Stand: 09.07.2020 07:20 Uhr

Private häusliche Pflege - zwischen allen Stühlen?

von Marie Löwenstein
Frau schiebt einen Rollstuhl, in dem eine ältere Dame sitzt. © imago/Westend61
Arbeitszeiten oder genaue Aufgabenbeschreibungen werden oft frei vereinbart.

Sie machen den Haushalt, sie helfen beim Waschen und Anziehen, haben die Medikamente im Blick und sind 24 Stunden am Tag da: junge Frauen, die als Betreuungs- und Pflegekräfte bei alten Menschen wohnen. Meistens sind es Frauen aus Osteuropa. Schätzungsweise 300.000 Menschen machen diesen Job.

Sechs Wochen in Deutschland, sechs Wochen in Polen

Tatiana Machoska lebt eigentlich mit ihrem Mann in Warschau. Seit drei Jahren arbeitet sie aber im Kreis Pinneberg - als Betreuerin der 90-jährigen Edith Nobis, die seit mehr als zwei Jahren fast blind ist. Tatiana Machowska kocht, putzt, kauft ein und fährt die alte Dame zu ihren Terminen. "Manchmal gehen wir zum Arzt, manchmal gehen wir zur Bank, manchmal zum Steuerberater oder ins Einkaufszentrum und so weiter und so fort. Jeder Tag sieht für mich anders aus", erklärt die 34-Jährige. Nach sechs Wochen wird Tatiana Machowska jeweils von einem Kollegen abgelöst, der ebenfalls aus Polen stammt. Dann fährt sie wieder nach Hause zu ihrer Familie.

Die Hand einer alten Frau wird von der Hand einer jüngeren Frau gehalten © dpa Foto: Peter Endig
AUDIO: "Häusliche Pflege: Große Qualitäts-Unterschiede" (4 Min)

Den Spagat zwischen der Arbeit in Norddeutschland und dem Leben in Warschau empfindet Tatiana Machowska als anstrengend: "Manchmal finde ich es als sehr schwierig. Denn meine Eltern sind alt und krank und ich muss mich auch um sie kümmern. So reise ich von Warschau nach Schlesien und dann wieder nach Deutschland." Momentan funktioniere das noch ganz gut, erzählt Tatiana Machowska, denn sie und ihr Mann haben keine Kinder. Und für ihre Eltern hat sie ihrerseits eine Betreuung in Polen gefunden.

Altenbetreuung statt Schulunterricht

In ihrer Heimat als Pflegerin zu arbeiten, käme für Tatiana Machowska derzeit nicht infrage. Gehälter wie in Deutschland, zwischen 1.200 und 2.000 Euro, sind dort unvorstellbar. Auch ihr eigentlicher Job als Geografie-Lehrerin reizt sie nach zwölf Jahren im Klassenzimmer nicht mehr. Die Arbeit sei schlecht bezahlt und habe sie ausgebrannt. Mit ihrem Job in Pinneberg ist sie dagegen zufrieden. Das liege vor allem an Frau Nobis, ihrer Arbeitgeberin. "Ich habe ein sehr sehr gutes Verhältnis mit meiner Arbeitgeberin. Wir sind mehr wie Freunde. Wie Menschen, die einander respektieren und die Bedürfnisse des anderen verstehen", sagt die Betreuerin. Feste Pausen-Zeiten hätten beide zwar nicht vereinbart, aber sie bekomme genug Freizeit. Das sei in der 24-Stunden-Betreuung keineswegs selbstverständlich: "Ich habe gehört, dass es oft passiert, dass die Betreuung den ganzen Tag zu Hause bleiben muss oder zwei Stunden Freizeit hat. Wenn ich hier bin, arrangieren wir uns jeden Tag anders, weil meine Aufgaben jeden Tag anders sind."

Probleme durch mangelnde Qualifikation

Tatiana Machowska ist mit diesem Modell zufrieden. Doch die eigenen Rechte durchzusetzen, schaffe in dem Bereich längst nicht jeder, sagt Burkhardt Zieger vom deutschen Berufsverband für Pflegeberufe. "Also eine 24-Stunden-Betreuung bedeutet 24 Stunden vor Ort. Und das an sieben Tagen der Woche. Die Wahrscheinlichkeit oder Gefahr ist relativ groß, dass hier Arbeitszeit-Gesetze tatsächlich dauerhaft verletzt werden." Zudem bemängelt Zieger, dass viele Betreuungskräfte auch pflegerische Aufgaben übernehmen, obwohl sie dafür nicht geschult sind. Auch mit dementen Menschen seien sie oft überfordert. Angehörige, die weit weg lebten, erkennen oft nicht rechtzeitig, wenn eine Betreuung nicht mehr ausreicht, warnt Burkhardt Zeiger. Für die Entscheidung "Betreuung oder Pflege?" brauche es qualifizierten Rat. Klar ist seiner Ansicht nach aber auch: Die alternde Gesellschaft in Deutschland ist am Ende auf die Hilfe aus Osteuropa angewiesen.

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NDR Info | 09.07.2020 | 07:20 Uhr

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