Anna Kvashuk: Zwischen Umzug und Warten auf die Familie
Anna Kvashuk und ihr Sohn Pavlik lebten in Kiew, bis der Krieg sie zur Flucht aus der Ukraine zwingt. Reporterin Astrid Wulf begleitet sie nun für ein NDR Info Langzeitprojekt bei ihrem Leben in Schleswig-Holstein. Hier der Blog dazu.
Blog #2 - Vorfreude und ein möglicher Umzug
Anna Kvashuk sitzt im Büro eines Sozialberaters der Landesunterkunft Boostedt. Sie ist aufgeregt - der Transferbescheid ist da. Nach rund zwei Wochen soll es für sie und ihren kleinen Sohn Pavlik weitergehen, in den Landkreis Dithmarschen in Schleswig-Holsteins Westen. Die 22-Jährige will jedoch unbedingt hier in der Landesunterkunft bleiben, denn ihre Familie hat sich gerade aus Kiew auf den Weg nach Deutschland gemacht. "Ist es möglich, dass sie diesen Transfer annulliert?“, fragt die Übersetzerin. "Dass sie hier wartet, bis ihre Mutter und der Bruder nach Deutschland kommen? Das ist die Frage." Der Sozialberater möchte gern helfen, erreicht jedoch niemanden beim zuständigen Landesamt. Er verspricht, es später nochmal zu versuchen.
Mutter und Bruder sind auf der Flucht aus der Ukraine
Nach dem Gespräch wirkt Anna Kvashuk aufgewühlt. Sie macht sich Sorgen, dass sie schon in Dithmarschen sein muss, wenn ihre Mutter und ihr Bruder in der Landesunterkunft Boostedt ankommen. Zugleich ist die Vorfreude riesig, ihre Familie wiederzusehen und endlich gemeinsam in Sicherheit zu sein. "Es wird immer gefährlicher in Kiew aus dem Haus zu gehen, es wird immer mehr geschossen", sagt Anna. Auch sie selbst habe die Ukraine verlassen, um ihren Sohn zu beschützen - nun müsse ihre Mutter das auch tun.
Die junge Ukrainerin erzählt, dass ihre Mutter bei einer Fastfood-Kette gearbeitet habe. Zuletzt sei aber auch das zu gefährlich geworden. Gestern sei ihre Mutter dann mit ihrem 14-jährigem Bruder Vasilij von Kiew mit der Bahn in Richtung Polen aufgebrochen. In wenigen Tagen sollen sie in Deutschland ankommen. Einen Vater habe sie nicht, ergänzt die 22-Jährige knapp.
Anna Kvashuk hat sich noch nicht entschieden, ob sie ihre Familie am Berliner Bahnhof abholen will oder ob sie sich hier in Schleswig-Holstein wiedersehen werden. Aber eines steht für sie fest: Wenn es soweit ist, will sie es sich mit den beiden und ihrem zweijährigen Sohn erst einmal richtig schön machen. "Ich werde Mama und meinem Bruder Neumünster und den See zeigen, wir gehen ein paar Würstchen essen und verbringen einfach Zeit gemeinsam."
Blog #1 - Die Flucht aus der Ukraine
Ein Toast mit Schokocreme liegt noch auf dem Teller, auf dem Smartphone läuft ein Animationsfilm. Anna Kvashuk und ihr kleiner Sohn haben gerade gefrühstückt. Pavlik, ein fröhlicher Zweijähriger mit Wuschelkopf, spielt mit einer Murmelbahn. Seit Ende April sind die beiden in der Landesunterkunft Boostedt in Schleswig-Holstein. Hier fanden sie Zuflucht vor dem Krieg in der Ukraine.
Die Familie sagte: "Nimm dein Kind und fahre weg"
Zu Hause in Kiew habe sie ein gutes Leben gehabt, sagt Anna Kvashuk. Sie habe viel Sport gemacht, Architektur studiert, als Immobilienmaklerin gearbeitet und sich um ihren kleinen Sohn gekümmert. Dann kam der Bombenbeschuss des Kiewer Flughafens Boryspil Ende Februar. Die Detonationen habe sie noch in ihrer Wohnung spüren können, erinnert sich die junge Mutter.
