Stand: 13.03.2020 15:02 Uhr

Trump missbraucht die Corona-Epidemie für den Wahlkampf

Mit einiger Verspätung hat sich auch US-Präsident Donald Trump davon überzeugen lassen, dass es sich bei dem Coronavirus um eine ernste Bedrohung handelt. Mittlerweile hat er den nationalen Notstand ausgerufen und sich mit dem Kongress auf ein umfangreiches Hilfspaket geeinigt. Ob damit bisherige Versäumnisse wenigstens teilweise korrigiert werden können, bleibt abzuwarten. Ob er Skeptiker davon überzeugen kann, dass er der Situation gewachsen ist, ebenfalls.

Ein Kommentar von Bettina Gaus, Korrespondentin der "taz"

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Auch Donald Trump könne jetzt nicht die globalen Folgen der Corona-Krise abschätzen, meint Bettina Gaus.

Wer nach der ersten Rede von Donald Trump zum Umgang mit dem Coronavirus Kommentare in deutschen Medien las, musste den Eindruck gewinnen, es gebe nur eine einzige mögliche Interpretation der Ansprache: dass der US-Präsident sich nämlich als hoffnungslos überfordert gezeigt habe, nicht mehr Herr der Lage sei und seine Landsleute in die Irre führe. Für diese Analyse lassen sich überzeugende Argumente finden, und sie wird auch in den Vereinigten Staaten von angesehenen Journalistinnen und Journalisten geteilt. Aber eben nicht von allen.

Für Trumps Anhänger ist der US-Präsident bislang nicht entzaubert

Der Meinungsstreit innerhalb der USA ist durch Corona nicht beendet worden. Die Gräben - auch zwischen den Vereinigten Staaten und deren Verbündeten - bleiben tief. Um ein Beispiel zu nennen: „Groß und kühn, optimistisch und mitfühlend“ nennt das konservative Boulevardblatt "New York Post" die Ansprache von Trump. Und weiter: "So sieht es aus, wenn ein Präsident sich erhebt, um eine Krise frontal zu bekämpfen." Ende des Zitats. In Europa wird die Rede eher anders betrachtet. Selbst die schärfsten Kritiker von Donald Trump sollten sich nicht in die Tasche lügen: Für seine Anhänger ist der US-Präsident bislang nicht entzaubert. Wie übrigens auch jüngste Meinungsumfragen beweisen. Dennoch kann sich das Coronavirus im Rückblick als der Wendepunkt im Wahlkampf erweisen - sollte Donald Trump die Wahl verlieren. Denn auf einmal ist das Rennen wieder offen, und das allein ist eine Zäsur.

Wer ist am "wählbarsten"?

Noch bis vor wenigen Wochen schienen sogar viele US-Demokraten der Meinung zu sein, ein Sieg von Trump bei den nächsten Wahlen sei eigentlich nicht zu verhindern. Folge dieser eigentümlichen Verzagtheit: Im Kampf um die Nominierung der Partei zum Präsidentschaftskandidaten oder zur Kandidatin ging es vor allem um die Frage, wer am "wählbarsten" sei für Trump-Anhänger, die möglicherweise bereit wären die Seiten zu wechseln. Und für Nichtwähler.

Weniger ging es - ja doch, durchaus auch, aber eben weniger - um Programme und eigene Konzepte. Das war schon deshalb seltsam, weil die Zustimmungsraten von Trump selbst zu seinen besten Zeiten nie auch nur 50 Prozent erreichten, und weil die Staaten, in denen die Niederlage von Hillary Clinton 2016 eine Überraschung gewesen war, durchaus nicht dauerhaft verloren zu sein scheinen für die Demokraten.

Psychologie spielt eine große Rolle in der Politik

Aber Psychologie spielt eben eine große Rolle in der Politik. Genau da wird es interessant. Donald Trump hat seine Anhänger bisher vor allem damit bei der Stange gehalten, dass er eine aus ihrer Sicht erfolgreiche Wirtschaftspolitik verfolgte. Es gibt sehr gute Gründe, diese Politik für falsch zu halten. Wachsende Staatsschulden und einen protektionistischen Kurs kann man mit Recht als ungedeckten Wechsel auf die Zukunft betrachten.

Aber - und auch das gehört zur Wahrheit: Es gibt neue Arbeitsplätze und viele Leute schauen optimistischer in die Zukunft als vor vier Jahren. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts gibt es allerdings nichts, was amtierenden US-Präsidenten so gefährlich werden kann wie eine Rezession - und genau die droht derzeit der Welt insgesamt und den Vereinigten Staaten im Besonderen.

Weder schon verloren noch verloren

Es wäre vermessen, wollte irgendjemand behaupten, er könne schon jetzt die globalen Folgen der Corona-Krise abschätzen. Das kann niemand, Was allerdings bedeutet: Auch Präsident Trump kann das eben nicht. Mit vollmundigen, kurzfristigen Versprechen wird er nicht mehr punkten können, sobald sich die ökonomische Lage eines großen Teils seiner Anhänger verschlechtert. All das bedeutet nicht, dass Donald Trump die Wahl praktisch schon verloren hätte. Keineswegs. Aber er hat sie eben auch noch nicht gewonnen.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin/des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

 

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NDR Info | Kommentar | 15.03.2020 | 09:25 Uhr

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