Bilanz "Deutschland spricht": Anders denken, miteinander reden

Stand: 24.09.2021 16:00 Uhr

Mehrere Monate hat der NDR einen Meinungsaustausch mit Andersdenkenden ermöglicht. Bei der Aktion "Deutschland spricht" machten knapp 14.500 Menschen mit. Mit unterschiedlichen Meinungen gingen sie ins Gespräch; oft gab es unerwartete Gemeinsamkeiten.

"Die Dynamik des Gesprächs hat mich überrascht. Von anfänglicher 'Sorge', gar keine Reibungsthemen oder komplett konträren Ansichten zu haben, bis hin zu einem wunderbaren Ende mit starker Sympathie." So fasst der 48-jährige Mario Hoffmann sein Gespräch mit der Hilde Meyer (80) zusammen. Beide hatten zuvor zwar sechs der acht politische Fragen bei "Deutschland spricht" gegensätzlich beantwortet. Der direkte Kontakt aber half offensichtlich, Verständnis füreinander zu entwickeln. Genau das war die Idee von "Deutschland spricht".

Aktion "Deutschland spricht"

Mit Blick auf die Bundestagswahl am 26. September beteiligte sich der NDR an der Aktion "Deutschland spricht". Sie bringt Menschen für ein Gespräch zusammen, die bei politischen Themen unterschiedlicher Meinung sind. In Online-Artikeln auf NDR.de und auf den Webseiten anderer Partner waren Ja-Nein-Fragen eingebettet, die Sie beantworten konnten. Nach Angabe der Kontaktdaten, suchte die Software Gesprächspartnerinnen und -partner. Sobald beide dem Gespräch zugestimmt hatten, konnten Sie sich auf einer Videoplattform zu einem virtuellen Gespräch oder einem Treffen verabreden.

Oft überrascht von Konsens

Insgesamt verabredeten sich bei der Aktion 6.430 mal zwei Menschen zum Gespräch. Viele Teilnehmende zeigten sich anschließend überrascht davon, dass sie den Ansichten ihres Gegenübers doch näher sind als gedacht. "Wir hatten ja schon eine Ahnung, wo wir unterschiedlicher Meinung sein würden, aber ich war überrascht, dass wir an ganz unerwarteten Punkten zu einem Konsens gefunden haben", schreibt die Medienwissenschaftlerin Marie-Hélène Adam in ihrem Feedback.

Raus aus der eigenen Blase

"Die vollkommen andere Lebenswelt meines Gegenübers" habe sie überrascht, berichtet Christine Laule im Anschluss an ihr Treffen. Andere Lebenswege verstehen, Biografien kennenlernen - auch das ist die Idee der Aktion: Wir können eine Person nur verstehen, wenn wir mit ihr reden. Argumente der Gegenseite können wir nur nachvollziehen, wenn wir die Gegenseite kennenlernen.

Generationen und Geschlechter in einigen Fragen uneins

Sollte es eine Impfpflicht für Erwachsene geben? Kümmert sich Deutschland zu wenig um die Ostdeutschen? Oder: Sollte Deutschland mehr Menschen aus Afghanistan aufnehmen? Das waren einige der Fragen, auf die die Teilnehmenden antworten sollten. Und die Antworten zeigen: Die Generationen sind sich in einigen Fragen uneins. So findet jeder Zweite unter 30 Jahre, dass Gendern für mehr Gerechtigkeit sorgt. Bei den über 60-Jährigen stimmt dem nur etwa jeder Achte zu.

Auch Frauen und Männer liegen in einigen Fragen deutlich auseinander. Mehr als 20 Prozentpunkte trennen die Geschlechter in den Fragen zu Afghanistan, dem Mietendeckel, Rassismus und Gendern. Frauen und unter 30-Jährige liegen hingegen deutlich näher beieinander. Die Aktion zeigt auch, dass Menschen aus Ost und West sich ziemlich einig sind - bis auf einen Punkt: Jeder Zweite im Osten Wohnhafte sagt, Deutschland kümmere sich zu wenig um den Osten. Im Westen meint das nur jeder Dritte.

Mehr als 14.000 Menschen haben mitgemacht

Knapp 14.500 Menschen bundesweit hatten sich über "Deutschland spricht" registriert. 87 Prozent der Teilnehmer*innen sind mit den Gesprächen zufrieden. Mehr als die Hälfte der Teilnehmenden möchte mit dem Partner sogar weiter in Kontakt bleiben. Jeder Zweite gibt an, bei einem oder mehreren Themen vom Gegenüber überzeugt worden zu sein. "Ich muss wohl meine Bild, dass Deutschland ein Rassistisches [sic] Land sei, überdenken. Mein Gesprächspartner hatte überzeugende Argumente, die eine Neubewertung nötig machen", schreibt der 45-jährige Christian Nollert. Der Pensionär Paul Diederich Seckelmann hat in der Frage der Sanktionen zu Russland nach eigener Ansicht vom Gesprächspartner dazu gelernt: "Helfen die wirklich, um ein machtstrebendes System zum einlenken zu Bewegen?", fragt er sich im Feedback.

Aktion mit mehreren Medienpartnern

Der NDR beteiligte sich an der Aktion "Deutschland spricht" - in Kooperation mit dem "Handelsblatt", der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", der "Freien Presse" und dem "Stern". Federführend war die Wochenzeitung "Die Zeit". Das Durchschnittsalter war 49 Jahre. Es registrierten sich 14.456 Menschen, davon gaben 10.330 an, männlich zu sein. 262 Teilnehmende wählten keine Geschlechtsangabe.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 14.05.2021 | 09:00 Uhr

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