Sendedatum: 13.09.2020 09:25 Uhr

Kommentar: Landwirtschaftspolitik braucht mehr Mut

Fleisch und Gemüse sollen möglichst günstig sein, gleichzeitig soll es den Tieren, der Natur insgesamt gut gehen und auch die Bauern müssen vernünftig bezahlt werden. Das alles passt nicht leicht zusammen. Muss es aber, wenn die Landwirtschaft eine Zukunft haben soll. Daher gibt es jetzt die Zukunftskommission Landwirtschaft, die in der vergangenen Woche hochrangig besetzt das erste Mal getagt hat.

Ein Kommentar von Armin Maus, "Braunschweiger Zeitung"

Armin Maus, Chefredakteur der Braunschweiger Zeitung © BVZ, Braunschweiger Zeitung
Die Lage vieler Landwirte ist zu ernst, um die Dinge laufen zu lassen, meint Armin Maus.

Was für eine Frage! Natürlich wollen wir gesunde Lebensmittel! Den Tieren soll es gut gehen und Böden und Gewässern auch. Die Landwirte sind wichtig und müssen von ihrer Arbeit leben können. Soweit scheinen sich in Deutschland alle einig zu sein. Aber der Landwirtschaft geht es schlecht. Das haben unsere Bauern der widerstrebenden Gesamtgesellschaft mit ziemlich rustikalen Mitteln nähergebracht: Zeitweise sahen deutsche Innenstädte aus wie eine Freiluftmesse der Traktorenindustrie.

Viele Landwirte stehen mit dem Rücken zur Wand

Offensichtlich funktioniert die Lebensmittelwirtschaft für fast alle ganz gut - für die Händler, die Verarbeiter, für die Verbraucher. Nur die Natur kommt vielfach zu kurz, weil immenser Preisdruck und eine in Teilen ökologisch indifferente Agrarpolitik zur Industrialisierung der Landwirtschaft zwingen. Und viele Landwirte stehen mit dem Rücken zur Wand. Je schlechter ihre Böden sind, je kleiner ihre Betriebe sind und je höher ihr Anteil an gepachteten Flächen ist, desto angespannter ist ihre Lage.

Die Bauern haben sich angewöhnt, ihre Not nicht mehr still zu dulden. Mit dem gewohnheitsmäßigen Klagen, das sie angeblich besser beherrschen als jeder andere Berufsstand mit Ausnahme der Lokführer, hat das nichts mehr zu tun. Wer mit Landwirten spricht, der hört begründete Sorgen um die Zukunft. Junge Leute, viele von ihnen studierte Agrarfachmänner und -frauen, überlegen sich zweimal, ob sie den Familienbetrieb übernehmen. Wer hart arbeitet und das volle unternehmerische Risiko trägt, der braucht die Gewissheit, dass es sich lohnt. Das hat mit Geld zu tun, aber auch mit Wertschätzung für die geleistete Arbeit.

Leistung der Bauern für Nahrungsmittelversorgung wird missachtet

Die Probleme sind mannigfaltig. Nur wenige Beispiele seien genannt. Die Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse sind zu niedrig, die Macht der Giganten der Lebensmittelindustrie zu groß, die ständige Verschärfung der Vorschriften und bürokratische Gängelung machen es den Bauern schwer. Und dann haben viele von Ihnen auch den Eindruck, ihre Leistung für eine sichere, regionale Nahrungsmittelversorgung werde bis hinein in die dörfliche Nachbarschaft missachtet.

Die Kanzlerin hat früher und besser als Landwirtschaftsministerin Klöckner verstanden, dass es so tatsächlich nicht weitergehen kann. Wir werden Angela Merkel vermutlich mehr vermissen, als es sich die meisten von uns heute vorstellen können. Sie besitzt die seltene Fähigkeit, die Sprengkraft eines Problems zu erkennen, komplexe Gemenge zu analysieren und Menschen zusammenzubringen, die etwas verändern können. So kommt die Zukunftskommission Landwirtschaft ins Spiel. Diese Woche nahm sie ihre Arbeit auf. In diesem Gremium sitzen zum ersten Mal überhaupt alle am Tisch, an denen die Zukunft der Landwirtschaft hängt. Zehn Vertreter der Landwirtschaft, vom Deutschen Bauernverband bis zum Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft. Acht Vertreter von Wirtschaft und Verbrauchern, zwischen Lebensmittelindustrie und Verbraucherschutz. Sieben Vertreter von Umwelt und Tierschutz aus den wesentlichen Öko-Verbänden. Und nicht zuletzt sechs Wissenschaftler, die zu den Besten ihres Fachs gehören. Das Gremium ist hochrangig besetzt. Der erste Erfolg der Zukunftskommission ist damit beschrieben: Es gibt sie, und sie hat Gewicht.

Ob die Kommission eine Chance für die zukunftssichere Landwirtschaft ist, hängt ein wenig vom Geschick des Vorsitzenden ab. Prof. Peter Strohschneider ist gelernter Mittelalterforscher. Mit militanter Kleinstaaterei kennt er sich aus. Und wer den Wissenschaftsrat und die Deutsche Forschungsgemeinschaft erfolgreich geleitet hat, dem ist durchaus zuzutrauen, eine 32-köpfige Runde zu bändigen.

