Menschenmenge am Flughafen von Kabul © dpa

Kommentar zu Afghanistan: Merkels außenpolitische Trümmer

Stand: 27.08.2021 17:01 Uhr

Gerade außenpolitisch hat sich Angela Merkel in 16 Jahren den Respekt sämtlicher Staatenlenker erworben. Doch dass die Schlussphase des Einsatzes in Afghanistan im Chaos versinkt und Schutzbedürftige zurückbleiben, ist auch ihr anzulasten, meint Kai Küstner. Die sonst so trittsichere Kanzlerin droht damit auch ihr außenpolitisches Erbe zu zerstören.

Ein Kommentar von Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio

Besser hätte die deutsche Kanzlerin ihre Hilflosigkeit nicht auf den Punkt bringen können: "Das haben wir leider nicht mehr voll in der Hand", gab Angela Merkel, gefragt nach den Rettungsaussichten für die Ortskräfte, bereits kurz nach der Machtübernahme der Taliban offen zu. Heute ist klar: Nichts hat die Bundesregierung in Afghanistan nach dem Abzug der deutschen Truppen noch selbst in der Hand.

Kai Küstner, Korrespondent im ARD-Hauptstadtstudio Berlin © ARD-Hauptstadtstudio Foto: Jens Jeske
Dass die Bundesregierung in Afghanistan nicht handelte, als sie das noch konnte, ist auch Merkels Versäumnis, meint Kai Küstner.

Ausdruck dieses Entgleitens der Kontrolle: Inmitten einer Menschenmenge Verzweifelter sprengten sich - Minuten vor dem Abheben des letzten Bundeswehr-Fliegers - in Kabul Selbstmordattentäter des "Islamischen Staats" in die Luft. Das ist das Land, das die internationale Gemeinschaft nach ihrem fluchtartigen Abzug hinterlässt - und im Stich lässt: Afghaninnen und Afghanen, die nach Freiheit und Sicherheit dürsten und doch nichts davon bekommen werden - zurückgelassen in der Islamisten-Hölle. In die Enge getrieben schon jetzt vom grausamen Machtkampf zwischen Taliban und IS. Tausende Schutzbedürftige, denen die Bundesregierung Hilfe versprochen hatte, sind auf sich gestellt. Deutsche Soldaten, die sich jetzt fragen, was ihr Einsatz eigentlich wert war - wütend, frustriert, re-traumatsiert.

Die Kanzlerin wirkt teilnahmslos

Und die Kanzlerin? Teilnahmslos. Selbst, wenn sie es nicht ist, wirkt sie doch so. Kurz nach den Horrormeldungen aus Kabul, dem Anschlag von Donnerstag: Die Kanzlerin widmet der schnell weltweit die Schlagzeilen beherrschenden Tragödie ganze zwei Minuten zum Auftakt einer ohnehin geplanten Pressekonferenz zum Thema Afrika. Will Angela Merkel einem Auftritt Gewicht verleihen, stellt sie sich im Kanzleramt vor Europa- und Deutschlandfahne ans Rednerpult - dieses Ereignis verdiente das aus ihrer Sicht offensichtlich nicht. Dass nur kurz zuvor an jenem Flughafentor noch deutsche Soldaten standen, an dem sich einer der Attentäter in die Luft sprengte, dürfte Merkel gewusst haben.

Videos
Der Reporter Lars Stuckenberg.
3 Min

Bundeswehr-Flieger aus Afghanistan in Wunstorf gelandet

Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer sprach den Soldatinnen und Soldaten ihren Dank aus. Lars Stuckenberg mit den Details. 3 Min

Doch Afghanistan ist für die Kanzlerin schon immer der "Krieg der anderen" gewesen. Nicht ihrer. So soll es bitte auch auf den letzten Metern bleiben. Besuche am Hindukusch oder Reden zu Afghanistan? Davon bitte nur das Nötigste, es könnte ja etwas von diesem ungemütlichen Thema auf sie abfärben. Das war über Jahre die typische Merkel-Haltung. Auch die Regierungserklärung im Bundestag diese Woche schien für sie eher eine Art Pflichterfüllung. Ein Krieg der anderen mit Fehlern der anderen. Doch gerade in diesen letzten Tagen wäre mehr als Pflichterfüllung gefragt gewesen.

Biden treibt sich und Bündnispartner in die Ohnmacht

Ja, es war US-Präsident Joe Biden, der mit seinem bedingungslosen und an symbolträchtigen Daten wie dem 11. September ausgerichteten Abzug sich und die Bündnispartner in die selbstverschuldete Ohnmacht trieb. Der die unheilvolle Saat für das sich vor den Augen der Weltöffentlichkeit entfaltende Desaster am Hindukusch säte. Doch dass die Bundesregierung nicht handelte, solange sie noch handeln konnte, Notfallpläne in Kraft setzte, Schutzbedürftige ausflog, ist auch Merkels Versäumnis.

Nun rächt sich die Distanz, die sie über Jahre zwischen sich und Afghanistan aufgebaut hat. Sie wäre nicht mehr zu überbrücken gewesen, selbst wenn Merkel gewollt hätte. Jahrelang hat die Kanzlerin entscheidend daran mitgewirkt, Deutschland, Europa und den Westen zu einem glaubwürdigen geopolitischen Akteur zu machen. Im Umgang mit Russland, als Vermittlerin im Ukraine-, im Libyen-Konflikt. Am Hindukusch ist diese Glaubwürdigkeit des Westens mit dessen Verlust der Kontrolle innerhalb weniger Tage in sich zusammengestürzt. Und so sind die außenpolitischen Trümmer, vor denen die Weltgemeinschaft nun steht, auch die Trümmer der Angela Merkel. 

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin/des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

Weitere Informationen
Auf dem Fliegerhorst in Wunstorf ist nach einer Evakuierungs-Mission in Kabul eine Maschine der Bundeswehr gelandet. (Aufnahme vom 27.08.2021)

Jetzt auch "MedEvac" in Wunstorf gelandet

Einen Tag nach der Rückkehr Hunderter Soldaten kam die fliegende Intensivstation am Sonnabend auf dem Fliegerhorst an. mehr

Menschenmengen und Verkehrschaos am Flughafen von Kabul, Afghanistan © picture alliance / AA Foto: Sayed Khodaiberdi Sadat

Kommentar: Die Lehren aus dem Afghanistan-Fiasko

Das einzig Gute an Katastrophen ist, dass man im Nachhinein aus ihnen lernen kann. Ein Kommentar von Markus Feldenkirchen. mehr

Wigand Koch kommentiert.

Kommentar: Afghanistan - das Versagen der Politik

Wigand Koch erkennt bei der Afghanistan-Politik eine erschreckende Planlosigkeit. Und einen Lichtblick in Hamburg. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 27.08.2021 | 17:08 Uhr

Mehr Nachrichten

Ein Schild weißt auf die 2G-Regel hin. © picture alliance / CHROMORANGE | Michael Bihlmayer Foto: Michael Bihlmayer

Niedersachsen: Mehr Freiheiten für Geimpfte und Genesene

Land weitet 2G-Modell in der neuen Corona-Verordnung aus. Die "Hospitalisierung" ist neuer Leitindikator für Warnstufen. mehr