Anna Kvashuk und und ihre Familie sitzen auf dem Sofa des Aufenthaltsraum in einer Landesunterkunft für Geflüchtete in Schleswig-Holstein. © NDR/Astrid Wulf Foto: Astrid Wulf

Anna Kvashuk: Zwischen Wiedersehensfreude und Heimweh

Stand: 27.05.2022 13:58 Uhr

Anna Kvashuk und ihr Sohn Pavlik lebten in Kiew, bis der Krieg sie zur Flucht aus der Ukraine zwang. Reporterin Astrid Wulf begleitet sie nun für ein NDR Info Langzeitprojekt bei ihrem Leben in Schleswig-Holstein. Hier der Blog dazu.


27.06.2022

Blog #4 - Zwischen Wiedersehensfreude und Heimweh

Nachdem Anna Kvashuk Ende April allein mit ihrem zweijährigen Sohn Pavlik in Norddeutschland angekommen war, ist die Familie mittlerweile zu acht hier. Nach ihrer Mutter sind nun auch Annas Tante Snejana, ihr Onkel Alexander und die drei Kinder nachgekommen. Die beiden größeren Jungs Nikita und Artjom sitzen noch ziemlich geschafft von der Reise auf dem Sofa im Aufenthaltsraum der Landesunterkunft in Boostedt im Kreis Segeberg. Die zweijährige Viktorija tobt ausgelassen mit Pavlik in der Spielecke. Anna humpelt etwas – vor ein paar Tagen ist sie umgeknickt. Sie strahlt trotzdem: "Ich freue mich. Zuhause ist da, wo die Familie ist – und die Familie ist hier."

Snejana und Alexander haben mit ihren Kindern nördlich von Kiew gelebt. Snejana arbeitet im sozialen Bereich, Alexander ist Fußballtrainer. Weil er nicht in der Armee war und Vater von drei minderjährigen Kindern ist, durfte er die Ukraine verlassen und musste nicht an die Front, erzählt er. Elf Tage lang verschanzt sich die Familie aus Angst vor den russischen Bomben und Raketen im Keller, sagt Snejana. "Der Strom wurde abgestellt, wir hatten nichts mehr zu essen. Wir dachten irgendwann: Entweder sterben wir, weil wir getötet werden, oder weil wir verhungern." Sie flüchten mit einem Bus – während der Fahrt gerät er unter Beschuss, erzählt Snejana. "Gott sei Dank hatten wir einen guten Fahrer, der einen Schleichweg durch die Wälder genommen hat."

Anna Kvashuk und ihr Sohn Pavlik schauen aus dem Fenster in einer Landesunterkunft für Geflüchtete. © NDR/Astrid Wulf Foto: Astrid Wulf
AUDIO: Ukrainerinnen im Norden: Große Wiedersehensfreude bei Anna Kvashuk (4 Min)

Noch ist unklar, wie die Reise in Norddeutschland weitergeht

Zuerst kommt die Familie bei Snejanas Schwester in Italien unter. Nach zwei Monaten entschließen sie sich dazu, nach Norddeutschland zum Rest der Familie zu reisen. Immer wieder irgendwo neu anzufangen, falle vor allem dem achtjährigen Nikita nicht leicht, sagt seine Mutter Snejana. "In Italien ist er zur Schule gegangen und hatte Freunde. Jetzt sind wir seit zwei Tagen hier, müssen uns erst einmal eingewöhnen. Schon in Italien hat er mich gefragt, was sei, wenn auch dort der Krieg ausbricht." Nikitas Heimat sei die Ukraine, dort wolle er gern wieder sein, erzählt seine Mutter.

Anna Kvashuk und ihr Sohn Pavlik schauen aus dem Fenster in einer Landesunterkunft für Geflüchtete. © NDR/Astrid Wulf Foto: Astrid Wulf
Wohin die Reise Anna Kvashuk, ihren Sohn Pavlik und den Rest der Familie in Norddeutschland geht, steht noch nicht fest.

Vor rund einer Woche hatte Anna Kvashuks Mutter Olga gehofft, so schnell wie möglich in die Ukraine zurückkehren zu können. Mittlerweile stellt sie sich darauf ein, dass es noch dauern kann, bis es soweit ist. "Wenn wir zurückgehen, kann es sein, dass der Krieg wieder beginnt und wir flüchten müssen – und das wollen wir nicht." So wartet die ganze Familie Kvashuk auf den Transferbescheid des Landesamts für Zuwanderung und Flüchtlinge - und damit auf eine Entscheidung, in welchen Landkreis es als Nächstes gehen wird.

