Stand: 22.05.2020 18:25 Uhr

Kommentar: Mehr Tests in Heimen sind überfällig

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat angekündigt, dass schon bald mehr Corona-Tests in Krankenhäusern und Pflegeheimen durchgeführt werden sollen. Noch in diesem Monat soll es eine Verordnung dazu geben, so der Minister in der "Welt". Tests wären dann die Regel, wenn Patienten beziehungsweise Bewohner aufgenommen oder verlegt werden. Und bei einer Infektion soll es Tests für das gesamte Personal geben und einen Anspruch auf Corona-Tests auch für alle Kontaktpersonen.

Ein Kommentar von Christoph Heinzle

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NDR Info Redakteur Christoph Heinzle fordert auch mehr Schutzmaßnahmen für Pflegerinnen und Pfleger.

Alten- und Pflegeheime sind die Hotspots der Corona-Pandemie. Das wurde Politik, Experten und Öffentlichkeit spätestens Ende März klar, als Heime immer mehr Masseninfektionen meldeten. Zahlen dazu, zumindest ungefähre, steckten da bereits in den Datenbanken der Gesundheitsämter und des Robert Koch-Instituts (RKI) in Berlin. Nur ausgewertet hat sie zunächst niemand. Und angefordert haben sie die Entscheider offenbar auch nicht.

Erst vor einem Monat, mitten in der Corona-Krise, veröffentlichte das RKI erste Statistiken, die deutlich machten: Die Heime sind das zentrale Problem. Dabei geht es gar nicht so sehr um die Zahl der Infektionen bei älteren und oft auch kranken Menschen. Es geht um das Risiko für sie, an dem Virus auch zu sterben.

Unvollständige Meldeformulare

Fast 40 Prozent aller Corona-Toten in Deutschland waren Heimbewohner. Jeder fünfte ältere Mensch, der sich in einem Heim infiziert, stirbt. Wer ins Krankenhaus eingeliefert wird, hat kaum noch eine Chance. Nur zehn Prozent der schwer erkrankten Heimbewohner kommen lebend aus der Klinik.

Die tatsächliche Zahl der Toten und Infizierten dürfte dabei noch viel höher liegen. Denn bei fast einem Drittel aller Corona-Fälle fehlen Angaben, ob es sich dabei um Patienten oder medizinisches Personal handelt, um Heimbewohnerinnen oder Pfleger - weil die Meldeformulare von Ärzten, Laboren oder Gesundheitsämtern nicht vollständig ausgefüllt werden.

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Testergebnisse dauern zu lange

Vor diesem Hintergrund muss man sagen: Es ist überfällig, dass dort gehandelt wird. Aber immerhin wird jetzt reagiert, wichtige Schritte werden unternommen. Wenigstens werden künftig alle Neuankömmlinge in Heimen getestet. Wenigstens müssen bald alle Bewohner und Pfleger getestet werden, wenn es einen Infektionsfall im Haus gibt. Und wenigstens sollen alle Kontaktpersonen von Infizierten den Test auch bezahlt bekommen, weil die Kassen dazu gezwungen werden.

Das reicht aber nicht. Es darf nicht sein, dass Zehntausende Meldeformulare nicht richtig ausgefüllt werden. Es geht wirklich nur um ein paar Kreuze. Es darf nicht sein, dass Testergebnisse lange auf sich warten lassen, obwohl es riesige Kapazitäten gibt. Es darf nicht sein, dass medizinisches Personal nicht optimal geschützt ist.

Neuinfektionen trotz Schutzmaßnahmen

Denn Testen ist gut, Nachverfolgen von Kontakten ist gut. Aber was passiert, wenn Pflegerinnen und Pfleger in Heimen nicht die notwendige Schutzausrüstung haben? Nicht genug Masken und Anzüge. Recherchen von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" haben ja gerade erst ergeben, dass es zwar Unmengen dieses Schutzmaterials gibt, aber auch riesige Probleme, es dorthin zu bringen, wo es gebraucht wird.

Doch selbst wenn das gelänge, wäre längst nicht alles gut. Denn trotz Schutzmaßnahmen gibt es Neuinfektionen und Tote bei Personal, Patienten und Bewohnern von Heimen und Kliniken.

Hohe Sterberate in Heimen

Deutschland scheint aus dem Gröbsten heraus zu sein - denkt man. Nicht einmal zehn Prozent der Infektionsfälle sind noch aktiv. Die übergroße Mehrheit ist genesen. Das gilt auch für Heime und Kliniken. Allerdings ist in den Heimen eben die Sterberate vier Mal so hoch wie im Durchschnitt. Das heißt, dass dort - selbst ohne eine einzige Neuinfektion - noch Hunderte Menschen sterben werden.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin/des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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NDR Info | Kommentar | 22.05.2020 | 17:08 Uhr