Stand: 03.06.2020 11:50 Uhr

Schlechte Noten für digitalen Unterricht

von Verena Gonsch und Kathrin Schmid, NDR Info, Isabel Lerch und Claus Hesseling, NDR Data Team

Norddeutschlands Schulen konnten in der Corona-Krise bisher kaum an digitale Erfahrungen anknüpfen. Das ergab eine NDR Info Recherche in allen vier norddeutschen Bundesländern. Die meisten Schulen kämpfen vor allem darum, überhaupt erst einmal den Kontakt zwischen Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern herzustellen. Von einem "Virtuellen Klassenzimmer" ist die Mehrzahl der Bildungsstätten bis auf ausgewiesene Tablet-Schulen weit entfernt.

Die meisten Lehrkräfte greifen im Norden zu einem altbewährten Kommunikationsmittel: Sie schreiben E-Mails an ihre Schülerinnen und Schüler. In Niedersachsen sind das 60 Prozent der Lehrkräfte, in den anderen Bundesländern ebenfalls die Mehrheit. Auf diesem Weg verschicken die Lehrerinnen und Lehrer auch Hausaufgaben.

Für die Schulbehörden ging es in den ersten Wochen der Corona-Beschränkungen vor allem darum, den Kontakt zwischen Lehrern und Schülern zu ermöglichen. Immer noch haben nicht alle Schulen im Norden Lernplattformen wie Iserv, SchulCommSy, Nextcloud oder itslearning. Einzelne Bundesländer wie Schleswig-Holstein setzten deshalb alle Energie daran, diesen Zugang auszubauen und den Schulen sinnvolle Software für den digitalen Unterricht zur Verfügung zu stellen. Dazu gehörte auch eine Positiv-Liste über datenschutzkonforme, kostenlose Anwendungen.

Trotzdem fehlt es vielerorts noch an Grundsätzlichem: Noch immer haben nicht alle Lehrerinnen und Lehrer dienstliche E-Mail-Adressen oder überhaupt Laptops und Computer, auf denen digitale Software störungsfrei läuft. Dasselbe gilt für die Kinder und Jugendlichen. Viele haben zu Hause nur Smartphones, mit denen schulisches Lernen nur äußerst eingeschränkt möglich ist. Hamburg verleiht als einziges norddeutsches Bundesland derzeit Laptops an Schülerinnen und Schüler. Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne kündigte auf NDR Info an, den digitalen Unterricht in seinem Land auszubauen. Konkret sollen Laptops und Tablets beschafft werden, damit man zu Beginn des Schuljahres "nahezu alle Schülerinnen und Schüler" erreiche, sagte Tonne.

"Viel Handgestricktes, wenig Strukturelles"

Schulforscherin Birgit Eickelmann, hat beim digitalen Unterricht in ganz Deutschland in den letzten Wochen "viel Handgestricktes und wenig Strukturelles" festgestellt, wie sie sagt. In vielen Schulen hänge es vom Engagement einzelner ab, wie viel digitaler Unterricht überhaupt stattfindet. Meist sei es dann doch der 55-jährige Informatiklehrer, der den Kolleginnen und Kollegen erklärt, wie sie Unterricht per Videokonferenz-App machen können. Kein Wunder, denn wie digitaler Unterricht funktioniert, lernen die Lehrkräfte weder im Studium noch im Referendariat. Wer das anbieten will, muss es sich mühsam in Fortbildungen aneignen. Trotzdem hoffen Schulforscher wie Birgit Eickelmann jetzt auf einen großen Schritt in Richtung Digitalisierung - allein dadurch, dass viele Lehrkräfte Lernplattformen, Apps und Tutorials kennenlernen und ausprobieren. Sie erforscht derzeit mit ihrem Team, wie die Modellschulen in Schleswig-Holstein die Corona-Krise meistern.

Nur ein Drittel hat täglich Kontakt zu den Schülern

Ob und wie häufig Lehrkräfte Kontakt zu ihren Schülerinnen und Schülern haben, hängt sehr von den Einzelpersonen ab. Jeder fünfte Lehrer hat nur einmal in der Woche Kontakt zu seinen Klassen aufgenommen. Immerhin jede zweite Lehrkraft mehrmals wöchentlich. Täglich hat sich nur jeder dritte bei seinen Schülerinnen und Schülern gemeldet. In der regionalisierten Auswertung der Daten einer Studie der Fortbildungsplattform fobizz.com, die NDR Info zur Verfügung steht, schneidet vor allem Niedersachsen schlecht ab, gefolgt von Schleswig-Holstein. Fatal: Zu einigen Schülerinnen und Schülern haben die Lehrkräfte in der Zeit der Corona-Beschränkungen offenbar ganz den Kontakt verloren.

Bildungsforscher Olaf Köller vom Leibniz-Institut für Pädagogik in Kiel warnt davor, "dass 20 Prozent der Kinder in der Corona-Zeit zu Bildungsverlierern werden". Er plädiert für Extra-Angebote für diese Kinder und Jugendliche in den Sommerferien und dafür, dass Lehrkräfte persönlich Kontakt zu den Elternhäusern halten. Das Problem: Die Milliarden aus dem Digital-Pakt, die im letzten Jahr nach langer Verzögerung bewilligt wurden, sind bei vielen Schulen noch gar nicht angekommen. Etliche Einrichtungen haben noch gar kein ausreichendes WLAN, um digitalen Unterricht anbieten zu können. Aus den Schulen hört man, dass die Anträge sehr kompliziert sind und es niemanden gibt, der die Zeit hat, sich einzuarbeiten.

Hamburger Eltern zufrieden mit Lehrern

Trotzdem zeigt sich: Die Lehrkräfte geben sich Mühe - das attestieren in einer großen Elternumfrage zumindest die Hamburger Eltern den Lehrern ihrer Kinder.

Viele Eltern merken, wie anstrengend es ist, jeden Tag mit den Kindern Unterricht zu machen. Dabei gibt es ein Gefälle zwischen Gymnasien und Stadtteilschulen. Während sich bei den Gymnasien 25 Prozent der befragten Eltern überfordert fühlen, sind es bei den Eltern der Stadtteilschülerinnen und -schülern zehn Prozent mehr. Das könnte daran liegen, dass die Eltern der Gymnasialschülerinnen und - schüler offenbar über mehr Ressourcen verfügen, ihren Kindern beiseite zu stehen.

 

Ein Schüler hält ein Tablet in der Hand, während er Hausaufgaben macht. © picture alliance Foto: Britta Pedersen

Digitaler Unterricht - Reformschule Winterhude

NDR Info -

Von einer Digitaloffensive ist im deutschen Schulwesen wenig zu spüren – die Corona-Krise hat das offen gelegt. Aber es gibt positive Beispiele, etwa in Hamburg-Winterhude.

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NDR Info | 02.06.2020 | 06:48 Uhr