Sehnsucht nach zu Hause

Die Familie ist froh, dem Krieg in der Ukraine entkommen zu sein - zugleich vermissen alle ihre Heimat. Anna sagt, sie halte hier nichts. "Das einzige, das ich sehe: Ich will die vollen medizinischen Möglichkeiten für meinen Sohn ausnutzen." Pavlik hat immer noch mit den Folgen des Hundebisses zu kämpfen. "In einem Jahr möchte ich am liebsten zu Hause in der Ukraine sein."

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17.05.2022

Blog #3 - Die Familie aus Kiew ist wieder vereint

Anna Kvashuk mit ihrer Mutter und ihrem Sohn © NDR/Astrid Wulf Foto: Astrid Wulf
Anna Kvashuk (re.) mit ihrer Mutter und ihrem Sohn in der Sandkiste vor der Landesunterkunft Boostedt.

Gut gelaunt albert Anna mit ihrer Mutter Olga Kvashuk herum. Am Vortag ist die 40-jährige Ukrainerin mit Annas Bruder Vasyl in Schleswig-Holstein angekommen. Das Wiedersehen am Bahnhof von Boostedt sei wunderschön gewesen: "Auch wenn ich etwas zu spät da war", sagt Anna lachend. Die Zugfahrt aus Kiew über Polen nach Norddeutschland habe gut geklappt, berichtet Olga Kvashuk.

Anstrengend sei es trotzdem gewesen. Nachdem Vasyl und sie in der Landesunterkunft angekommen seien, hätten sie nur schnell etwas gegessen, ihre Zimmer bezogen und seien dann erschöpft ins Bett gefallen.

Anna Kvashuk mit ihrer Mutter und ihrem Sohn. © NDR/Astrid Wulf Foto: Astrid Wulf
Familie Kvashuk ist glücklich, gemeinsam in Sicherheit zu sein.

Die beiden Frauen sitzen am Rand eines kleinen Sandkastens vor dem Gebäude der Landesunterkunft, in dem Anna Kvashuk und ihr Sohn Pavlik untergebracht sind. Der Zweijährige stochert mit einem Stock im Sand. Der 14-jährige Vasilij schläft, er ist immer noch völlig erschöpft von der Anreise. Sie sei froh, ihre Tochter und ihren Enkel wieder bei sich zu haben, sagt Olga Kvashuk. Auch die alleinerziehende Anna ist erleichtert: "Jetzt wird alles einfacher."

Die Flucht ist vorbei - wie geht es weiter?

Als Anna Kvashuk kürzlich erfahren hatte, dass sich Mutter und Bruder auf den Weg nach Schleswig-Holstein machen würden, hatte sie ihren vom Amt geplanten Auszug aus der Landesunterkunft abgesagt. In welchem Landkreis Familie Kvashuk nun langfristig unterkommen soll und wann es losgeht, soll sich in den nächsten Tagen klären.

Bis dahin hat die Familie Zeit, Kräfte zu schöpfen und einiges zu organisieren. Wie neue SIM-Karten für die Handys, um mit Freunden und Verwandten in der Ukraine in Kontakt bleiben zu können. Die 22-jährige Anna Kvashuk hofft, dass es bald wärmer wird: "Dann wollen wir gemeinsam ans Meer und baden." Nach den Kriegserfahrungen und der Flucht ein bescheidener Wunsch, wieder etwas Schönes zu erleben.


13.05.2022

Blog #2 - Vorfreude und ein möglicher Umzug

Anna Kvashuk steht mit ihren zweijährigen Sohn Pavlik auf dem Arm vor der Landesunterkunft Boostedt in Schleswig-Holstein. © NDR/Astrid Wulf Foto: NDR/Astrid Wulf
Anna Kvashuk steht mit ihren zweijährigen Sohn Pavlik auf dem Arm vor der Landesunterkunft Boostedt.

