Stand: 18.02.2020 08:41 Uhr

Wie der Klimawandel dem Wattenmeer zusetzt

Das Wattenmeer hat eine herausragende Bedeutung für den Küstenschutz.

Das Wattenmeer ist bedroht: Aufgrund seiner exponierten Lage ist es besonders vom Meeresspiegelanstieg und höheren Sturmflutwasserständen betroffen. Denn Wattflächen und Salzwiesen drohen förmlich abzutauchen und zu ertrinken, wenn das Wasser immer höher steigt. Zudem nimmt die Gefahr von Abbrüchen auf den Inseln zu. Dabei ist das Wattenmeer von herausragender Bedeutung nicht nur für den Natur-, sondern auch für den Küstenschutz: Mit seinen Inseln und Halligen sowie den Salzwiesen bricht es die Energie der Sturmfluten, sodass die Menschen an der Küste besser geschützt werden.

Dynamisches Gleichgewicht zwischen Wasser und Watt

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Noch wachsen die Halligoberflächen mit jedem "Land unter" mit.

Derzeit stehen Wasser und Watt in einem dynamischen Gleichgewicht: Überspült das Wasser Wattflächen und Salzwiesen, hinterlässt es bei seinem Rückzug Sand, Schlick und Sediment. So können die Wattflächen und die Salzwiesen im Deichvorland beständig mit dem Meeresspiegel in die Höhe wachsen. Auch auf den Halligen, die aufgrund ihrer exponierten Lage besonders vom Meeresspiegelanstieg und höheren Sturmflutwasserständen betroffen sind, funktioniert dieser Prozess: Bei jedem "Land unter", also einem Überspülen der Deichwerke, können die dahinter liegenden Halligoberflächen durch Sedimentablagerungen mitwachsen. Wie lange dieses Gleichgewicht bestehen bleibt, wenn das Meer immer schneller steigt, ist derzeit aber völlig offen. Denn Prognosen des Weltklimarats IPCC zufolge wird ein Anstieg um bis zu 1,10 Meter bis 2100 nicht mehr ausgeschlossen. Schon jetzt erhöhe sich der globale Meeresspiegel jährlich um rund 3,6 Millimeter, wobei sich der Anstieg beschleunige.

Was passiert, wenn das Gleichgewicht ins Wanken gerät?

Eine deutsch-dänisch-niederländische Expertengruppe kam schon 2005 zu dem Schluss, dass ein Anstieg des Meeresspiegels von mehr als fünf Millimetern pro Jahr das Gleichgewicht ins Wanken bringen könnte. Die Küstenschützer im schleswig-holsteinischen Umweltministerium zeigen sich aber optimistisch, dass es zumindest bis zur Mitte des Jahrhunderts ohne menschliches Eingreifen funktioniert: "Die Salzwiesen an der Westküste wachsen nach wie vor um ein Mehrfaches schneller in die Höhe, als der Meeresspiegel ansteigt."

Ökosystem Wattenmeer: Muss der Mensch eingreifen?

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Auf Sylt werden regelmäßig Sandvorspülungen vorgenommen.

Der ehemalige Leiter des schleswig-holsteinischen Landesbetriebs für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz (LKN) und jetzige Abteilungsleiter im Umweltministerium, Johannes Oelerich, verweist auf Überlegungen, das Wachstum von Wattflächen und Salzwiesen mit technischen Maßnahmen aufrechtzuerhalten und zu fördern. Aus Gebieten, die fernab der Küste liegen, könnte Sand abgetragen und ins Ebbdelta gebracht werden. Mit Sandvorspülungen sei es bereits gelungen, das Schrumpfen der Insel Sylt zu stoppen, sagt Oelerich. Dort und vor Föhr finden regelmäßig Sandvorspülungen statt.

Oelerich ist optimistisch, dass die heutige Küstenlinie auch über das Jahr 2100 hinaus gehalten werden kann - inklusive der Halligkanten. Nach jetzigen Planungen würden nur unbedeichte Gebiete wie das Naturschutzgebiet Hörnumer Odde auf Sylt den Kräften des Meeres ausgesetzt - in der Hoffnung, dass dort wieder ein natürliches Gleichgewicht entsteht. Gleichwohl werde sich das Wattenmeer verändern: "Es werden 2100 mehr Wattflächen ständig überflutet sein als heute."

