Auf einem kleinen Kreuz steht "unvergessen". © fotolia Foto: racamani

Mehr als 100.000 Corona-Tote: Wenn der Kollege plötzlich fehlt

Stand: 25.11.2021 09:39 Uhr

Mehr als 100.000 Menschen sind in Deutschland an oder mit Covid-19 gestorben. Die ARD-Informationsradios wollen mit einem Themenschwerpunkt an die Toten erinnern - und den Hinterbliebenen, die einen geliebten Menschen verloren haben, eine Stimme geben.

von Lea Eichhorn

Erst wenige Wochen ist es her, dass Jörg Wisotzki nicht nur einen Mitarbeiter, sondern auch einen Freund an Covid-19 verloren hat: Rafal. Der Familie zuliebe nennt er nur den Vornamen des Verstorbenen. "Es war für uns alle sehr emotional. Er war für mich der Erste in meinem Freundeskreis, wo ich wirklich sagen konnte, dass er an Corona verstorben ist."

Das erste Corona-Todesopfer im Freundeskreis

Der Leiter des Seniorenheims in der Billwerder Bucht.
Jörg Wisotzki war von der Nachricht, dass sein Kollege an Corona starb, geschockt.

Wisotzki sitzt in seinem Büro in Hamburg-Rothenburgsort. Er dreht sich um und zeigt auf ein Foto, das auf dem Schrank steht. Es wirkt wie ein Urlaubsfoto und zeigt einen lachenden jungen Mann mit Dreitagebart und Käppi: Rafal. Er wurde nur 43 Jahre alt. Sein Vorgesetzter und Freund Jörg Wisotzki erzählt: An einem normalen Arbeitstag seien er und Rafal sich gut zwanzig Mal über den Weg gelaufen: "Und es gab immer wieder Schnack zwischendurch. Man merkt, dass das fehlt, diese prägnante Stimme von ihm."

Jörg Wisotzki leitet ein Seniorenwohnheim in Hamburg-Rothenburgsort. Dort habe er 2019 auch Rafal kennengelernt. Ursprünglich sei Rafal Fernfahrer gewesen. Doch nach einer Erkrankung habe er in dem Beruf nicht mehr arbeiten können. Stattdessen machte er ein Praktikum im Seniorenwohnheim, als Hausmeister. Arbeitete sich sehr schnell gut ein, erzählt sein Chef Jörg Wisotzki. Deswegen habe er sich nach wenigen Wochen entschieden, Rafal eine Festanstellung anzubieten. Der habe die Chance angenommen. Rafal habe seine Arbeit gerne gemacht und sei bei den Bewohner*innen beliebt gewesen. "Da ist er aufgegangen. Es war ein gutes miteinander Arbeiten und es hat Spaß gemacht", sagt Wisotzki.

Rafal ist nicht gegen Covid-19 geimpft

Ab und zu treffen sie sich auch privat. Dann kommt die Corona-Pandemie. Besonders Pflegeheime werden zu abgeschirmten Bereichen. Alte Menschen gehören zu den besonders schutzbedürftigen Gruppen. Noch heute müssen Besucher*innen im Eingang des Seniorenwohnheims eine Schleuse passieren, in der eine Kamera und ein Fieberthermometer nach Covid-Symptomen suchen.

Themenschwerpunkt: 100.000 Corona-Todesopfer

Fast 100.000 Menschen sind nach offiziellen Angaben in Deutschland seit Beginn der Pandemie an Covid-19 verstorben. Die Menschen hinter der Zahl werden in der aktuellen Berichterstattung wenig sichtbar. Reporter und Reporterinnen von NDR Info haben für diesen Themenschwerpunkt Angehörige und Freunde von Verstorbenen getroffen, die an oder mit Covid-19 gestorben sind. Adrian Feuerbacher, NDR Chefredakteur: "Inmitten der Debatte um politische Versäumnisse wollen wir unsere Hörerinnen und Hörer einladen, innezuhalten und in Gedanken bei jenen zu sein, die aufgrund der Pandemie einen geliebten Menschen verloren haben."

Doch Rafal habe die Pandemie für "fake" gehalten, sagt Wisotzki. Auch nachdem Rafal sich selbst im privaten Umfeld angesteckt habe. Bis zum Schluss sei er gegen die Corona-Impfung gewesen. Wisotzki sagt, er habe mit ihm gesprochen, als Chef und als Freund. "Wir haben versucht die Mitarbeiter regelmäßig aufzuklären, auch was Long Covid betrifft. Aber wir haben ihn offensichtlich nicht erreicht."

Weil er sich jeden Tag vor der Arbeit testen muss, fällt Rafals Infektion auf, bevor er das nächste Mal kommt. Zunächst habe er von Grippesymptomen gesprochen, erzählt Wisotzki. Doch nach kurzer Zeit habe sich Rafals Zustand verschlechtert - seine Lunge sei stark belastet gewesen - und er sei eine Woche lang auf der Intensivstation beatmet worden. Dann scheint es so, als hätte der 43-Jährige das Schlimmste überstanden. Er habe Wisotzki bei WhatsApp eine Nachricht geschrieben. Es gehe ihm besser, er brauche den Sauerstoff nur noch bei Bedarf. Er hoffe, dass er in wenigen Tagen entlassen werde.

Eine Woche auf der Intensivstation

Seine Frau und die elf Jahre alte Tochter seien ebenfalls an Covid 19 erkrankt gewesen. Sie hätten die Krankheit überstanden. Rafal nicht. Zwei Tage nach seiner optimistischen Nachricht an seinen Chef stirbt er. Damit habe er eigentlich nicht mehr gerechnet, erzählt Wisotzki. "So ein starker, großer Mann, ohne großartige Vorerkrankungen, den an Covid-19 zu verlieren war ein harter Schlag."

Dem Kolleg*innen-Kreis geht die Nachricht von Rafals Tod sehr nah. Bis dahin seien sechs weitere aus dem Team ebenfalls noch nicht geimpft gewesen. Wisotzki gibt ihnen Aufgaben, in denen sie keinen direkten Kontakt zu den Bewohner*innen des Seniorenheims haben. Immerhin: Zwei von ihnen haben sich nach Rafals Tod einen Ruck gegeben. Sie seien jetzt geimpft.

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 24.11.2021 | 07:00 Uhr

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