Anna Kvashuk sitzt im Büro eines Sozialberaters der Landesunterkunft Boostedt. Sie ist aufgeregt - der Transferbescheid ist da. Nach rund zwei Wochen soll es für sie und ihren kleinen Sohn Pavlik weitergehen, in den Landkreis Dithmarschen in Schleswig-Holsteins Westen. Die 22-Jährige will jedoch unbedingt hier in der Landesunterkunft bleiben, denn ihre Familie hat sich gerade aus Kiew auf den Weg nach Deutschland gemacht.

"Ist es möglich, dass sie diesen Transfer annulliert?“, fragt die Übersetzerin. "Dass sie hier wartet, bis ihre Mutter und der Bruder nach Deutschland kommen? Das ist die Frage." Der Sozialberater möchte gern helfen, erreicht jedoch niemanden beim zuständigen Landesamt. Er verspricht, es später nochmal zu versuchen.

Anna Kvashuk und Pavlik malen vor der Landesunterkunft mit Kreide auf dem Gehweg. © NDR/Astrid Wulf Foto: Astrid Wulf
AUDIO: Ukrainerinnen im Norden: Anna Kvashuk wartet auf ihre Mutter (5 Min)

Mutter und Bruder sind auf der Flucht aus der Ukraine

Nach dem Gespräch wirkt Anna Kvashuk aufgewühlt. Sie macht sich Sorgen, dass sie schon in Dithmarschen sein muss, wenn ihre Mutter und ihr Bruder in der Landesunterkunft Boostedt ankommen. Zugleich ist die Vorfreude riesig, ihre Familie wiederzusehen und endlich gemeinsam in Sicherheit zu sein. "Es wird immer gefährlicher in Kiew aus dem Haus zu gehen, es wird immer mehr geschossen", sagt Anna. Auch sie selbst habe die Ukraine verlassen, um ihren Sohn zu beschützen - nun müsse ihre Mutter das auch tun.

Anna Kvashuk mit ihrem Sohn. Pavlik sitzt fröhlich auf einem Rutscheauto © NDR/Astrid Wulf Foto: NDR/Astrid Wulf
Anna Kvashuk spielt mit ihrem Sohn Pavlik vor der Landesunterkunft Boostedt.

Die junge Ukrainerin erzählt, dass ihre Mutter bei einer Fastfood-Kette gearbeitet habe. Zuletzt sei aber auch das zu gefährlich geworden. Gestern sei ihre Mutter dann mit ihrem 14-jährigem Bruder Vasyl von Kiew mit der Bahn in Richtung Polen aufgebrochen. In wenigen Tagen sollen sie in Deutschland ankommen. Einen Vater habe sie nicht, ergänzt die 22-Jährige knapp.

Anna Kvashuk hat sich noch nicht entschieden, ob sie ihre Familie am Berliner Bahnhof abholen will oder ob sie sich hier in Schleswig-Holstein wiedersehen werden. Aber eines steht für sie fest: Wenn es soweit ist, will sie es sich mit den beiden und ihrem zweijährigen Sohn erst einmal richtig schön machen. "Ich werde Mama und meinem Bruder Neumünster und den See zeigen, wir gehen ein paar Würstchen essen und verbringen einfach Zeit gemeinsam."


06.05.2022

Blog #1 - Die Flucht aus der Ukraine

Anna Kvashuk und ihr zweijähriger Sohn © NDR/Astrid Wulf Foto: Astrid Wulf
Anna Kvashuk und ihr zweijähriger Sohn in ihrem Zimmer der Landesunterkunft Boostedt.

Ein Toast mit Schokocreme liegt noch auf dem Teller, auf dem Smartphone läuft ein Animationsfilm. Anna Kvashuk und ihr kleiner Sohn haben gerade gefrühstückt. Pavlik, ein fröhlicher Zweijähriger mit Wuschelkopf, spielt mit einer Murmelbahn. Seit Ende April sind die beiden in der Landesunterkunft Boostedt in Schleswig-Holstein. Hier fanden sie Zuflucht vor dem Krieg in der Ukraine.

Die Familie sagte: "Nimm dein Kind und fahre weg"

Zu Hause in Kiew habe sie ein gutes Leben gehabt, sagt Anna Kvashuk. Sie habe viel Sport gemacht, Architektur studiert, als Immobilienmaklerin gearbeitet und sich um ihren kleinen Sohn gekümmert. Dann kam der Bombenbeschuss des Kiewer Flughafens Boryspil Ende Februar. Die Detonationen habe sie noch in ihrer Wohnung spüren können, erinnert sich die junge Mutter.

