Impflinge in der zusätzlichen Halle A2 im Hamburger Impfzentrum. © picture alliance / dpa Foto: Christian Charisius

Überzählige Impfdosen: Warum kostbarer Impfstoff im Müll landet

Stand: 26.04.2021 00:01 Uhr

Bei der Impfgeschwindigkeit gegen das Coronavirus liegt Deutschland deutlich hinter anderen Ländern zurück. Umso erstaunlicher, dass täglich wohl mehrere tausend potenzielle Impfdosen im Müll landen.

von Elisabeth Weydt

Dabei handelt es sich um Impfstoff, der als sogenannte Überschussmenge pro Fläschchen oder Ampulle mitgeliefert wird. Wird er verwendet, geht das über die Zahl der Impfeinheiten hinaus, die von der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) pro Behältnis zugelassen ist. Recherchen von NDR Info zeigen, dass Ärztinnen und Ärzte im Norden unterschiedlich mit dieser unklaren rechtlichen Situation umgehen. Und so landen offenbar viele Impfdosen statt in einem Arm im Müll.

Ärztin Jana Husemann verimpft in ihrer Praxis in Hamburg-Altona auch die oft zusätzliche und nicht offiziell zugelassene elfte Dosis pro Ampulle AstraZeneca, beim Impfstoff von Biontech ist es die oft zusätzlich vorhandene, aber nicht offiziell zugelassene siebte Dosis. Die Corona-Pandemie befinde sich an einem kritischen Punkt, sagt die Ärztin. Es gehe jetzt um Schnelligkeit, damit schnell viele Leute geimpft werden könnten. Noch dazu herrsche Impfstoffknappheit, "und dann ist es wirklich unverantwortlich, nicht alles auszuschöpfen, was gerade möglich ist."

Übrig gebliebener Impfstoff: Husemann wünscht sich Ansage der Stadt

Dr. Jana Husemann, erste Vorsitzende des Hausärzteverbandes Hamburg, im Interview.
Jana Husemann wünscht sich eine klare Ansage der Hamburger Behörden zum Umgang mit dem zusätzlichen Impfstoff.

Jana Husemann ist Vorsitzende des Hausärzteverbands Hamburg und wünscht sich eine klare Ansage der Stadt zu dem Thema. Viele ihrer Kolleginnen und Kollegen verfahren wie sie, aber trotzdem würden noch viel zu viele Impfdosen unnötigerweise weggeworfen, sagt sie - aus Sorge, für eventuell resultierende Impfschäden haftbar gemacht zu werden. "Es wäre schön, wenn es auch eine offizielle Ansage dazu gäbe, dass man einfach ein bisschen Rückhalt hat, die siebte Dosis zu verimpfen", sagt sie. Sie selbst mache das auch ohne eine offizielle Ansage, und viele ihrer Kolleginnen und Kollegen ihrer Einschätzung nach auch.

Impfzentrum verzichtet aus rechtlichen Gründen auf zusätzliche Dosis

Im Hamburger Impfzentrum in den Messehallen wird dagegen ausschließlich die zugelassene Anzahl an Impfdosen verwendet, der Rest weggeworfen. Dort herrscht reger Betrieb auf Abstand und mit Maske. Wie in einer großen Logistikhalle werden die sogenannten Impflinge durch das Registrierungsprozedere und dann durch eine der 64 Impfstraßen geleitet. Am Vortag wurden hier 8.268 Menschen geimpft, das steht auf einem Bildschirm über dem Eingang. Für diese 8.268 Impfdosen musste überschüssiger Impfstoff weggeworfen werden, wie Dirk Heinrich, der Ärztliche Leiter des Impfzentrums, sagt. Dabei gehe es um Verantwortung: "Der Arzt, der impft, trägt die Verantwortung genau für den Impfstoff, der da verimpft wird. Und das können wir hier nicht gewährleisten. Das geht nicht. Deswegen kann man hier im Impfzentrum keine siebte oder keine elfte Dosis ziehen." In einer Arztpraxis sei das hingegen möglich: "Wenn der Hausarzt das machen möchte oder die Hausärztin, dann kann sie das tun. Aber sie trägt eben auch die Verantwortung dafür, dass in allen sieben Spritzen oder bei AstraZeneca in allen elf Spritzen dann auch tatsächlich ausreichend Impfstoff drin ist." Im Impfzentrum sei das aus rechtlichen Gründen nicht möglich.

