Der Afghane Abdul telefoniert.

Von Kabul nach Hamburg: Afghanen noch unter Schock

Stand: 23.08.2021 08:30 Uhr

Hamburg hat inzwischen mehr als 200 geflüchtete Afghanen in seiner Erstaufnahmestelle untergebracht. Erst am Wochenende sind vier weitere Busse angekommen.

von Jennifer Lange

Abdul steht vor dem Tor der Erstaufnahmestelle in Hamburg-Rahlstedt. Tränen in den Augen. "Ich weiß nicht, ich weiß nicht, was ich fühle. Ich stehe immer noch unter Schock. Wie konnte das passieren. Ich habe alles zurückgelassen", sagt er auf Englisch. Der Afghane war im Büro seiner Hilfsorganisation in Kabul, bei der Arbeit. Es war gegen 11 Uhr vormittags, als er nichtsahnend einen Anruf bekam. "Sie sagten: 'Die Taliban sind in der Stadt. Du musst weg.' Und von einer Sekunde auf die andere war alles anders." Erst schickte er seine Mitarbeiter nach Hause. Dann lief er in die Küche, um in der Spüle möglichst viele Dokumente zu verbrennen. Er wollte keine Namen zurücklassen, von Menschen, denen er geholfen hatte. Die ins Visier der Taliban geraten könnten. Dann zog er die Tür - vielleicht für immer - hinter sich zu. Im Gepäck nur sein Laptop.

Abdul war einer der ersten, die ausgeflogen wurden

Auf dem Handy zeigt der 35-Jährige Fotos vom Flughafen in Kabul. Es herrscht Chaos. Zwei Taliban werden vor seinen Augen von US-Soldaten erschossen, erzählt er. Nach elf Stunden schafft es Abdul aufs Flughafengelände - in die erste Militärmaschine der Bundeswehr. Sie hebt mit nur sieben Menschen an Bord ab. "Ich kann mich nicht erinnern, wie oft ich auf dem Weg zusammengebrochen bin. Weil, ich hatte nicht damit gerechnet, dass so was passiert. So was kenne ich nur aus Filmen. Und jetzt passiert es mir."

Dolmetscher Firooz bekommt täglich Hilferufe geschickt

Auch Firooz ist seit ein paar Tagen in Hamburg. Der Dolmetscher läuft das erste Mal durch die Stadt. Kauft Essen und Kleidung für seine Frau und die zwei Kinder. Er bangt um Angehörige und Kollegen in Afghanistan. "Was Kontakt angeht: Ich hab jeden Tag welche, die weinen und schreien und schicken mir Fotos und Videos und ID-Karten. Damit sie zumindest registriert werden, dass sie hierherkommen können", sagt er auf Deutsch. Am liebsten würde er mit der nächsten Maschine zurück und zusammen mit der Bundeswehr weitere Ortskräfte rausholen.

Bundeswehr-Kommandeur: Froh über jeden, der rauskommt

Im Lagezentrum des Landeskommandos Hamburg überwacht Kommandeur Michael Giss die Transporte der ankommenden Afghanen von Frankfurt nach Hamburg. "Die Lage ist tatsächlich sehr schwierig und wir sind froh um jede afghanische Ortskraft mit Familie, die wir da durchkriegen." Giss war 2015 selbst im Einsatz in Afghanistan. Rückblickend sagt er, hätten sie es versäumt, den afghanischen Soldaten die Antwort auf eine entscheidende Frage mitzugeben. "Wofür kämpft man? Wir Bundeswehrsoldaten haben darauf eine klare Antwort: Wir kämpfen für Recht und Freiheit. Und diese Frage, oder die Antwort auf dieses 'Wofür' in die afghanische Armee hineinzubringen im Rahmen unseres Einsatzes, das scheint uns nicht gelungen zu sein." Jetzt gelte es, so gut wie möglich vor Ort zu helfen - noch Menschen rauszuholen.

Abdul und Firooz haben es mit der Hilfe der Bundeswehr rausgeschafft. Sie sind in Hamburg in Sicherheit. Doch eine Hälfte von ihnen sei noch in Afghanistan. Bei ihren Familien, Freunden, Kollegen, die es vielleicht nicht mehr raus schaffen. 

Weitere Informationen
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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 23.08.2021 | 06:07 Uhr

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