Eine U-Bahn steht im Hamburger Hauptbahnhof. © picture alliance / dpa Foto: Bodo Marks

Kommentar: Warnstreik in Hamburg kommt zur Unzeit

Stand: 14.10.2020 18:20 Uhr

Der Bus- und U-Bahn-Streik in Hamburg am Donnerstag sorgt für Unmut. Dass gerade in der jetzigen Corona-Krisenzeit Fahrgäste die Leidtragenden sind, ist für den NDR Hörfunk-Nachrichten-Chef ein Unding.

von Tom Heerdegen

"Das können die doch jetzt nicht wirklich machen, oder?" - Diese Frage mag nicht wenigen Menschen durch den Kopf gegangen sein, als die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di den nächsten Warnstreik bei Bus und Bahn angekündigt hat.

Und an der Antwort wird auch nicht jeder seine Freude haben: Doch, das können sie sehr wohl. Weil sie das Recht dazu haben und auch ausreichend Unterstützung in der Belegschaft, um die Aktion durchzuziehen.

Viele Menschen werden durch den Streik gefährdet

Tom Heerdegen © NDR
Tom Heerdegen hofft wohl vergeblich darauf, dass die Gewerkschaft ver.di ihre Streik-Pläne noch einmal überdenkt.

Das Streikrecht ist im Grundgesetz verankert - und das ist gut so. Das Recht, seine Meinung frei zu äußern, übrigens auch. Und davon mache ich jetzt mal Gebrauch:

Liebe Leute bei ver.di, ich fasse es einfach nicht. Wenn Ihr Euch jetzt dieses Recht auf Warnstreik nehmt, tut Ihr das in gefährlicher Weise zulasten sehr, sehr vieler Menschen. Das ganze Land spricht über eine sich zuspitzende Corona-Gefahr. Besonders dramatisch ist die Lage in Großstädten. Und: Weil dort viele Menschen auf engem Raum zusammenkommen, gilt der öffentliche Personenverkehr ohnehin als hoch problematisch.

Dieser Streik ist wohl kaum im Interesse der Fahrgäste

Und was macht die Gewerkschaft? Richtig, sie bestreikt den ÖPNV in der Millionen-Metropole Hamburg. Einen ganzen Tag lang. Sie sorgt dafür, dass in den S-Bahnen und in den wenigen Bussen, die vielleicht noch fahren werden, all die noch enger aneinander gedrängt werden, die schlichtweg keine Wahl und keine andere Möglichkeit haben, von A nach B zu kommen.

Und wenn die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft dann noch verkündet, die Aktion sei auch im Interesse der Fahrgäste, kann man sich eigentlich nur noch fragen, ob Nachrichten über das Corona-Geschehen im Gewerkschaftshaus keinen Zutritt haben.

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Nicht auf Kosten anderer Heldinnen und Helden streiken

Aber halt, grundsätzlich kennt man das Viren-Problem anscheinend doch. Denn bei ver.di heißt es auch: "Durch Corona sind die Beschäftigten im ÖPNV die Heldinnen und Helden der Mobilität geworden. Eine Anerkennung ist überfällig." Stimmt. Aber bitte nicht auf Kosten von Menschen, die in Kliniken, Altenheimen, Kindergärten, als Postzusteller oder Polizistin ebenfalls Großes geleistet haben und kaum Verständnis dafür haben dürften, dass ihre Gesundheit durch einen Streik zur Unzeit gefährdet wird.

Diese Aktion braucht kein Mensch

Gewerkschaften haben in diesem Land viel erreicht - und sie haben eine Menge Gutes für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer auch hart erkämpft. Aber, liebe Kolleginnen und Kollegen bei ver.di, diese Aktion von Euch braucht kein Mensch.

Und wenn Ihr noch mal einen Moment über die am Anfang gestellte Frage nachdenkt, vielleicht könnte die Antwort dann doch so ausfallen: "Nein, das können wir jetzt wirklich nicht so machen."

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin/des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 14.10.2020 | 17:08 Uhr

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