Stand: 22.10.2019 15:55 Uhr

Rente: Schluss mit dem "Vogel-Strauß-Prinzip"!

Gewerkschaften und Sozialverbände haben die Idee der Bundesbank, das Renten-Eintrittsalter auf fast 70 Jahre anzuheben, scharf kritisiert und warnen vor sozialen Problemen im Alter. Schon die Anhebung von 65 auf 67 Jahre sei "ein Fehler" gewesen, sagte das DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Auf der anderen Seite begrüßten der Arbeitgeberverband BDA und die FDP den Bundesbank-Vorstoß. In der CDU sind die Meinungen geteilt.

Ein Kommentar von Dagmar Pepping, Korrespondentin im ARD-Hauptstadtstudio

Dagmar Pepping © NDR Foto: Christian Spielmann
Für viele Berufe sei ein späterer Rentenbeginn nicht zumutbar, meint Dagmar Pepping im Kommentar.

Zu einer verantwortungsvollen Politik gehört, den Bürgern nichts vorzumachen. Bei der Rente gilt aber seit Jahren das "Vogel-Strauß-Prinzip": Kopf in den Sand stecken und hoffen, dass der Sturm nicht kommt. Das funktioniert aber nicht mehr. Gerade die Jüngeren müssen rechtzeitig wissen, was auf sie zukommt. Und dazu gehört, dass sie länger arbeiten müssen. Für meine Generation ist die Rente mit 67 Jahren bereits beschlossen. Für die Generationen danach muss das Eintrittsalter schrittweise maßvoll angehoben werden. Andernfalls droht unser gesetzliches Rentensystem zu kollabieren.

100 Milliarden Euro pro Jahr

Warum? Zum einen steigt die Lebenserwartung, die Menschen bleiben glücklicherweise länger gesund. Das heißt: Ruheständler beziehen länger Rente. Gleichzeitig kommen auf immer mehr Rentner immer weniger Beitragszahler. Bereits jetzt pumpt die Bundesregierung pro Jahr rund 100 Milliarden Euro aus Steuergeldern zusätzlich in die Rentenkasse. Weitsichtige Politiker wie der ehemalige Finanzminister Schäuble (CDU) drängen bereits seit Jahren auf ein höheres Renten-Eintrittsalter, genau wie zahlreiche Wissenschaftler und zuletzt wieder die Bundesbank. Die Reaktion, nicht nur beim DGB, auch bei der SPD und beim Arbeitnehmerflügel der Union: Abscheu und Empörung.

Steigende Lebenserwartung, höheres Eintrittsalter

Aber was ist die Alternative? Die Beiträge zur Rentenversicherung immer weiter zu erhöhen, würde die jüngeren Generationen irgendwann unzumutbar belasten. Ein immer weiter steigender Steuerzuschuss nimmt dem Staat Raum für dringend benötigte Zukunftsinvestitionen. Wissenschaftler plädieren für die sogenannte 2:1-Formel. Kernaussage: für alle zwei Jahre, die die allgemeine Lebenserwartung in Deutschland steigt, müssen wir alle ein Jahr länger arbeiten. Ab 2042 zunächst bis 68, ab dem Jahr 2054 läge das Eintrittsalter dann bei 69, so hat es der renommierte Renten-Experte Börsch-Suppan ausgerechnet.

Für viele Berufe nicht zumutbar

Ja, für viele Arbeitnehmer - nicht nur auf dem Bau - ist ein so später Rentenbeginn absolut illusorisch und nicht zumutbar. Für manche Berufsgruppen muss es deshalb möglich sein, auch früher in den Ruhestand zu gehen. Die Arbeitgeber müssen aber auch mehr tun, um ihre Mitarbeiter möglichst lange für den Job fit zu halten. Durch Prävention und rechtzeitige Umschulungen auf weniger anstrengende Tätigkeiten.

Frühverrentung gehört abgeschafft

Zu einer verantwortlichen Politik gehört auch, mit populären, aber kaum bezahlbaren Rentenversprechen aufzuhören. Jüngstes Beispiel: die Grundrente ohne eine Bedürftigkeitsprüfung, wie die SPD sie durchsetzen will. Schluss mit der Gießkannenpolitik. Stattdessen brauchen wir gezielte Maßnahmen gegen Altersarmut. Darüber hinaus gehören Anreize für eine Frühverrentung abgeschafft, also auch die Rente mit 63.

Die Rentenkommission der Bundesregierung stellt im März 2020 ihre Vorschläge für die Zeit nach 2025 vor. Hoffentlich beweisen ihre Mitglieder Mut und nehmen in ihr Maßnahmenpaket auch ein späteres Renteneintrittsalter auf. Mit dem "Vogel-Strauß-Prinzip" muss endlich Schluss sein.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 22.10.2019 | 18:40 Uhr

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