Stand: 03.04.2020 15:48 Uhr

Kommentar: Merkel, die Corona-Krisen-Kanzlerin

Das Corona-Krisenmanagement der Bundesregierung unter Kanzlerin Angela Merkel (CDU) kommt bei der Bevölkerung offenbar gut an - das zeigt jedenfalls der aktuelle ARD-DeutschlandTrend. So gut wie jetzt stand die Große Koalition lange nicht da. Wie haben Merkel und ihre Kabinettsmitglieder das geschafft, die noch vor wenigen Wochen ganz wenig Zustimmung mit ihrer Politik gefunden hatten?

Ein Kommentar von Georg Schwarte, ARD-Hauptstadtstudio

Georg Schwarte © ARD-Hauptstadtstudio Foto: Jens Jeske
Unaufgeregt wie immer: Georg Schwarte meint, dass es Merkels Plus sei, dass sie sich auch in der Krise treu bleibe.

Erinnert sich noch wer? An die Welt? Damals? An das, was scheinbar wichtig war? Friedrich Merz oder Armin Laschet? Geht Angela Merkel endlich vorzeitig? Wer kann wohl Kanzler? Das waren die Probleme.

Vier Wochen ist das her. Vier Wochen und eine Krise, wie sie die Bundesrepublik Deutschland noch nie erlebte. Vor vier Wochen haben 65 Prozent von uns dieser Bundesregierung gesagt: Ihr könnt es nicht. Wir sind unzufrieden. Ihr langweilt uns. 65 Prozent lautes Gemaule im ARD-DeutschlandTrend. Vier Wochen später eine Kehrtwende, wie sie Demoskopen noch nie erlebten: 63 Prozent Zustimmung.

Nur andere werden panisch

Dieses Bundeskabinett, über das viele vor vier Wochen müde den Daumen senkten - Horst Seehofer zu alt, Merkel zu schwach, Olaf Scholz zu farblos, Heiko Maas zu leichtmatrosig -, erhält jetzt die höchste Zustimmung, die es seit Beginn der Befragung des deutschen Politikgemütes vor 23 Jahren jemals für eine Bundesregierung gab.

Nicht bei Schröders Irakkrieg-Entscheidung, nicht bei der Finanzkrise 2008/2009 und dem "Ihre Einlagen sind sicher Moment" von Peer Steinbrück und Merkel. Jetzt.

Obendrein mit einer Kanzlerin, die seit 14 Tagen das Land aus der Quarantäne heraus führte. Mit einer Kanzlerin, die mit ihrer offenbar wohltuend undramatischen Ruhe weitermerkelt, wenn andere panisch werden. Kein wirrer Boris Johnson, kein den Virus-Krieg erklärender Emmanuel Macron. Erst recht kein showmasternder Schwätzer wie der Amerikaner Donald Trump, der selbst jetzt wieder nichts begreift.

Konstanten scheinen gefragt zu sein

Merkel bleibt Merkel. Auch und gerade in Krisenzeiten. Immer eine halbe Umdrehung langsamer und unaufgeregter. Nie seit der letzten Bundestagswahl waren die Bürger offenbar so froh, dass die naturwissenschaftlich-unterkühlte Kanzlerin den Laden leitet. Ohne Pose. Ohne Attitüde.

Die Große Koalition? Ein Segen in der großen Krise. Wenn alles plötzlich anders ist, die Welt sich ändert, braucht es offenbar ein paar Konstanten im öffentlichen Leben, die vermitteln: Wir schaffen das.

Noch so eine Konstante übrigens, dass die Sozialdemokratie den Maschinenraum umsichtig leitet, mit Scholz, Hubertus Heil und Franziska Giffey Leistungsträger aufbietet, dazu einen Außenminister, dessen Augenringe sein Pensum auch in Sachen Rückholaktion deutscher Staatsbürger erzählen. Dass wir aber stets auf die Brücke schauen.

Vier Wochen sind momentan eine Ewigkeit

Und da steht nun mal sie: Merkel. Gefühlt seit Ewigkeiten. Die Flüchtlingskanzlerin, die seit ihrem damaligen "Wir schaffen das"-Augenblick zuletzt manche gerne abgeschafft hätten. Die Flüchtlingskanzlerin Merkel, sie wird wohl als Corona-Kanzlerin in Erinnerung bleiben.

Irgendwann einmal. Wenn diese Welt wieder eine andere sein wird. Erinnert sich noch wer? Vor vier Wochen. Bodo Ramelow wurde als Ministerpräsident von Thüringen gewählt. Heute schickt der Mann Ärzte und Helfer aus seinem Land in die Katastrophen-Zone Lombardei. Vier Wochen. Neuerdings eine kleine Ewigkeit in großen Koalitionszeiten.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin/des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 03.04.2020 | 17:08 Uhr

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