Stand: 11.07.2019 11:37 Uhr

Schnelles Internet für Nordfriesland

von Michael Latz, NDR Info
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In Oldersbek soll das Bürgerbreitbandnetz für schnelleres Internet sorgen.

In dieser Woche geht es um kleine Dörfer und Städte, die mit großen Schwierigkeiten fertig werden müssen. Ein Problem, das viele Orte auf dem Land teilen, ist die schlechte Internetanbindung. Im südlichen Nordfriesland haben Bürger und Kommunen dieses Thema selbst in die Hand genommen. Selbst kleinste Orte bekommen nun Glasfaserkabel.

Auf dem Land liegen meistens im Boden nur Kupferkabel, die ursprünglich zum Telefonieren gedacht waren. Jetzt müssen sie auch noch den Datenverkehr übertragen. Und je mehr Leute online sind, desto langsamer wird das Netz. In Oldersbek geht man das Problem jetzt selbst an: "Von Ortsschild zu Ortsschild buddeln wir den ganzen Ort auf", sagt Bauleiter Kai Hansen. "Wir müssen durch die Gehwege, durch die Straßen, unter den Straßen durch, Gewässerkreuzungen, haben Brücken, die wir passieren. Das ist die Herausforderung."

"Jungen Leuten im Dorf was bieten"

Hansen schaut auf einen Verteilerkasten: ein grauer, unscheinbarer Schrank neben dem Spielplatz beim Feuerwehrgerätehaus. Und doch steckt dort drin die Zukunft für Oldersbek. Davon ist Bürgermeister Hans-Joachim Müller überzeugt. Hier läuft das neue Glasfasernetz zusammen, das gerade im Dorf verlegt wird. "Wir haben uns immer bemüht, dieses Dorf kein Schlafdorf werden zu lassen. Wir wollen junge Leute hier haben, deshalb sind wir ein unheimlich kinderreiches Dorf. Und wenn man junge Leute hierher holt, dann muss man denen auch was bieten", erklärt Müller.

Internetverbindung zu schwach für Streaming & Co.

Schnelles Internet konnte Oldersbek seinen 700 Einwohnern bisher nicht bieten. Das Netz ist so langsam, dass ein Versicherungsmakler sein Büro ins benachbarte Husum verlegt hat, erzählt der Bürgermeister. Auch Nicole Knudsen, die von Zuhause aus arbeitet, kennt das Problem. Videokonferenzen sind so gut wie unmöglich, genau wie Streaming: "Was ist Netflix?", fragt sie lachend. "Wir haben im Moment eine Internetverbindung, die reicht zum Aufrufen einer Homepage und die reicht zum Versenden einer E-Mail ohne größere Anhänge."

Für Telekommunikationsanbieter ist Ausbau unrentabel

Für die großen Telekommunikationsanbieter ist die Modernisierung des Netzes in kleinen Orten wie Oldersbek zu aufwendig und unrentabel. Die Kommunen im südlichen Nordfriesland haben deshalb im Jahr 2012 die Gründung des Bürgerbreitbandnetzes (BBNG) angestoßen - lange bevor der Bund den Netzausbau förderte. Das Besondere: Das nötige Geld für den Bau des Netzes brachten Kommunen und Bürger gemeinsam auf, sagt BBNG-Geschäftsführerin Ute Gabriel: "Wir sprachen damals über ein Investitionsvolumen von 70 Millionen Euro. Und keiner, auch die Kommunen nicht, hat so viel Geld zur Verfügung, um dieses Netz zu bauen. Damals nicht und heute auch nicht."

BBNG-Ausbau des Glasfasernetzes läuft weiter

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Ute Gabriel hat große Pläne für einen weiteren Ausbau des Bürgerbreitbandnetzes.

Wer einen schnellen Internetanschluss haben wollte, musste eine Beteiligung an der Gesellschaft erwerben. Damals ein einzigartiges Modell in Deutschland. Mehr als 7.000 Haushalte hat die BBNG bisher an das Glasfasernetz angeschlossen. Und der Ausbau läuft weiter, auch in abgelegenen Siedlungen, sagt Gabriel: "Wir haben kleine Dörfer mit unter hundert Einwohnern, wo wir nur 20 bis 30 Anschlüssen finden. Wir haben aber auch größere Orte. Unser größter Ort, wo wir zurzeit unterwegs sind, ist St. Peter-Ording mit etwa 4.000 Anschlüssen. Dazwischen findet sich eigentlich alles."

Solidaritätsgedanke in Dörfern

Inzwischen haben die Kommunen ihre Anteile an der Gesellschaft aufgestockt. Neukunden müssen nur noch eine Anschlussgebühr zahlen. Bevor aber die Bagger auffahren, müssen sich mehr als zwei Drittel der Haushalte in einem Ort für das Glasfasernetz entscheiden, erklärt Angelika Poggensee, die für das Marketing zuständig ist: "Wenn die Orte klein sind, dann haben wir den Solidaritätsgedanken. Der ist sehr groß ausgeprägt in kleineren Orten, weil die Menschen sich noch zusammengehörig fühlen und denen enorm wichtig ist, wie sich die Gemeinde entwickelt."

Ländlicher Raum wird attraktiver

Nicht selten lassen sich Einwohner einen Anschluss legen, die bisher kaum im Netz surfen, erzählt Poggensee. Im kleinen Oldersbek wollten mehr als drei Viertel der Haushalte das neue Netz. Gerade werden die hauchdünnen Glasfasern in die frisch verlegten Rohre gebracht. Nur wenige Wochen noch, dann beginnt für Knudsen die digitale Zukunft: "Ich hoffe natürlich auch, dass so etwas wie Telemedizin oder andere Anwendungen, die eine schnelle Internetverbindung erfordern, zukünftig hier möglich werden. Auch das ist ein weiterer Pluspunkt, der das Leben hier im Dorf oder allgemein im ländlichen Raum, attraktiver macht."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Netzwelt | 11.07.2019 | 08:08 Uhr

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