Stand: 30.06.2019 17:29 Uhr

Solidarität mit Rackete: "Hochachtung" von Weil

Bild vergrößern
In Rom zeigen Demonstranten am Sonntag ein Plakat mit der Forderung: "Solidarität ruht nicht. Carola sofort frei".

Die Festnahme der Seenotretterin Carola Rackete auf Lampedusa hat im In- und Ausland Reaktionen bis in höchste politische Kreise ausgelöst. Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) lobte das Engagement der bei Kiel geborenen und im niedersächsischen Hambühren aufgewachsenen Kapitänin des Seenotrettungsschiffes "Sea-Watch 3": "Ohne der italienischen Justiz vorzugreifen, habe ich persönlich große Hochachtung vor der Kapitänin und ihrem humanitären Einsatz", sagte Weil der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung". Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) kritisierte am Sonntag das rigorose Vorgehen der italienischen Behörden. Auch wenn es Rechtsvorschriften zum Anlaufen eines Schiffes im Hafen gebe, dürfe von einem Land wie Italien erwartet werden, "dass man mit einem solchen Fall anders umgeht", sagte Steinmeier im ZDF-Sommerinterview.

"Wer Menschenleben rettet, kann nicht Verbrecher sein", sagte Steinmeier und trat damit den Äußerungen des italienischen Innenministers Matteo Salvini entgegen, der Seenotretter als "Kriminelle" und "Verbrecher" bezeichnet hatte. Auch Weil warf Salvini eine "unerträgliche Zuspitzung" der Situation vor. Er hoffe sehr, "dass es nun mithilfe der italienischen Justizbehörden eine ruhige und sachliche Regelung dieser Angelegenheit geben kann".

Weitere Informationen
Link

Kapitänin verteidigt Hafeneinfahrt

Carola Rackete steht zu ihrer Aktion, unerlaubt in den Hafen von Lapedusa einzulaufen. Das ließ sie über ihren Anwalt ausrichten. Mehr bei tagesschau.de extern

Rackete: Situation war hoffnungslos

Rackete ließ über ihren Anwalt ausrichten, dass sie zu ihrer Entscheidung stehe. Die Situation sei hoffnungslos gewesen und ihr Ziel sei gewesen, die verzweifelten Migranten an Bord des Schiffes an Land zu bringen, bestätigte der Rechtsanwalt Alessandro Gamberini der Deutschen Presse-Agentur. Rackete hatte das Schiff mit 40 Migranten, die sie am 12. Juni vor Libyens Küste an Bord genommen hatte, in der Nacht zum Sonnabend unerlaubt in den Hafen von Lampedusa gesteuert. Danach war sie festgenommen worden. Ihr drohen mehrere Anklagen, eine Geldstrafe und im schlimmsten Fall Haft.

Vater geht von Freilassung gegen Kaution aus

Die 31 Jahre alte Rackete steht in Italien unter Hausarrest und soll am Montag in Agrigent einem Richter vorgeführt werden. Nach Angaben ihres Vaters geht es ihr gut. Sie sei "bei einer sehr netten Dame untergebracht, die sich rührend um sie kümmert", sagte Ekkehart Rackete dem "Redaktionsnetzwerk Deutschland". "Ich gehe davon aus, dass sie gegen Auflagen oder Kaution bis zum Prozessbeginn freikommt." Die italienische Zeitung "Corriere della Sera" zitierte den Vater mit den Worten: "Carola ist nicht impulsiv, sie weiß immer, was sie macht, und sie ist eine starke Frau." Darüber, was in Italien auf sie zukommen würde, sei sie sich schon vor der Ankunft in Lampedusa bewusst gewesen. "Das, was passiert ist, war keine Überraschung, ich bin sicher, dass sie sich der Konsequenzen bewusst war, denen sie entgegenging."

Spendenaktion von Böhmermann und Heufer-Umlauf

In Rom versammelten sich am Sonntag spontan Unterstützer, die mit Plakaten für die Aufnahme von Flüchtlingen und die Freilassung Raketes demonstrierten. Auch aus Deutschland erreichte die Kapitänin eine Welle der Solidarität. Die Fernsehmoderatoren Jan Böhmermann und Klaas Heufer-Umlauf riefen zu Spenden für die Seenotretter auf - bis Sonntagnachmittag kamen bereits mehr als 450.000 Euro zusammen. Kritiker der Aktion stießen indes ins gleiche Horn wie Salvini. Die Festnahme von Rackete sei ein völlig normaler Vorgang, sagte der AfD-Außenpolitiker Petr Bystron der "Welt" und fügte hinzu: "Sie ist eine gewöhnliche Kriminelle, bei der jedoch von linken Kreisen in Deutschland versucht wird, sie zu einer Heldin hochzustilisieren." Die Kapitänin hab genügend Zeit gehabt, die Migranten in einen sicheren Hafen nach Afrika oder in die Niederlande zu bringen, das Land, unter dessen Flagge die "Sea-Watch 3" fährt.

Rackete seit zwei Jahren bei Sea-Watch

Nach Angaben auf ihrem LinkedIn-Profil ist Rakete seit Juni 2017 für die deutsche Hilfsorganisation Sea-Watch tätig. Sie studierte Nautik an der niedersächsischen Jade Hochschule und schloss die Edge Hill University in England mit einem Master of Science in Naturschutzmanagement ab. Im Anschluss sammelte sie bei der Kreuzfahrtreederei Silverseas Cruises, bei Greenpeace und dem British Antarctic Survey Seefahrtzeiten als Wach- und Sicherheitsoffizierin.

Weitere Informationen

Kapitänin der "Sea-Watch 3" unter Hausarrest

Die Kieler Kapitänin des Flüchtlings-Rettungsschiffes "Sea-Watch 3" ist in Italien festgenommen und unter Hausarrest gestellt worden. Ihr droht eine Anklage. Das Schiff wurde beschlagnahmt. mehr

"Sea-Watch 3": Kieler Kapitänin festgenommen

29.06.2019 10:00 Uhr

Die Kieler Kapitänin des Flüchtlings-Rettungsschiffes "Sea-Watch 3" ist festgenommen worden, nachdem sie ohne Erlaubnis in Lampedusa angelegt hatte. Das Vorgehen der italienischen Behörden stieß auf Kritik. mehr

"Sea-Watch 3": Kiel will Flüchtlinge aufnehmen

28.06.2019 19:30 Uhr

Hängepartie auf dem Mittelmeer: Die "Sea-Watch 3" liegt mit 40 Flüchtlingen an Bord vor Lampedusa. Die Stadt Kiel bekräftigte ihre Bereitschaft, Migranten aufzunehmen. mehr

"Sea-Watch 3"-Kapitänin: Lösung zeichnet sich ab

27.06.2019 14:00 Uhr

Wie geht es weiter mit der "Sea-Watch 3"? Nachdem die Kapitänin das Schiff in Richtung des Hafens der italienischen Insel Lampedusa gesteuert hat und gestoppt wurde, ist eine Lösung in Sicht. mehr

"Die 'Sea-Watch 3' ist unsere Antwort"

25.07.2017 03:00 Uhr

Seenotretter sind zum Spielball der Politik geworden. Auch die Helfer von "Sea-Watch" sehen sich Vorwürfen ausgesetzt. Wie sie darauf reagieren, erzählen sie im Interview mit NDR.de. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 30.06.2019 | 18:00 Uhr