführer Wösten verweist auf eine Studie des Verbands der Chemischen Industrie, in der steht: "Dass eine nahezu vollständige Dekarbonisierung der Industrie möglich ist. Dass dieses aber voraussetzt, dass wir tatsächlich große Mengen 'Grünstrom' verfügbar haben und dieser auch günstig verfügbar gemacht werden muss."

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Der Stahlkonzern Salzgitter AG bräuchte Wasserstoff-Anlagen mit viel höherer Leistung.

Für die H&R-Anlage mag der "Grünstrom" reichen, sie ist mit einer Leistung von fünf Megawatt relativ klein. Aber ein Vergleich mit dem Stahlkonzern Salzgitter AG macht die Herausforderung deutlich: Dieser bräuchte Wasserstoff-Anlagen mit einer Leistung von 960 Megawatt, um die klimaschädliche Kokskohle abzulösen - dafür müssten Hunderte Windräder neu gebaut werden. Allein das wäre eine gewaltige Aufgabe.

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NDR Info | 19.12.2019 | 06:38 Uhr