Niedersachsen: Mehr Dynamik zulassen

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Niedersachsen setzt auf natürliche Dynamik, damit das Deichvorland weiter anwachsen kann.

Auch weiter südlich, in Niedersachsen, beobachten die Küstenschützer das Geschehen genau und entwickeln Ideen, wie das natürliche Wachstum des Wattenmeeres unterstützt werden kann. Sandvorspülungen sind dort noch kein Thema. Stattdessen setzen die Küstenschützer unter anderem auf Schutzdünen auf den Inseln und sogenannten Lahnungsbau: Wälle aus Stein oder aufgereihte Holzpflöcke sollen die Strömung beruhigen und die Sedimentation, also die Ablagerung von Sedimenten, im Deichvorland fördern. Auch andere Schutzwerke wie Buhnen und Vorlanddeckwerke dienen als Wellenbrecher, sollen das Deichvorland vor Erosionen schützen und Wattflächen und Salzwiesen anwachsen lassen. "Wir lassen mehr Dynamik zu", beschreibt Georg Scheiffarth von der Nationalparkverwaltung Wattenmeer die Bemühungen. Sommerdeiche würden weitgehend offen gelassen, damit das Land zwischen Sommer- und Hauptdeich weiter mitwachsen kann. Auf einigen landwirtschaftlich genutzten Flächen werde zudem die Entwässerung gestoppt, damit die Natur sich dort wieder entfalten kann.

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Tidehochwasser rund 30 Zentimeter höher als vor 100 Jahren

Allerdings gilt auch in Niedersachsen: Keiner weiß, wie lange die Wattflächen und Salzwiesen noch mitwachsen. Zwar könne man derzeit noch nicht feststellen, dass der Meeresspiegelanstieg immer rasanter verlaufe, sagt Andreas Wurpts von der Forschungsstelle Küste. Das mittlere Tidehochwasser an der Nordsee sei in den vergangenen 100 Jahren aber bereits um 25 bis 35 Zentimeter angestiegen, je nach Messstelle. Und wie es weitergehe, könne niemand vorhersagen. Den Küstenschützern gehe es nun darum, die dynamischen Prozesse im Wattenmeer genauer zu verstehen - und dann zu schauen, ob technische Maßnahmen das dynamische Gleichgewicht zwischen Wasser und Watt unterstützen können.

Klimawandel verändert die Ökologie des Wattenmeeres

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Im Zuge des Klimawandels könnten künftig weniger Wattflächen trocken fallen als bisher.

Wie auch immer der Meeresspiegel-Anstieg ausfallen wird - sicher ist, dass sich das UNESCO-Welterbe Wattenmeer als einmaliger Lebensraum für Tausende Tier- und Pflanzenarten wandeln wird. Wissenschaftler beobachten schon heute gravierende Veränderungen: "Gebietsfremde Arten, die über die Schifffahrt eingeschleppt wurden, finden plötzlich Bedingungen vor, die es vor 50 Jahren noch nicht gegeben hat", sagt Gregor Scheiffahrt. Planktonarten ändern sich. Und während Wärme liebende Tier- und Pflanzenarten sich neu ansiedeln, ziehen Kälte liebende Arten in den Norden.

Zugvögel weichen Richtung Nordosten aus

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Der Bestand der Austernfischer geht bereits zurück.

Scheiffahrt verzeichnet bereits jetzt eine Nord-Ostverschiebung von rund 100 Kilometern beim Winteraufenthalt von Vögeln. Und wenn Teile des Wattenmeers nicht mehr trocken fallen, fehlen sie als Lebensraum für unzählige Tier- und Pflanzenarten und als wichtige Rast- und Futterplätze für Zugvögel. Ein weiteres Problem: Wenn die Wattflächen kleiner werden und durch den höheren Meeresspiegel und höhere Wellen die Verwirbelungen im Wasser zunehmen, verändert sich das Sediment und wird gröber. "Dadurch wird der Siedlungsraum für einige Wattorganismen kleiner, zum Beispiel für die Rote Bohne." Diese Muschelart ist ein zentraler Organismus im Wattenmeer und wichtige Nahrung für viele Vogelarten. Probleme bereitet das sich verändernde Wattenmeer auch dem Austernfischer, der für diesen Lebensraum charakteristisch ist. Er wandert aufgrund der Veränderungen gen Norden. Der Bestand der Austernfischer hat, laut Scheiffarth, bereits abgenommen.

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