Stand: 26.11.2019 11:40 Uhr

Wenn Mann beim Friseur gleich viel bezahlt

Gender Pricing - kaum jemand kennt diesen Begriff. Und doch betrifft er viele. Gemeint ist: Frauen - oder mitunter auch Männer - zahlen für Produkte und Dienstleistungen mehr. Nicht, weil ihnen etwas anderes geboten würde, sondern aufgrund ihres Geschlechts. Friseurdienstleistungen sind dabei der Bereich mit den höchsten und gleichzeitig häufigsten Abweichungen - bei vergleichbaren Leistungen. Ein Hamburger Friseursalon will das nun ändern.

von Nadja Mitzkat, NDR Info

Waschen, Schneiden, Föhnen für 65 Euro. Wer in den Friseursalon 4U in Hamburg-Winterhude kommt, lässt sich seine Haare etwas kosten. Bisher zahlen diesen Preis aber ausschließlich Frauen. Der Männerhaarschnitt kostet 20 Euro weniger. Das ändert sich von Dezember an. Dann gelten im Salon einheitliche Tarife unabhängig vom Geschlecht.

Gleicher Zeitaufwand, gleicher Materialeinsatz

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Bei Christian Zindel zahlen Männer ab Dezember genauso viel wie Frauen.

Christian Zindel ist einer von zwei Salonbetreibern und für das Betriebswirtschaftliche zuständig: "Wir nehmen uns für jeden Kunden eine Stunde Zeit für den Haarschnitt. Und das bisschen an Material brauchen wir bei einer Frau genauso wie bei einem Mann. Man nimmt bei einem Mann genauso eine Spülung, wenn die Haare trocken sind, wie bei einer Frau. Da haben wir gesagt, dass das einfach unfair ist, dass Frauen deutlich mehr zahlen als Männer."

Verbraucherschützer kritisieren Preisgebaren

Machen Friseursalons, die ihre Preise nach Männern und Frauen unterscheiden, also ihr Geschäft auf dem Rücken ihrer Kundinnen? Ja, meint Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg: "Das hat sich so eingependelt und dann hat man einfach die Preisbereitschaft austariert in vielen Jahren und hat gemerkt: 'Mensch die Frauen, die sind bereit mehr Geld auszugeben und das nehmen wir gerne mit'."

Valet verweist auf eine zwei Jahre alte Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Sie kommt zu dem Ergebnis: Frauen zahlen für einen Kurzhaarschnitt das Anderthalbfache eines Männerhaarschnitts - bei einem Langhaarschnitt ist der Preisunterschied noch deutlich höher.

Friseur-Innung: Aufwand ist bei Frauen höher

Dagegen weist Birger Kentzler den Eindruck zurück, Friseure würden mit ihrer Preisgestaltung absichtlich Frauen diskriminieren. Kentzler ist Obermeister der Friseur-Innung Hamburg und sagt: Die Preise richteten sich nach dem Aufwand. Der sei bei Frauen eben höher.

Der Damenhaarschnitt orientiere sich an anderen Formen und anderen Längenverhältnissen. "Das ist schon mal grundsätzlich eine andere Herangehensweise", sagt Kentzler. "Insofern ist auch nicht Damenhaarschnitt gleich Herrenhaarschnitt, selbst wenn es die gleiche Länge ist." Nicht nur die Schnitte seien aufwendiger. Frauen bräuchten auch mehr Beratung.

Preise immer eine Mischkalkulation

Eine Erfahrung, die Christian Zindel in seinem Friseursalon in Winterhude nicht macht. "Heute Morgen hatte ich eine Kundin mit langen Haaren, da schneide ich unten immer nur die Spitzen. Das ist eine Sache von einer Viertelstunde", sagt Zindel. In der Zeit, in der ihre Farbe eingezogen sei, habe er einen jungen Mann frisiert und dafür eine dreiviertel Stunde gebraucht.

Preise seien im Friseurhandwerk immer eine Mischkalkulation, sagt Zindel: Mal sei man schneller, mal dauere es länger.

Nicht der Aufwand, sondern das Geschlecht entscheidend

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Armin Valet von der Hamburger Verbraucherzentrale fiindet die Unterteilung nach Geschlechtern fragwürdig.

Häufig ist aber nicht der tatsächliche Aufwand für den Preis entscheidend. Sondern ob es sich um einen Kunden oder eine Kundin handelt. Ein fragwürdiger Ansatz, findet Verbraucherschützer Valet: "Es gibt Gutachten von verschiedenen Professorinnen, die ganz klar sagen: Man darf nicht einfach einen höheren Preis verlangen nur wegen des Geschlechts." Das sei so nicht mit dem Antidiskriminierungsgesetz vereinbar.

Innung sieht keinen Grund zum Handeln

Obermeister Kentzler von der Friseur-Innung sieht keinen Handlungsbedarf. Kundinnen rät er zum Preisvergleich. Diese hingen ja überall aus. "Da kann ich ja als Kundin auch sehen: 'Oh, da ist der Herrenhaarschnitt ein Drittel günstiger. Der Damenhaarschnitt ist ein bisschen teurer. Dann such ich mir einen anderen Friseur."

Nur ganz so einfach ist das nicht. Eine Stichprobe von 15 Hamburger Friseuren zeigte, dass lediglich drei Salons Unisex-Tarife anbieten.

Preis für Männerhaarschnitt steigt um 30 Prozent

Auch in Christian Zindels Salon bleibt für Frauen alles beim Alten. Für Männer wird es dagegen deutlich teurer. Von Dezember an zahlen auch sie 65 Euro - ein Aufschlag von 30 Prozent. "Wir haben jetzt seit drei Wochen die Flyer ausliegen, dass es ab dem 1. Dezember so weit ist bei uns", erzählt Zindel.

Junge Kunden würden häufig meinen, dass das ja auch mal an der Zeit sei. Ältere Männer hingegen würden sagen: "Oh, das ist aber auch viel!" Zindel rechnet mit Umsatzeinbußen. Aber das sei es ihm wert.

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NDR Info | Infoprogramm | 26.11.2019 | 10:08 Uhr