Anna Kvashuk und ihr zweijähriger Sohn © NDR/Astrid Wulf Foto: Astrid Wulf
AUDIO: Ukrainerinnen im Norden: Mit einem Zweijährigen auf der Flucht (4 Min)

Die darauffolgenden Tage und Nächte habe sie mit Pavlik und ihren Nachbarn hauptsächlich im Keller verbracht – ohne Heizung und nur mit einer improvisierten Toilette. Am 3. März sei dann eine Rakete direkt in ihr Wohnhaus eingeschlagen. Niemand kam zu Schaden, aber Teile des Vorgartens und des Hauses wurden zerstört. "Meine Familie sagte: 'Nimm dein Kind und fahre weg'", berichtet die 22-Jährige. Und das tat sie.

Massenpanik im Bahnhof von Kiew

Unter Sirenengeheul und dem Lärm entfernt detonierender Bomben versuchte Anna Kvashuk, einen Platz in einem der Züge nach Polen zu bekommen und schob sich am Bahnhof Kiew durch die drängende Menschenmenge. "Auf der Treppe, die hinunter zum Zug führte, herrschte eine Riesenpanik", erzählt sie. "Mein Kinderwagen wurde zertreten! Ich habe es gerade noch geschafft, Pavlik auf den Arm zu nehmen. Ein Hund wurde totgetreten, und eine schwangere Frau hat zwischen all den Menschen auf der Treppe ihr Kind bekommen."

Anna Kvashuk und Pavlik malen vor der Landesunterkunft mit Kreide auf dem Gehweg. © NDR/Astrid Wulf Foto: Astrid Wulf
Anna Kvashuk und Pavlik malen vor der Landesunterkunft mit Kreide auf dem Gehweg.

Während die junge Frau von ihren Erlebnissen erzählt, spielt Pavlik ausgelassen im Flur. Doch der Eindruck, dass die letzten Wochen keine Spuren bei dem Zweijährigen hinterlassen haben, täuscht. "Nebenan ist ein Bundeswehrgelände. Wenn die Sirenen heulen, fängt der Kleine an zu weinen", sagt seine Mutter. Auch sie habe sich beim ersten Mal sehr erschrocken.

Das DRK bietet psychologische Hilfe

Yvonne Kuhlmann vom Deutschen Roten Kreuz kümmert sich um die Geflüchteten in der schleswig-holsteinischen Landesunterkunft Boostedt. Es gebe durchaus Gesprächsangebote und psychologische Hilfen für alle, die über belastende Erfahrungen sprechen möchten – die habe wohl jeder und jede Geflüchtete gemacht. Viele würden ihre Erlebnisse jedoch zunächst mit sich ausmachen wollen. "Einige sind einfach froh, wenn sie die Zeit hier schnell rumkriegen und weiterziehen", sagt Kuhlmann. "Häufig zu Verwandten, denen sie sich dann anvertrauen können."

Anna Kvashuk sagt, sie sei froh, hier schon ein paar nette Leute kennengelernt zu haben. Mit ihnen habe sie schon Ausflüge nach Neumünster und Kiel gemacht. Nun wolle sie einen Termin beim Neurologen für Pavlik organisieren. „Vor einem Jahr wurde er von einem Hund in den Kopf gebissen – seitdem kann er seinen rechten Arm nicht gut bewegen", erzählt die 22-Jährige.

Ein verminter Wald und Hoffnung auf Frieden

Die Ukrainerin steht ständig mit ihrer Familie in Kiew in Kontakt. Ihre Verwandten wollten die Stadt nicht verlassen. Es gehe ihnen gut, sagt sie. Die Situation in Kiew habe sich etwas beruhigt, es werde nicht mehr so viel geschossen. Allerdings seien dennoch viele Explosionen zu hören. Der ans Wohnhaus ihrer Familie angrenzende Wald sei völlig vermint. Immer wieder würden Minen in die Luft gehen - wohl ausgelöst durch Waldtiere und Vögel.

Anna Kvashuk hofft, dass sie die Lage in der Ukraine so schnell wie möglich entspannt. Sie vermisst ihre Familie und ihre Heimatstadt Kiew. Für sich und Pavlik wünscht sie sich vor allem eines: "Einen friedlichen Himmel über dem Kopf."

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 13.05.2022 | 07:36 Uhr

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Flüchtlinge

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