Wurden in Hamburg schon 43.000 Dosen weggeworfen?

Dirk Heinrich, ärztlicher Leiter des Impfzentrums Hamburg. © picture alliance/dpa | Georg Wendt Foto: Georg Wendt
Dirk Heinrich sagt, im Hamburger Impfzentrum sei es aus rechtlichen Gründen nicht möglich, die zusätzlichen Impfdosen zu verabreichen.

Bisher wurden im Hamburger Impfzentrum knapp 240.000 Dosen Biontech und 91.000 Dosen AstraZeneca verimpft. Wenn man die Berechnungen von Jana Husemann zu Grunde legt, müsste man davon ausgehen, dass seit Beginn der Impfungen damit rund 35.000 potenzielle Dosen Biontech und 8.000 potenzielle Dosen AstraZeneca im Impfzentrum weggeworfen wurden. Leiter Dirk Heinrich kann den Unmut darüber durchaus verstehen: "Ja, natürlich tut es einem leid, wenn ein Impfstoff auf diese Weise nicht zusätzlich genutzt werden kann", sagt er. "Ich persönlich glaube, dass es in großen Zentren eben nicht machbar ist. Es sei denn, der Staat sagt: 'Macht das!'." Würde ein Bundesland eine entsprechende Anweisung geben, wäre das aus seiner Sicht eine Hilfe.

Hamburger Gesundheitsbehörde sieht Ärzte in der Verantwortung

Die Hamburger Gesundheitsbehörde schreibt auf Anfrage von NDR Info, es gebe keine verbindliche Handlungsanweisung und es sei auch keine in Planung. Die Dosen würden gemäß EMA-Zulassung entnommen. Alles weitere liege in der Verantwortung des Impfarztes beziehungsweise der Impfärztin.

Bundesländer handhaben Umgang mit zusätzlicher Dosis uneinheitlich

Eine Umfrage von NDR Info unter den 16 Landesgesundheitsministerien und -behörden offenbart ein Wirrwarr an unterschiedlichen Ansagen und Uneindeutigkeiten. In Schleswig-Holstein beispielsweise darf die zusätzliche Dosis verimpft werden. In Niedersachsen soll sie das sogar. Viele andere Bundesländer aber geben wie Hamburg die Entscheidung in die Verantwortung des Impfarztes beziehungsweise der Impfärztin. Ganz anders Rheinland-Pfalz: Hier ist die zusätzliche Dosis nicht nur empfohlen, das Land übernimmt sogar explizit die Haftung dafür.

Unterschiedliche Auffassungen zur rechtlichen Lage

Es gibt zwar ein Schreiben vom Bundesgesundheitsministerium an die Landesministerien, in dem es heißt, die Entnahme der zusätzlichen Impfdosen sei unter bestimmten Voraussetzungen möglich und rechtlich zulässig. Dem Leiter des Hamburger Impfzentrums reicht das aber nicht aus. Die Verantwortung für die sichere Entnahme bleibe auch so weiterhin beim Arzt, sagt Heinrich.

Die Hausärztin Jana Husemann zieht aus dem Schreiben des Bundesgesundheitsministeriums andere Schlüsse. "Es ist ja so: Wir dürfen nicht grob fahrlässig handeln. Wir müssen natürlich mit jeder Impfung sorgsam umgehen, und das ist natürlich bei dieser Impfung auch so. Aber die Haftung, das Risiko wird nicht höher, weil man eben sieben und nicht sechs rausnimmt."

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NDR Info | Aktuell | 26.04.2021 | 06:00 Uhr

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