Der Publizist Henri Nannen sitzt an seinem Schreibtisch und hält eine Ausgabe des Magazins "Stern" in den Händen. © dpa-Bildfunk

Henri Nannen: Antisemitische Propaganda im Zweiten Weltkrieg

Stand: 10.05.2022 13:30 Uhr

Henri Nannen ist eine der großen Lichtgestalten des deutschen Journalismus. Der Verleger aus Emden hat das Magazin "Stern" gegründet und "Jugend forscht" aus der Taufe gehoben. Für seine Leistung wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Doch jetzt werfen Recherchen des Online-Formats STRG_F ein dunkles Licht auf Nannen. Er soll im Zweiten Weltkrieg in leitender Position an antisemitischer Propaganda beteiligt gewesen sein.

eine Recherche von John Goetz, Gunnar Krupp, Felix Meschede, Han-Ul Park und Dietmar Schiffermüller

Für die damaligen Beteiligten war die Sache klar. "Sir Henri war der Boss". Henri Nannen war im Krieg einfacher Soldat bei der Luftwaffe. Doch in den letzten beiden Kriegsjahren wurde er in eine Propagandaeinheit der SS abbestellt. Sie sollte auf Befehl Hitlers mit Flugblättern die alliierten Soldaten beeinflussen, die in Italien heranrückten. Das Unternehmen hieß "Südstern". Dass Nannen der eigentliche Boss war, ohne dabei der SS anzugehören, ist unbestritten. Aber öffentlich unbekannt war bislang, was "Südstern" publiziert hat.

Mit "Südstern" alliierte Soldaten beeinflussen

Ausschnitt eines Flugblatts des "Südstern", Propagandamaßnahme der Nationalsozialisten gegen die Juden © NDR STRG_F
Ausschnitt aus einem Flugblatt des "Südstern", der Juden diskreditieren sollte.

Jetzt hat das Rechercheformat STRG_F (NDR/funk) die Propaganda-Flugblätter gefunden, die bei "Südstern" entstanden sind. Sie beinhalten deutliche antisemitische Motive und Texte. So sieht man auf einem Flugblatt das Stereotyp eines reichen Juden, der über eine blonde Frau herfällt und ihr Strumpfband löst. Hinten, im Schaufenster seines Büros, steht "Sam Levy". Die Botschaft: Die kapitalistischen Juden machen sich zu Hause über die Frauen der Soldaten her, während deren Männer an der Front sterben. Ein anderes Flugblatt zeigt das Stereotyp eines dicken Juden, der sich über einen Truthahnbraten hermacht, während im Hintergrund ein amerikanischer Soldat stirbt. Die zynische Botschaft: Die Juden seien Verräter. Es gibt auch ein Flugblatt, in dem ein Jude Soldaten durch den Fleischwolf dreht und zu Geld macht oder eines, das einen jüdischen Strippenzieher zeigt - typisch für die nationalsozialistische Ideologie.

Etliche Flugblätter mit antisemitischem Inhalt gefunden

In dem Fund von STRG_F gibt es gleich Dutzende Flugblätter von "Südstern", die antisemitische Inhalte beinhalten, häufig auch in Textform. So heißt es in einer Ausgabe: "Nur eine Gruppe von Menschen profitiert von jedem Krieg: Die Wallstreet und die Juden!" Es ist ein klassischer nationalsozialistischer Verschwörungsmythos. Ein anderes spricht in bizarrer Verdrehung der Wahrheit vom "Jüdischen Zweiten Weltkrieg". Und schließlich treibt es ein Flugblatt noch weiter und spricht bereits vom "Dritten Weltkrieg", den angeblich die Juden vorbereiteten. Dies alles wurde in den letzten beiden Kriegsjahren bei "Südstern" geschrieben, gedruckt und verbreitet.

Magazin äußert sich nicht zu Vorwürfen

Henri Nannen hat seine Tätigkeit bei "Südstern" zu Lebzeiten nie vollständig aufgeklärt. Der "Stern", der das Erbe seines Gründers und früheren Verlegers Henri Nannen hochhält, wollte sich zu den Vorwürfen nicht äußern. Man teilt lediglich mit, dass man grundsätzlich "jeder neuen Information zur Biografie Henri Nannens sehr offen" gegenüberstehe.

Und es gibt noch weitere Vorwürfe. In seinem Entnazifizierungsverfahren hat Henri Nannen seine Beteiligung an der SS-Kampagne "Südstern" verschwiegen. Er wurde entlastet und hat daraufhin seine erste Zeitungslizenz erhalten - der Beginn seiner verlegerischen Karriere.

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SS-Obersturmführer Weidemann zum "Stern" geholt"

Den Faden zu seiner SS-Propagandaeinheit hat Nannen gleichzeitig nie abreißen lassen. Den formal von der SS benannten Leiter von "Südstern", SS-Obersturmführer Hans Weidemann, holte Nannen nach dem Krieg zum "Stern" und machte ihn zum Wettbewerbsleiter von "Jugend forscht". Das ist bekannt. Aber die personelle Kontinuität erscheint jetzt, nach dem Fund der antisemitischen Propagandaflugblätter, in einem neuen Licht. Auch Weidemann hat die "Südstern"-Kampagne offenbar nie vollständig aufgearbeitet.

Nannen protegiert auch Zeichner Fehling

Ausschnitt eines Flugblatts des "Südstern", Propagandamaßnahme der Nationalsozialisten gegen die Juden (Screenshot aus einem Beitrag von STRG_F) © NDR STRG_F
Die "Südstern"-Zeichnungen bedienten sich antisemitischer Stereotype.

Unbekannt war bislang zudem eine weitere Figur von "Südstern", die STRG_F gefunden hat: der Zeichner Heinz Fehling. Sie verdeutlicht, wie Nannen seine "Südstern"-Kameraden nach dem Krieg offenbar protegiert hat. Fehling führte Zeichnungen aus, war in keiner leitenden Position. Er gehörte auch nicht der SS an. Für Nannens "Südstern" zeichnete er beispielsweise ein teures amerikanischen Auto mit gekröntem Davidstern, das über die Schlachtfelder rast. Die perfide Botschaft: Die angeblich kapitalistischen Juden lassen tapfere amerikanische Soldaten für sich sterben. Nach dem Krieg gab Nannen dem Zeichner Fehling unter anderem einen Auftrag im "Verlag Henri Nannen" und druckte im "Stern" Zeichnungen von Fehling ab.

Auch zu diesem Vorwurf wollte sich der "Stern" nicht äußern. Er würdigt den 1996 verstorbenen Nannen seit Jahren als Namensgeber für den renommierten Nannen-Preis. Der ehemalige Verleger ist zudem Namensgeber für die renommierte Henri-Nannen-Schule, die Journalistinnen und Journalisten ausbildet.

Diese Doku zu der Recherche und weitere sind auf dem YouTube-Kanal STRG_F zu finden.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 10.05.2022 | 17:00 Uhr

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