Stand: 12.12.2019 14:44 Uhr

Todeszonen in der Ostsee: Die Luft wird knapp

von Inga Wonnemann, NDR Info

Die Weltmeere verlieren Sauerstoff. Das zeigt eine aktuelle Studie der Weltnaturschutzunion "International Union for the Conservation of Nature". In sogenannten Todeszonen können Fische nicht mehr überleben. Ein Problem, das auch die Ostsee bedroht. "Der Sauerstoffverbrauch in der Ostsee hat sich extrem beschleunigt. Das ist schon sehr alarmierend", sagt Michael Naumann, Geograf am Leibniz-Institut für Ostseeforschung in Warnemünde (IOW).

Todeszonen: Keine Luft für Fische

Ein toter Fisch schwimmt im Wasser an der Ostseeküste in Eckernförde. © NDR
Fehlt Sauerstoff im Wasser, kann es zu einem Fischsterben kommen.

Wissenschaftler sprechen von Todeszonen, wenn der Sauerstoffgehalt unter zwei Milligramm pro Liter Wasser sinkt. In der Ostsee gibt es zwei unterschiedliche Formen der Todeszonen. Die einen kommen nahe der Küste in flacherem Wasser vor, die anderen in den tiefen Ostseebecken.

Die küstennahen Todeszonen entstehen im Sommer und erholen sich meist im Winter wieder. Die Todeszonen in den tieferen Becken entstehen auf natürliche Weise durch die Schichtung von Süß- und Salzwasser. Das schwere Salzwasser liegt unten und ist sauerstoffärmer.

Nicht genügend Sauerstoff-Nachschub aus der Nordsee

Die obere Süßwasserschicht wird durch Wind und Wellen mit Sauerstoff aus der Luft versorgt. In den tieferen Schichten kommt davon nichts an. Sie sind auf frisches Salzwasser aus der Nordsee angewiesen. Laut dem Leibniz-Institut für Ostseeforschung in Warnemünde gab es bis in die 1980er-Jahre hinein noch etwa sechs bis sieben große Salzwassereinströme pro Jahrzehnt. Heute kommen nur noch ein bis zwei Einströme alle zehn Jahre vor. Warum das so ist, wissen die Forscher noch nicht genau. Und was die Forscher des IOW noch beobachtet haben: Der Sauerstoffverbrauch nach einem Salzwassereinstrom hat sich extrem beschleunigt.

Für Fische und andere Meerestiere sind vor allem die küstennahen Todeszonen ein Problem. Sinkt dort der Sauerstoffgehalt, wird der Lebensraum kleiner und weniger Tiere können überleben. An die natürlichen tiefen Todeszonen haben sich die Fische angepasst. Sie leben dort einfach nicht. Sinkt dort der Sauerstoffgehalt, hat das deshalb keine direkten Auswirkungen auf Fische und Co. Unproblematisch ist es aber auch nicht: Ohne Sauerstoff verändern sich die Stoffkreisläufe. Laut den Forschern am IOW könnte das wiederum Auswirkungen auf höhere Wasserschichten haben - und damit auch auf die Fische.

Treibhausgase und Überdüngung sind Hauptfaktoren

Grünalgen schwimmen im Wasser am Strand von Lubmin. © dpa Foto: Stefan Sauer
Sind zu viele Nährstoffe im Wasser, kann es zu mehr Algenwachstum kommen.

Schuld am Sauerstoffverlust ist laut der IUCN-Studie der Mensch. Denn die Todeszonen entstehen hauptsächlich durch den Ausstoß von Treibhausgasen und einen Nährstoffüberschuss. Durch die Treibhausgase steigen die Temperaturen in der Luft. Dadurch erwärmt sich auch das Wasser. Geograf Naumann vom IOW erforscht das Problem in der Ostsee. "Warmes Wasser kann weniger Sauerstoff binden. Das Sauerstoffbudget wird dadurch kleiner", so der Wissenschaftler. Das Ergebnis seiner Auswertung von Satellitenaufnahmen: Seit 1990 ist die Ostsee um 1,6 Grad wärmer geworden.

Der Nährstoffüberschuss verschärft die Lage. Überschüssiger Dünger aus der Landwirtschaft landet über Flüsse in den Meeren. Wie auch an Land kurbelt Dünger das Pflanzenwachstum an. Es kommt zum Beispiel zu den typischen Algenblüten, die man häufig im Sommer beobachten kann. Die Algen sterben irgendwann ab, sinken zu Boden und werden dort zersetzt. Dabei wird wiederum Sauerstoff verbraucht. Vereinfacht gesagt: Die oberen Schichten verlieren Sauerstoff durch die Erwärmung, die unteren Wasserschichten durch die Nährstoffeinträge.

Maßnahmen gegen den Sauerstoffverlust

Den Nährstoffüberschuss könne man theoretisch relativ einfach regulieren, so Naumann. Zum Beispiel, indem man dafür sorge, dass weniger Düngemittel aus der Landwirtschaft ins Meer geraten. Die Erwärmung der Meere aufzuhalten sei schon komplizierter, da man den Treibhausgasausstoß verringern müsste.

Der Sauerstoffverlust in der Ostsee ist laut Naumann alarmierend: "Unsere Modelle zeigen: Wenn gar nichts unternommen wird, wird sich die Situation verschlechtern." Genau das sagt auch die IUCN-Studie: Machen wir weiter wie bisher, könnte bis 2100 der globale Sauerstoffgehalt der Meere um bis zu sieben Prozent abnehmen. Das könnte die Ökosysteme nachhaltig verändern oder sogar zerstören.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Wissenschaft und Bildung | 12.12.2019 | 09:55 Uhr

Mehr Nachrichten

Ein Mitarbeiter der Johanniter-Unfall-Hilfe nimmt für einen Corona-Test einen Abstrich von einer Frau © picture alliance/dpa Foto: Moritz Frankenberg

Corona-Ticker: Im hohen Norden gibt es am wenigsten Neuinfektionen

Im Kreis Schleswig-Flensburg liegt die Sieben-Tage-Inzidenz aktuell unter elf - und damit bundesweit am niedrigsten. Mehr Corona-News im Ticker. mehr

Rettungskräfte stehe vor einem Zug mit Kesselwagen © Westküstennews Foto: Florian Sprenger

Stromschlag tötet zwei Jugendliche im Bahnhof in Itzehoe

Sie waren nach Polizeiangaben auf einen Waggon geklettert und zu nahe an die Oberleitung gekommen. Eine dritte Person erlitt Verletzungen. mehr

Ein Blaulicht bei Nacht. © picture alliance/dpa Foto: Karl-Josef Hildenbrand

Überfall auf Geldtransporter: Mann flieht mit 400.000 Euro

Der Täter hatte laut Polizei am Sonnabend gegen 7.20 Uhr in der Fußgängerzone in der Möllner Landstraße in Hamburg-Billstedt gewartet. mehr

Ministerpräsidentin Manuela Schwesig im Interview.
6 Min

Schwesig: "Kernfamilie soll über Weihnachten zusammenkommen"

Das hat die Landesregierung bei den heutigen Beratungen zur Corona-Lage beschlossen. Touristische Reisen bleiben ausgeschlossen. 6 Min