Ein Trecker fährt unter Solarmodulen auf einem Acker entlang. © NDR Foto: Ines Burckhardt
Ein Trecker fährt unter Solarmodulen auf einem Acker entlang. © NDR Foto: Ines Burckhardt
Ein Trecker fährt unter Solarmodulen auf einem Acker entlang. © NDR Foto: Ines Burckhardt
AUDIO: Wie man mit Agri-Photovoltaik doppelt erntet (34 Min)

Warum Landwirte sich jetzt für Solar-Anlagen begeistern

Stand: 18.09.2022 16:00 Uhr

In Niedersachsen steht Deutschlands größte Agri-Photovoltaik-Anlage. So nennt man Anlagen, die auf einem Acker stehen und Solarstrom erzeugen. Immer mehr Landwirte schätzen die Vorzüge - auch für ihre Ernte.

von Ines Burckhardt, Susanne Tappe und Marc-Oliver Rehrmann

Das Wort "Agri-Photovoltaik" kannte Robert Lettenbichler bis vor vier Jahren gar nicht. Dann aber faszinierte ihn die Idee, auf einem Acker eine Solaranlage zu errichten. Inzwischen kann der 44-Jährige als ein Vorreiter der Technologie gelten. Denn auf dem Grund und Boden seiner Familie im Wendland steht die größte Agri-Photovoltaik-Anlage Deutschlands. Sie liefert Strom, während auf dem Boden Kräuter wachsen. Die Anlage bei Lüchow ist sechs Meter hoch. So kann ein Trecker locker drunterherfahren. Links und rechts am Feldrand - und noch einmal in der Mitte - stehen Stützpfeiler aus Stahl. Insgesamt ist die Anlage 36 Meter breit. Auf dem Gerüst sind Solarmodule angebracht - aber mit Lücken, sodass noch Sonnenlicht auf das Feld fallen kann. Lettenbichler hat für das Feld Schnittlauch ausgewählt, weil die Pflanze zu den Halbschattengewächsen zählt und daher auch unter der Solaranlage gut gedeihen kann.

Die Firma benötigt sehr viel Strom

Als Landwirt würde sich Lettenbichler nicht bezeichnen, eher als Unternehmer. Die Familie hat zwar insgesamt 20 Hektar Land. Aber ihr Geld verdient sie mit getrockneten Kräutern und getrocknetem Gemüse. Gegründet wurde die Firma von Robert Lettenbichlers Ur-Großvater vor rund 100 Jahren, sein Name: Johannes Steinicke. Die Firma Steinicke kommt auf einen Jahresumsatz von 30 Millionen Euro.

Robert Lettenbichler von der Firma Steinicke steht vor einer Maschine für Trockenkräuter. © NDR Foto: Ines Burckhardt
Die Hälfte des Stroms kommt aus eigenen Solaranlagen: Robert Lettenbichler steht vor einer Maschine für Trockenkräuter.

Ein Problem ist seit jeher: Die Produktionsanlagen verbrauchen viel Strom. Zumal der Betrieb rund um die Uhr läuft. Im Jahr verbraucht die Produktion in etwa so viel wie 900 Vier-Personen-Haushalte. Deshalb hat sich die Firma schon vor ein paar Jahren Photovoltaik-Anlagen aufs Dach bauen lassen. Aber das reichte der Familie noch nicht, deshalb nun die Solarmodule über dem Acker.

Hohe Kosten am Anfang

Ist die Agri-Photovoltaik-Anlage auf dem Feld teurer als die "normalen" Anlagen auf dem Dach? Robert Lettenbichler sagt: etwa doppelt so teuer. Insgesamt habe sie 1,3 Millionen Euro gekostet. 400.000 Euro davon hat das Bundesumweltministerium übernommen, den Rest hat die Firma Steinicke über einen Kredit finanziert. Die Anlage soll im Jahr mehr als 700.000 Kilowattstunden Strom erzeugen. Insgesamt kann die Firma dann übers Jahr gerechnet 50 Prozent ihres Strombedarfs mit Solarenergie abdecken, wenn man die Photovoltaik-Anlagen auf den Dächern mitzählt. Tagsüber im Sommer können alle PV-Anlagen sehr viel Strom erzeugen, aber im Winter nicht. "Die Monate Dezember und Januar kann man fast rausnehmen bei der Berechnung", sagt Lettenbichler. "Im Winter gibt es zwar auch mal schöne Tage, aber da steht die Sonne einfach zu flach, sie bringt keine Energie."

Mit einem Kran wird eine Agrar-Photovoltaik-Anlage montiert. © dpa Foto: Philipp Schulze
Der Bau der Solaranlage auf einem Schnittlauch-Feld hat mehr als eine Million Euro gekostet.

Andererseits wird Lettenbichler im Sommer einen Teil des Stroms ins öffentliche Netz einspeisen können, wenn die Photovoltaik-Anlagen mehr Strom produzieren, als die Produktion in dem Moment benötigt. Der 44-Jährige geht davon aus, dass sich die Investition in die Agri-PV-Anlage in zehn bis 15 Jahren bezahlt gemacht hat.

Kunden fragen nach dem CO2-Fußabdruck

Die Stromkosten sind für Lettenbichler aber nur ein Grund gewesen, sich auf das millionenschwere Projekt einzulassen. Der andere Grund hat mit den Geschäftspartnern zu tun. "Zu unseren größten Kunden gehören zum Beispiel Nestlé, Unilever und Heinz - die verwenden unsere Kräuter in ihren Suppen oder auf ihren Pizzen", sagt Lettenbichler. Und eben diese international agierenden Kunden achten immer mehr auf die CO2-Fußabdrücke der Produkte. Da macht es sich gut, wenn bei der Produktion viel Strom aus Erneuerbaren Energien verwendet wird.

