Stand: 06.02.2020 18:11 Uhr

"Totalschaden für Christian Lindners FDP"

Einen Tag nach seiner Wahl zum Ministerpräsidenten in Thüringen hat der FDP-Politiker Thomas Kemmerich am Donnerstag angekündigt, dass seine Partei Neuwahlen beantragen und er sein Amt aufgeben werde. Der Chef der Bundes-FDP, Christian Lindner, steht nicht nur in der Verantwortung, sondern auch ziemlich unter Druck.

Ein Kommentar von Franka Welz, Korrespondentin im ARD-Hauptstadtstudio

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Wenn Christian Lindner die FDP rehabilitieren will, muss er dafür womöglich auf längere Sicht eigene Ambitionen zurückstellen, meint Franka Welz.

Für Christian Lindners FDP sind die Ereignisse von Thüringen ein Totalschaden, besonders für den Parteichef. Der Imageschaden dürfte schwerer wiegen als der Abbruch der Jamaika-Verhandlungen nach der Bundestagswahl 2017.

Denn als Thomas Kemmerich sich in Erfurt mit den Stimmen der AfD zum Ministerpräsidenten wählen ließ und die Wahl danach auch noch annahm, hat er die Freien Demokraten in die Nähe des Extremismus geführt - und noch dazu Björn Höcke, den man gerichtsfest als Faschisten bezeichnen darf, innerhalb der AfD noch stärker gemacht.

Kemmerichs Klage klingt hohl

Auch Kemmerichs Klage am Tag danach, die AfD habe mit einem perfiden Trick versucht, die Demokratie zu beschädigen, klingt hohl, denn dass die Abrissbirne der Demokratie einen ordentlichen Schlag versetzt hat, das hat Kemmerich mitzuverantworten. Denn, ich wiederhole mich gerne, angenommen hat er die Wahl schließlich selbst.

Dass Hopfen und Malz bei der FDP nicht endgültig verloren zu sein scheinen, zeigt sich daran, dass fast unmittelbar nach den Ereignissen im Thüringer Landtag bundesweit eine Art "Aufstand der Anständigen" bei den Freien Demokraten losbrach und in kürzester Zeit Orkanstärke erreichte.

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"Ein-Mann-Show Lindner" ist jetzt ein Problem

Doch für die Partei und ihren Vorsitzenden, die personifizierte Ein-Mann-Show Christian Lindner, wird nun mehr und mehr zum Problem, was oft ein Vorteil war: Lindner ist das Gesicht der Freien Demokraten, in guten wie in schlechten Zeiten. Was er tut und sagt, bleibt hängen, schadet im Zweifelsfall der Partei - etwa als er ohne Not die "Fridays for Future"-Bewegung und viele Jüngere gegen sich aufbrachte.

Als Lindner nun am Mittwoch zunächst von einem "Sieg der Mitte" in Thüringen sprach und fort fuhr, CDU, SPD und Grüne sollten nun mit der FDP zusammenarbeiten, hat das viele in der Partei irritiert, etwa den ehemaligen Bundesinnenminister Gerhart Baum.

Vertrauensfrage zu stellen ist folgerichtig

Lindner scheint begriffen zu haben, dass er spätestens jetzt nicht mehr unumstritten ist. Dass er am Donnerstag auch noch einmal klarstellen musste, dass er nicht länger Parteichef bleiben kann, sollte die FDP auch nur ansatzweise mit der AfD zusammenarbeiten, muss man schon fast als Verzweiflungstat werten.

Dass er im Parteivorstand die Vertrauensfrage stellen und sich damit neu legitimieren lassen will, ist nur folgerichtig - und seine Parteifreundinnen und -freunde werden ihn vermutlich ja auch nicht vom Hof jagen.

Manchmal sterben Parteien auch von innen ...

Dennoch ist die Frage, wie schnell die Partei nach den Ereignissen in Thüringen das Vertrauen vieler Wählerinnen und Wähler zurückgewinnen kann - wenn überhaupt. Demokratien sterben durch Angriffe von innen, Parteien manchmal auch.

Und wenn Lindner seine Partei retten beziehungsweise rehabilitieren will, dann muss er dafür womöglich auf längere Sicht seine eigenen Ambitionen zurückstellen.

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NDR Info | Kommentar | 06.02.2020 | 17:08 Uhr