Neue Wege in der Krise: Geschäftsführer Tim Karußeit baute in der Corona-Pandemie das Messebau-Unternehmen Hoffmann radikal um. © Jonas Wresch Foto: Jonas Wresch

Trotz Hilfe: Messebauer kämpft ums wirtschaftliche Überleben

Sendedatum: 23.06.2021 06:41 Uhr

Seit Beginn der Corona-Pandemie begleitet NDR Info ein Messebau-Unternehmen bei Hannover. Trotz staatlicher Hilfen und neuer Geschäftsfelder - das Geld wird langsam knapp.

von Isabel Lerch

Hinter Tim Karußeit und seiner Belegschaft liegen turbulente anderthalb Jahre. Im Januar 2020 übernimmt er Messebau Hoffmann - ein Familienunternehmen mit 35 Beschäftigten bei Hannover. Die Messebranche - damals scheinbar krisensicher. Geschäftsführer Karußeit ist motiviert und voller Ideen. Doch mit Corona ändert sich alles. "Von heute auf morgen ist einfach das gesamte Geschäft weggebrochen. Hier sind im Minutentakt die Veranstaltungsabsagen und damit auch unsere Auftragsstornos reingekommen", erzählt er damals im Frühjahr 2020.

Mobile Corona-Behandlungsräume statt Messestände

Karußeit baut damals mit seinem Team zwar einige mobile Corona-Behandlungsräume - doch das Hauptgeschäft, Trennwände und Türen für große Messeveranstaltungen, ist erst mal tot. Kaum im Unternehmen angekommen, muss der neue Geschäftsführer schnell umdenken. Und lenkt die Firma im Frühjahr 2020 zurück zu ihrer ursprünglichen Kernkompetenz: dem Tischlerei-Handwerk. Sein Team modernisiert fortan Küchen und Wohneinheiten. "Also die neuen Geschäftsfelder, die wir angefangen haben, bringen erste Umsätze, bringen erste neue Kunden", berichtet Geschäftsführer Karußeit noch im Dezember 2020. Aber die Aufgabe ist alles andere als leicht: "Es ist aber sehr, sehr nervenaufreibend, es ist sehr anstrengend – es ist ein wahrer Kraftakt."

Radikaler Unternehmensumbau bringt nicht die erhofften Erfolge

Jetzt, ein Jahr nach dem radikalen Unternehmensumbau, zieht der norddeutsche Unternehmer Bilanz - die enttäuschend ausfällt. Denn für die Anstrengungen, die langen Tage und das investierte Geld werden er und seine Belegschaft nicht belohnt. "Man muss ganz ehrlich sagen: Das Ergebnis ist ein bisschen ernüchternd", sagt er. Der Grund: Das Familienunternehmen ist hoch spezialisiert. "Es ist schon so, dass das Unternehmen halt sehr spezifisch auf Messebau ausgerichtet war. Das merkt man an allen Ecken und Kanten", erzählt Karußeit. Daher habe der Unternehmensumbau nicht so funktioniert, wie er es sich vorgestellt hätte.

Im Energiesparmodus durch die nächsten Monate

Einige der neu begonnenen Geschäftsfelder musste er inzwischen wieder einstellen - fehlende Kunden, technische Schwierigkeiten. Und noch etwas musste er vor etwa einem Monat dann auch tun: Seine Belegschaft in Kurzarbeit schicken - wie es fast alle Messebauer schon seit März 2020 gemacht hätten, so Karußeit. Zwei Geschäftsfelder laufen zwar aktuell noch weiter - Möbelbau und Küchenrenovierung - doch das Unternehmen befinde sich nun im Energiesparmodus, in einer Art "Sommerschlaf", sagt er. "Wir haben auch keine Ideen mehr für neue Geschäftsfelder. Und wir haben auch keine, keine Finanzen. Wir haben kein Geld mehr, um noch in weitere neue Geschäftsfelder zu investieren", berichtet Unternehmer Karußeit. Die nächsten Monate werden extrem hart, glaubt er. Und findet klare Worte: "Jetzt gilt es, hier wirklich radikal zu sparen. Jeden Cent zweimal umdrehen, um zu gucken, dass man möglichst lange mit dem bestehenden Geld auch hinkommt und liquide bleibt, die Löhne weiterzahlen kann und um dann einsatzbereit und Startplatz zu sein, wenn das Messegeschäft dann wieder losgeht."

Hoffen, dass die staatliche Hilfen verlängert werden

Messebauer Karußeit hofft nun, dass das Messegeschäft bald wiederkommt. Doch ob das Unternehmen durchkommen wird, hängt jetzt vor allem davon, ob die staatlichen Hilfen weitergezahlt werden. "Die Überbrückungshilfe, die für uns sehr, sehr wichtig ist, wurde jetzt gerade bis Ende September leider nur verlängert und nicht bis Ende des Jahres. Was wir uns als Messebauer und auch als ganze Veranstaltungsbranche gewünscht hätten", erzählt er. Auch das Kurzarbeitgeld wurde zunächst nur bis September verlängert - das macht es dem Unternehmen schwierig, weiter zu planen: "Das führt dann einfach dazu, dass wir nicht wirklich wissen, wie wir die Monate Oktober bis Februar 2022 dann wirklich überstehen sollen", sagt Karußeit. Und ist überzeugt: "Das alte Geschäft, das Messegeschäft in Hannover - und an anderen Standorten sieht es nicht anders aus - wird es in diesem Jahr nicht mehr geben."

Messebranche profitiert nicht von Lockerungen

Denn obwohl gerade vielerorts gelockert wird und erste Veranstaltungen wieder möglich sind: Internationale Messen haben eine Vorlaufzeit von bis zu einem Jahr in der Planung. Bis die Branche und der niedersächsische Messebauer also wieder voll durchstarten können, wird es noch dauern.

 

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NDR Info | 23.06.2021 | 06:41 Uhr

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