Stand: 25.08.2020 07:53 Uhr

Studie sieht frühkindliche Förderung in Gefahr

Kindergartenkinder sitzen in einer Kita an einem Tisch. © dpa Foto: Daniel Naupold
In vielen Kita-Gruppen arbeiten laut der neuen Studie zu wenig Erzieherinnen und Erzieher.

Die Qualität der Betreuung in deutschen Kitas ist einer Studie der Bertelsmann-Stiftung zufolge weiterhin unzureichend. In vielen Einrichtungen fehle Personal und die Gruppen seien zu groß, bemängeln die Autoren - das gelte auch für Kitas in Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Hamburg. Dem "Ländermonitoring Frühkindliche Bildungssysteme" zufolge war am 1. März 2019 eine Fachkraft rechnerisch für 4,2 Krippenkinder zuständig. Bei den über Dreijährigen betreute sie 8,8 Kinder. Diese Zahlen sind nach Einschätzung von Experten zu hoch. Die frühkindliche Förderung können nicht in der nötigen Qualität umgesetzt werden. Grundlage der Erhebung sind Daten der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder.

Niedersachsen: Sehr viele Gruppen zu groß

In Niedersachsen hat sich die Lage in vielen Kitas nach den neuen Daten zwar verbessert. Allerdings hinkt man anderen Bundesländern bei der Entwicklung hinterher. Mehr als die Hälfte der niedersächsischen Kita-Kinder wird laut der Studie nicht ausreichend betreut. Für rund 64 Prozent der Kinder in amtlich erfassten Kita-Gruppen stand zuletzt nicht genügend Fachpersonal zur Verfügung.

Der Personalschlüssel für rund 158.000 Kita-Kinder sei zum Erhebungszeitpunkt der Daten nicht kindgerecht gewesen. Demnach betreute in Niedersachsen 2019 eine Fachkraft in Krippengruppen rein rechnerisch durchschnittlich 3,7 Kinder (sechs Jahre vorher waren es 4,2). In Kindergartengruppen waren es 8,0 Kinder (vorher 8,7). Von allen erfassten Kita-Gruppen sind in Niedersachsen 78 Prozent zu groß. Dies ist laut Studie der höchste Anteil bundesweit.

Schleswig-Holstein: Regionale Unterschiede werden deutlich

Ein Erzieher spielt mit drei lachenden Kindern auf einer Ball-Schaukel. © imago
Die Bertelsmann-Stiftung empfiehlt einen besseren Betreuungsschlüssel in Kitas.

Auch für die Betreuung in den Kitas in Schleswig-Holstein steht aus Expertensicht weiter zu wenig qualifiziertes Personal zur Verfügung. Für 63 Prozent der Kinder in den amtlich erfassten Kita-Gruppen habe es 2019 nicht genügend Fachpersonal gegeben, so die Studien-Macher. Demnach erreichte der Norden zwar nicht die Empfehlungen der Stiftung, wonach in Krippengruppen rechnerisch drei Kinder auf eine Fachkraft kommen sollten und in Kindergartengruppen der über Dreijährigen maximal 7,5.

Allerdings fielen die Werte für das Land besser aus als der Bundesdurchschnitt: Der Stiftung zufolge kamen in Schleswig-Holstein rein rechnerisch in Krippengruppen durchschnittlich 3,7 Kinder auf eine Fachkraft (Vergleichswert: 3,9) und in Kindergartengruppen 8,0 (9,0). Die Stiftung bescheinigte dem Land durchaus Verbesserungen durch den Ausbau von Kita-Plätzen und Investitionen in Personal. Sie seien im Vergleich zu anderen Bundesländern aber eher mittelmäßig ausgefallen. Deutliche regionale Unterschiede fallen auf: In Kiel müsse sich eine Fachkraft im Schnitt um 9,0 Kindergartenkinder kümmern, in Dithmarschen nur um 6,7.

VIDEO: Online-Petition für besseren Betreuungsschlüssel (6 Min)

Mecklenburg-Vorpommern: Gut ausgebildetes Personal

In kaum einem anderen Bundesland gehen mehr Kinder zur Kita und werden dabei von so gut qualifiziertem Personal betreut wie in Mecklenburg-Vorpommern. Probleme bei der frühkindlichen Betreuung gibt es trotzdem: Da in den Gruppen zu wenig Betreuungspersonal eingesetzt werde, leide die Bildungsqualität, so die Studie. Auf eine Erzieherin kommen demnach rechnerisch 12,9 Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren. Die Stiftung empfiehlt einen Wert von 7,5. Bei den unter Dreijährigen sind es in MV demnach sechs Kinder je Erzieherin, als Empfehlung gibt die Stiftung drei je Fachkraft an.

Rund 6.800 zusätzliche Stellen seien nötig, um auf eine ausreichende Zahl von Erzieherinnen zu kommen, hat die Bertelsmann-Stiftung errechnet. Dies würde pro Jahr 328 Millionen Euro zusätzlich kosten. Die Qualifikation der Erzieher ist in Mecklenburg-Vorpommern dafür außergewöhnlich hoch: 88 Prozent des pädagogischen Personals sind als Erzieherin oder Erzieher ausgebildet. Bundesweit trifft das laut Bertelsmann nur auf etwa zwei Drittel des Personals zu.

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Hamburg: Zu wenig Erzieher in sehr vielen Gruppen

Das Kita-Angebot in Hamburg ist trotz des Ausbaus und der Investitionen in zusätzliches Personal laut der Studie in weiten Teilen immer noch mangelhaft. "Die Mehrzahl der Kita-Gruppen in Hamburg ist zu groß, die Personalausstattung noch nicht kindgerecht und vor allem das Qualifikationsniveau der Fachkräfte zu niedrig", erklärte Kathrin Bock-Famulla, Bildungsexpertin der Bertelsmann Stiftung. "Hamburg sollte sich in allen Bereichen verbessern", ergänzte sie.

Der Personalschlüssel sei 2019 für rund 42.300 Kita-Kinder nicht kindgerecht gewesen. In fast 75 Prozent aller erfassten Kita-Gruppen gab es demnach zu wenig Erzieherinnen und Erzieher. So habe 2019 rechnerisch eine Fachkraft im Schnitt 4,5 Krippen- beziehungsweise 7,7 Kindergartenkinder betreut - im Vergleich zu vor sechs Jahren ist das eine deutlich Verbesserung. Auch im Bundesvergleich sei das sehr gut, so die Studienmacher.

Die Bertelsmann-Stiftung führt regelmäßig Studien zu bildungs- und gesellschaftspolitischen Themen durch. Die Stiftung hält eine Anteilsmehrheit am Medienkonzern Bertelsmann.

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NDR Info | Infoprogramm | 25.08.2020 | 06:00 Uhr

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