Blick auf einen Arbeitstisch. Impfampullen und Impfnadeln liegen für Impfungen bereit.

Welche Folgen hat möglicher Impfstoff-Mangel für den Norden?

Stand: 15.12.2021 15:08 Uhr

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hat bei einer Inventur festgestellt, dass für Anfang 2022 zu wenig Impfstoff zur Verfügung steht. Was heißt das jetzt für die Impfkampagne in Norddeutschland?

von Anina Pommerenke

Niedersachsens Gesundheitsministerium reagiert überrascht auf die Nachricht des neuen Bundesgesundheitsministers Lauterbach. Schließlich habe sein Vorgänger Jens Spahn (CDU) bis zuletzt betont, es stehe ausreichend Impfstoff zur Verfügung. Dazu sagte Ministerin Daniela Behrens (SPD): "Ich kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht richtig einordnen, was das für die Impfstoff-Lieferung nach Niedersachsen bedeutet." Wie es mit der Impfkampagne im neuen Jahr weitergeht, ist daher noch unklar. Ein Umstellen der Impfstrategie wollte die Ministerin im Landtag nicht ausschließen – sie nannte aber keine Details. Immerhin kann Niedersachsen aktuell - so wie die anderen Bundesländer auch - von einer Biontech-Sonderlieferung profitieren, die aus einem EU-Kontingent stammt. Für dieses Jahr sei Niedersachsen mit ausreichend Impfstoff versorgt.

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In Schleswig-Holstein müssen derzeit keine Impftermine abgesagt werden. Sowohl die geplanten Termine in den Impfstellen als auch bei den offenen Impfaktionen können wie vorgesehen umgesetzt werden, teilte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums in Kiel mit. Minister Heiner Garg (FDP) fordert aber Planungssicherheit für die nächsten Monate, damit die bundesweit in Schwung gekommene Impfkampagne nicht jäh ins Stocken gerät. Er setzt darauf, dass Lauterbach seine Ankündigungen wahr macht, alle zur Verfügung stehenden Kanäle zu nutzen, um mehr Impfstoff zu beschaffen: "Ich habe großes Vertrauen - und die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt -, dass es dem neuen Gesundheitsminister gelingt, zusätzlichen Impfstoff zu besorgen."

Für Mecklenburg-Vorpommern hat Impfstoff-Besorgung "oberste Priorität"

Große Hoffnungen auf den Krisenstab der Bundesregierung und allen voran Bundeswehrgeneral Carsten Breuer setzt auch Mecklenburg-Vorpommern. Auch dort habe die Impfkampagne gerade an Fahrt gewonnen. 121.000 Impfungen gab es den Angaben des zuständigen Ministeriums zufolge in der vergangenen Woche: ein Rekord! Die Hausärztinnen und -ärzte hätten sogar noch mehr impfen können, wenn sie mehr Impfstoff zur Verfügung gehabt hätten, sagte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums. Das aktuelle Tempo beim Impfen wäre mit Lieferengpässen aber nicht zu halten.

Impftermine werden in Mecklenburg-Vorpommern zunächst bis Ende Januar 2022 vergeben – laut Ministerin Stefanie Drese müssen sie auch noch nicht abgesagt werden: "Also zunächst noch nicht, wir haben ja noch Impfstoff im Land und tun alles dafür, dass sich die Situation bis Januar/Februar verbessert.Das hat jetzt oberste Priorität." Sie sei aktuell dabei, mit denjenigen im Land, die impfen, das Gespräch zu suchen und die Problematik zu besprechen.

Hamburg möchte bevorzugt Impflücken schließen

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Auch Hamburgs Gesundheitsministerin Melanie Leonhard (SPD) ist zuversichtlich, dass zunächst keine Impftermine abgesagt werden müssen. Sie möchte bei der bisherigen Linie bleiben und bevorzugt Impflücken schließen, also bislang Ungeimpfte versorgen - das hat ihrer Meinung nach aktuell Priorität. Außerdem sollen zunächst diejenigen die Booster-Impfungen erhalten, die sie am dringendsten benötigen: also alle, bei denen schon sechs Monate seit der zweiten Impfung vergangen sind - bei den über 60-Jährigen sind es fünf Monate. So werde man das Schritt für Schritt abarbeiten: "Das kann auch heißen, dass manche Menschen bei den städtischen Angeboten einen Augenblick länger warten müssen."

Leonhard kann sich darüber hinaus zwei Szenarien vorstellen, wie es überhaupt zur Impfstoff-Knappheit gekommen sein könnte. Zum einen, vermutet sie, dass zum Zeitpunkt der Bestellungen nicht klar war, dass eine Auffrischungsimpfung nötig sein werde. Außerdem erinnert sie daran, dass die Bestellungen immer sehr langfristig abgegeben werden müssen. Als zweiten möglichen Grund sieht Leonhard, dass bisher mehr Impfstoff verbraucht wurde als geplant: "Schwer zu sagen, wenn man nicht an der Quelle sitzt."

Ende dieser Woche wollen sich die Gesundheitsministerinnen und -minister der Länder erneut mit Lauterbach zusammensetzen und besprechen, ob es noch zusätzliche Möglichkeiten gibt, Impfstoff zu bekommen.

Union wirft Lauterbach "politisches Manöver" vor

Die Union hat die Aussagen von Lauterbach unterdessen stark kritisiert und wirft dem Politiker ein "politisches Manöver" vor. Der gesundheitspolitische Sprecher der Union, Tino Sorge (CDU), erklärte am Mittwoch in einem Schreiben an seine Fraktionskollegen: "Karl Lauterbach ruft Feuer, um dann Feuerwehr zu spielen - obwohl er weiß, dass es gar nicht brennt". Seiner Auffassung nach stehe bereits mit den Lieferungen für Dezember genug Impfstoff zur Verfügung, um den 34 Millionen Erwachsenen, bei denen die Booster-Impfung noch aussteht, ein entsprechendes Angebot machen zu können. Dies gelte unabhängig davon, wie viel Impfstoff im ersten Quartal 2022 geliefert werde. Sorge geht von 16 Millionen Dosen Biontech und Moderna pro Monat aus. Seiner Auffassung nach ist das genug, um den etwa zwölf Millionen ungeimpften Erwachsenen in Deutschland Erst- und Zweitimpfungen anbieten zu können.

Konkrete Angaben dazu, wie viel Impfstoff fehlt, will Lauterbach am Donnerstag bei einer Bundespressekonferenz geben.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 15.12.2021 | 17:09 Uhr

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