Stand: 31.05.2020 00:00 Uhr

Warum wir immer noch sozial fasten müssen

Die vielen Lockerungen der bisherigen Corona-Beschränkungen führen derzeit zu einem schon fast normalen Alltag. Manche Bundesländer wollen die Kontaktbeschränkungen am liebsten sofort und ganz abschaffen. Aber ist das vernünftig?

Ein Kommentar von "Spiegel"-Redakteurin Annette Bruhns

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Unser Verzicht kann Leben retten, meint "Spiegel"-Redakteurin Annette Bruhns.

Haben Sie schon mal gefastet? Der irische Dramatiker George Bernard Shaw hat gesagt, das könne jeder Dummkopf. Das Fasten brechen, fügte Shaw hinzu, könne dagegen nur ein Weiser. 

Das Gewonnene wird gleich wieder zunichte gemacht

Wir haben, sozusagen, jetzt alle gefastet: nämlich sozial. Es war furchtbar anstrengend, aber letztlich einfach. Wer fastet, darf nichts essen. Wer im Lockdown ist, darf niemanden treffen. 

Und nun? Nach einer Fastenkur ist Schmalkost angesagt: ein Apfel. Pause. Ein Gemüsesüppchen. Pause. In langsamen Schritten muss sich der Körper ans Essen gewöhnen. An dieser Hürde scheitern viele. Brav fangen sie mit dem Apfel an, stopfen dann aber gierig ein Käsebrot hinterher, und naschen am Ende noch Schokolade. Dadurch machen sie das, was sie gewonnen haben, gleich wieder zunichte.

Deutschland wird derzeit von vielen Unvorsichtigen regiert. Zuletzt fiel Bodo Ramelow auf, Thüringens linker Ministerpräsident. Er wollte aus Verboten Gebote machen. Abstand zu halten, Schutzmasken zu tragen, das wollte er - so klang es zunächst - dem mündigen Bürger selbst überlassen. Diejenigen, die Angst vor Corona haben, könnten sich dann eine Maske aufsetzen, und diejenigen, die das Virus nicht fürchten, eben nicht.

Ramelows Vorstoß als Gang auf ein Minenfeld

Klingt vernünftig? Forscher haben ein Experiment mit Goldhamstern gemacht, von denen einige corona-positiv waren. Als man nur die Käfige der gesunden Hamster mit Stoff von OP-Masken verhüllte, sank deren Ansteckungsrisiko um 50 Prozent. Als man die Käfige der infizierten Hamster bedeckte, verringerte sich das Ansteckungsrisiko um 75 Prozent. Jenas Oberbürgermeister scheint solche Zusammenhänge zu kennen. Er kritisierte Ramelows Vorstoß nämlich als Gang auf ein Minenfeld.

Ramelow hat seine Idee jetzt wieder halb zurückgezogen, aber in Sachsen lockert sich schon die nächste, Gesundheitsministerin Petra Köpping von der SPD. Derzeit mögen einige Politikerinnen und Politiker offenbar nicht länger auf Schokolade verzichten. Es ist ja auch hart, dem Drang zu widerstehen, gelobt zu werden von den vielen und vor allem lauten Bürgern, die die Einschränkungen nicht akzeptieren. "Ich kenne niemanden, der Corona hat", sagen diese Bürger zum Beweis für ihre Annahme, dass Deutschland überreagiert habe, als Antwort auf eine nur eingebildete Gefahr.

Schweden setzt auf die Vernunft der Bürger

Es sind oft dieselben Menschen, die auf Schweden verweisen, das Land, das seine Schulen nie ganz geschlossen hat und stattdessen auf die Vernunft seiner Bürger setzt. Schweden hat inzwischen mehr als 4.200 Tote zu beklagen. Im Verhältnis zu seiner Einwohnerzahl sind das fast zehnmal mehr als im im ähnlich dünn besiedelten Nachbarland Norwegen und viermal mehr als in Deutschland.

Ich habe Angst vor dem Tod. Ich sehe nicht ein, dass irgendjemand früher stirbt als nötig. Mir tun auch die Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte leid. Sie müssten als Erste ihre Haut hinhalten, bekämen wir eine neue Infektionswelle. Eine zweite Welle, warnen Virologen, könnte schlimm ausfallen. Weil das Virus sich inzwischen überallhin verbreitet hat, kann es sich überall urplötzlich vermehren. Auch in Thüringen.

Griechenlands Lockdown war härter und länger

Meine Helden sind nicht die Schweden, sondern die Griechen. Sie haben sogar etwas mehr Einwohner als Schweden und dabei 24 Mal weniger Menschen verloren. Bis Freitag starben dort 175 Covid-19-Patienten. Die Griechen haben nicht gewartet, bis alle jemanden mit Corona kannten. Als die erste Griechin am 26. Februar positiv getestet wurde, verbot die Regierung am nächsten Tag den Karneval. Hellas' Lockdown war härter und länger als unser. Erst im Juni dürfen dort die Kinder wieder in die Schulen und Kitas.

Zu verdanken hat Griechenland das seinem Chef-Infektiologen Sotiris Tsiodras. Diesem nüchternen Mann stockten die Worte, als er die Nation im Fernsehen warnte, es ginge nicht um ein paar ältere oder behinderte Mitbürger, sondern um ihre Mütter und Väter, Großmütter und Großväter. "Ohne sie", sagte Tsiodras bewegt, "würden wir weder existieren noch eine Identität haben." Wie wahr.

Richtig ist auch: Mit jedem Tag, den wir sozial fasten, gewinnen Mediziner Zeit. Weltweit wächst das Wissen exponentiell, für bessere Behandlungen der Erkrankten, für einen Impfstoff. Unser Verzicht kann Leben retten.

 

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin/des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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NDR Info | Kommentar | 31.05.2020 | 09:25 Uhr