Die darauffolgenden Tage und Nächte habe sie mit Pavlik und ihren Nachbarn hauptsächlich im Keller verbracht – ohne Heizung und nur mit einer improvisierten Toilette. Am 3. März sei dann eine Rakete direkt in ihr Wohnhaus eingeschlagen. Niemand kam zu Schaden, aber Teile des Vorgartens und des Hauses wurden zerstört. "Meine Familie sagte: 'Nimm dein Kind und fahre weg'", berichtet die 22-Jährige. Und das tat sie.
Massenpanik im Bahnhof von Kiew
Unter Sirenengeheul und dem Lärm entfernt detonierender Bomben versuchte Anna Kvashuk, einen Platz in einem der Züge nach Polen zu bekommen und schob sich am Bahnhof Kiew durch die drängende Menschenmenge. "Auf der Treppe, die hinunter zum Zug führte, herrschte eine Riesenpanik", erzählt sie. "Mein Kinderwagen wurde zertreten! Ich habe es gerade noch geschafft, Pavlik auf den Arm zu nehmen. Ein Hund wurde totgetreten, und eine schwangere Frau hat zwischen den all den Menschen auf der Treppe ihr Kind bekommen."
Während die junge Frau von ihren Erlebnissen erzählt, spielt Pavlik ausgelassen im Flur. Doch der Eindruck, dass die letzten Wochen keine Spuren bei dem Zweijährigen hinterlassen haben, täuscht. "Nebenan ist ein Bundeswehrgelände. Wenn die Sirenen heulen, fängt der Kleine an zu weinen", sagt seine Mutter. Auch sie habe sich beim ersten Mal sehr erschrocken.
Das DRK bietet psychologische Hilfe
Yvonne Kuhlmann vom Deutschen Roten Kreuz kümmert sich um die Geflüchteten in der schleswig-holsteinischen Landesunterkunft Boostedt. Es gebe durchaus Gesprächsangebote und psychologische Hilfen für alle, die über belastende Erfahrungen sprechen möchten – die habe wohl jeder und jede Geflüchtete gemacht. Viele würden ihre Erlebnisse jedoch zunächst mit sich ausmachen wollen. "Einige sind einfach froh, wenn sie die Zeit hier schnell rumkriegen und weiterziehen", sagt Kuhlmann. "Häufig zu Verwandten, denen sie sich dann anvertrauen können."
Anna Kvashuk sagt, sie sei froh, hier schon ein paar nette Leute kennengelernt zu haben. Mit ihnen habe sie schon Ausflüge nach Neumünster und Kiel gemacht. Nun wolle sie einen Termin beim Neurologen für Pavlik organisieren. „Vor einem Jahr wurde er von einem Hund in den Kopf gebissen – seitdem kann er seinen rechten Arm nicht gut bewegen", erzählt die 22-Jährige.
Ein verminter Wald und Hoffnung auf Frieden
Die Ukrainerin steht ständig mit ihrer Familie in Kiew in Kontakt. Ihre Verwandten wollten die Stadt nicht verlassen. Es gehe ihnen gut, sagt sie. Die Situation in Kiew habe sich etwas beruhigt, es werde nicht mehr so viel geschossen. Allerdings seien dennoch viele Explosionen zu hören. Der ans Wohnhaus ihrer Familie angrenzende Wald sei völlig vermint. Immer wieder würden Minen in die Luft gehen - wohl ausgelöst durch Waldtiere und Vögel.
Anna Kvashuk hofft, dass sie die Lage in der Ukraine so schnell wie möglich entspannt. Sie vermisst ihre Familie und ihre Heimatstadt Kiew. Für sich und Pavlik wünscht sie sich vor allem eines: "Einen friedlichen Himmel über dem Kopf."
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