Jeder Interessenvertreter singt sein eigenes Lied

Die enorme Größe des Gremiums entspringt der Notwendigkeit, alle relevanten Player am Tisch zu haben, ist aber auch ein Risiko. Das Gruppenfoto auf der Treppe des Kanzleramts sieht aus wie die Tourneebesetzung der Fischer-Chöre. Falls jeder der teilnehmenden Interessenvertreter sein eigenes Lied singt, wird am Ende kein harmonischer Akkord herzustellen sein. Wir sollten uns nichts vormachen: Es sind Interessen, die sich zum Teil ausschließen. Preisgünstige Lebensmittel und höchste ökologische Standards sind nur zwei von vielen Antagonisten.

Wenn es gut läuft, kann die Zukunftskommission ein guter Ratgeber sein, der dauerhaft tragfähige Kompromisslinien sichtbar macht. Durch Diskussion komplexer Zusammenhänge kann sie die Politik aus der Klemme befreien, in die sie regelmäßig durch das Silo-Denken gerät. Der Widerstand vieler Landwirte gegen die Düngemittelverordnung etwa hat viel damit zu tun, dass sie nicht zu Ende gedacht war. Die Bauern beklagen, dass sie nun Getreide ernten, das zu wenig Protein enthält und für die Mühlen nur nach Beimischung proteinreichen Getreides aus dem Ausland für Backprodukte brauchbar wird. Es ist ein Lehrbeispiel: Wer bei der Gesetzgebung den Gesamtzusammenhang aus den Augen verliert, macht schlechte Politik.

Goodwill-Aktionen bewegen nicht viel

Hoffentlich gibt sich in den Kabinetten des Bundes und der Länder niemand der Illusion hin, die Kommission könnte notwendige politische Richtungsentscheidungen ersetzen. Wer bessere Lebensbedingungen in der Tierhaltung und erträgliche Margen für die Landwirte, Umweltverträglichkeit und hohe Produktqualität will, der muss bereit sein, klare Regeln festzulegen. Ministerin Klöckner hat bisher davor zurückgeschreckt. Mit Goodwill-Aktionen nach dem Muster Tierwohl-Label wird sich aber nicht viel bewegen lassen.

Landwirtschaftspolitik braucht mehr Mut. Das kann von Mindestpreisen bis zum Verbot aggressiver Preiswerbung für Lebensmittel im Einzelhandel reichen. Die Lage vieler Landwirte ist zu ernst, um die Dinge laufen zu lassen.

 

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin / des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

Weitere Informationen
Detelf Kurreck beim Bauerntag © NDR Foto: Jürn-Jakob Gericke

Bauernverband MV: Kurreck erneut zum Präsidenten gewählt

Der Landesbauernverband hat Amtsinhaber Detlef Kurreck am Freitag erneut zum Präsidenten gewählt. Außerdem verständigten sich die Delegierten in Linstow auf einen engeren Dialog mit der Gesellschaft. mehr

Geschlachtete Schweine hängen an Haken.
2 Min

Preissturz durch Schweinepest: Bauern in Sorge

Nach dem Fund eines mit der Afrikanischen Schweinepest infizierten Wildschweines in Brandenburg sinken die Preise für Schweinefleisch. Das war auch Thema auf dem Bauerntag in Linstow. 2 Min

Verteter aus Landwirtschaft, Wissenschaft und Politik debattieren beim Landesbauerntag. © NDR

Landesbauerntag: Lebhafte Diskussion digital gesendet

Der Landesbauerntag hat in diesem Jahr wegen der Corona-Pandemie digital stattgefunden. Eine Diskussion mit Vertretern aus Politik und Wissenschaft wurde im Internet übertragen. mehr

Der Birnenprosecco beim Degustieren. © NDR

Regional und Handarbeit

Prämierte Obstweine, fermentiertes Gemüse oder glückliche Kühe: Radikal regional ist Trend. Drei Landwirte aus dem Nordosten stellen ihre besonderen Ideen vor. Bildergalerie

Erntearbeiten auf einem Feld an der Ostsee © NDR Foto: Søren Harms

Erntebilanz: Bauern im Norden zufrieden

Nach zwei schwierigen Jahren konnten die meisten Bauern in Schleswig-Holstein jetzt eine gute Ernte einfahren. Heute wurde Bilanz gezogen: mit Licht und Schatten. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 13.09.2020 | 09:25 Uhr

Mehr Nachrichten

Eine Reihe von Sammelschienenmasten sind im Umspannwerk der Tennet TSO GmbH kurz vor Inbetriebnahme der neuen Höchstspannungsleitung Mittelachse in Handewitt bei Regenwetter zu sehen. © dpa-Bildfunk Foto: Gregor Fischer

Schleswig-Holsteins neue Stromautobahn ist fertig

Damit ist ein Engpass in der Energieversorgung nach 20 Jahren beseitigt. Ein schnellerer Bau hätte Milliarden gespart. mehr

Blick auf meinen Balkongarten und den Wasserturm in Rostock. Ein Bild von Marlies Neubert aus Rostock. © NDR Foto: Marlies Neubert,Rostock

Rostock: Bürgerschaft entscheidet sich für die BUGA 2025

Die Mehrheit der Stadtvertreter hofft auf einen Schub für die Stadtentwicklung durch die Bundesgartenschau. mehr

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) © dpa-Bildfunk Foto: Michael Kappeler/dpa

Corona-Blog: Gesundheitsminister Spahn positiv getestet

Er ist in häuslicher Isolierung. Bislang zeigen sich bei Jens Spahn nur Erkältungssymptome. Alle News des Tages im Blog. mehr

Reporterin Lisa Knittler und MOderator Thomas Kausch
2 Min

Dänemark berät über Corona-bedingte Grenzschließung

Reporterin Lisa Knittel berichtet live vom Grenzübergang Krusau über die möglichen Folgen für Touristen und Pendler. 2 Min