Wie gedeihen Pflanzen unter der Solaranlage?

Für Landwirte, die sich für eine Agri-PV-Anlage interessieren, ist eine Frage entscheidend: Wie wachsen Kräuter-, Getreide- oder Gemüse-Sorten unter den Solarmodulen? "Es ist noch nicht klar, welche Früchte gut darunter wachsen und welche nicht", sagt Lettenbichler. "Das weiß man zwar aus Pilotstudien, aber im großen industriellen Stil hat man das noch nicht erforschen können." Die Pilotstudien haben ergeben: Kartoffeln, Weizen, aber auch Beerenobst und Äpfel können gut unter einer Agri-PV-Anlage gedeihen. Hingegen lässt sich Mais nicht gut anbauen. Für den Mais werfen die Solarmodule zu viel Schatten.

Im Dürre-Sommer schützen PV-Anlagen die Pflanzen

Ein Mann im weißen Hemd steht auf einem Acker unter einer Photovoltaik-Anlage. © NDR Foto: Ines Burckhardt
Der Solarenergie-Berater Markus Haastert erlebt, dass sich inzwischen viel mehr Landwirte für die Technologie interessieren.

Eine Expertin auf diesem Gebiet ist Anna Heimsath. Sie leitet am Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme (ISE) den Bereich Photovoltaik. Das Institut hat von 2016 bis 2021 den Bau und die Erprobung der ersten Agri-PV-Anlage in Deutschland wissenschaftlich begleitet. Diese Anlage steht am Bodensee. Sind die Pflanzen unter der Agri-PV damals besser gediehen als die Pflanzen auf dem freien Feld nebenan? "Bei der Agri-PV-Anlage am Bodensee haben wir im ersten Jahr zunächst einen Rückgang festgestellt, und zwar um bis zu 18 Prozent", berichtet Heimsath. "Im zweiten Jahr gab es dann aber einen trockenen Sommer - und da haben wir zehn Prozent mehr Ertrag gehabt." Vor allem Kartoffeln mittlerer Größe hätten profitiert.

"Um diesen Befund mal zu verallgemeinern: Es gibt durchaus eine Veränderung durch die Agri-PV, weil ja weniger Licht bei den Pflanzen ankommt. Aber es kann von Vorteil sein, wenn es trockener wird, weil mehr Feuchtigkeit darunter bleibt." Und dieser Punkt sei mit Blick auf die Klimakrise besonders interessant. "Wir erwarten ja mehr Trockenheit - und dem können wir durch die Agri-Photovoltaik entgegenwirken", sagt die Heimsath.

Ein Sinneswandel bei vielen Landwirten

Diesen Vorteil sehen immer mehr Landwirte. Dies weiß auch Markus Haastert zu berichten. Er ist Berater für Agri-PV-Anlagen - und hat das Projekt bei der Firma Steinicke im Wendland angestoßen. Insbesondere in diesem Sommer habe er sehr viele Anfragen von Landwirten bekommen. "Sie sagen einfach: Ich hab ein Problem. Ich muss schauen, wie ich meine Pflanzen gegen zu viel Sonne, zu viel Dürre und zu viel Hagel schützen kann", erzählt Haastert. Auch Frost sei ein Thema. "Und dann sagen die Landwirte: Es wäre doch super, wenn wir auf der einen Seite Strom produzieren könnten und auf der anderen Seite ein Schutzsystem haben."

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Dieser Gedankengang sei nun öfter zu hören. Bislang habe stets die Strom-Produktion im Fokus gestanden. "Aber das ändert sich gerade in diesem Jahr radikal", schildert der Berater seine Erfahrungen. Solaranlagen auf Ackerflächen könnten eine bedeutende Rolle bei der erforderlichen Energiewende einnehmen. "Am Ende muss man eins wissen: Agri-PV-Anlagen auf vier Prozent der landwirtschaftlichen Fläche könnten den gesamten Stromverbrauch von Deutschland decken", so Haastert.

"Ein Prozent der landwirtschaftlichen Fläche würde ausreichen"

Auch Solarenergie-Expertin Heimsath hält Photovoltaik-Anlagen auf Feldern für einen wichtigen Baustein. "Aber wir wollen natürlich auch noch Photovoltaik auf anderen Flächen installieren - zum Beispiel auf Dächern, an Gebäuden und rund um Verkehrswege. Es gibt auch die schwimmende Photovoltaik auf Seen. Das heißt, es würde vollkommen ausreichen, wenn wir vielleicht ein Prozent der Fläche, die landwirtschaftlich genutzt wird, für Agri-Photovoltaik nutzen."

Bundesregierung setzt auf Ausbau der Solarenergie

So könnte womöglich gelingen, was sich Deutschland vorgenommen hat, um den Abschied von klimaschädlichen Energieträgern wie Öl, Gas und Kohle stemmen zu können. Bis zum Jahr 2030 sollen 80 Prozent des gesamten Stroms in Deutschland aus Erneuerbaren Energien stammen. So sieht es der Plan der Bundesregierung vor. Im vergangenen Jahr stammten rund 43 Prozent des in Deutschland verbrauchten Stroms aus Erneuerbaren Energien. Knapp zehn Prozent kamen aus Photovoltaik-Anlagen. Bis 2030 soll sich die Menge des Solarstroms nun rund vervierfachen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 15.09.2022 | 18:00 Uhr

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