Stand: 01.11.2019 18:00 Uhr

Kommentar: Die EZB als Fels in der Brandung

Christine Lagarde hat offiziell ihr Amt als Präsidentin der Europäischen Zentralbank angetreten. Die Französin Lagarde löst Mario Draghi ab, der acht Jahre an der Spitze der EZB stand. Die neue Präsidentin kündigte an, die Spaltung im EZB-Rat wegen der Geldpolitik überwinden zu wollen. Außerdem will die 63-Jährige auch gesellschaftliche Fragen wie Klimapolitik und Frauenförderung bei ihren Entscheidungen stärker berücksichtigen. Einen Wechsel in der Geldpolitik erwarten Experten nicht.

Ein Kommentar von Holger Beckmann, WDR

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Holger Beckmann aus dem Studio Brüssel verteidigt den Kurs der EZB.

Für viele Deutsche ist die Europäische Zentralbank immer schon der Prügelknabe. Ganz am Anfang, zu Beginn dieses Jahrtausends, als der Euro ganz frisch war, da gab man ihr die Schuld daran, dass alles in rasantem Tempo immer teurer werde, dass sie das gemeinsame Geld der Europäer zu einer Weich-Währung mache und auch die zeitweilige deutliche Kursschwäche des Euro dem Dollar gegenüber lastete man der EZB an. Das war schon damals nicht in Ordnung, aber: Es war so schön einfach.

Kritik an Draghis Methoden

Eine Geldpolitik, die nicht aus deutscher Hand kam - das konnte einfach nichts sein. An dem Duktus hat sich wenig verändert. Wieder steht der Vorwurf im Raum, dass die europäischen Währungshüter mit ihrer Geldpolitik dem Euro seine Stabilität nehmen. Niedrigzinspolitik, Anleihekäufe, Stützungsprogramme - alles schlecht, was Mario Draghi da gemacht hat - und kaum Hoffnung darauf, dass Christine Lagarde diesen Kurs ändern wird.

Aber wovor haben die währungspolitischen Falken, die so denken oder reden, eigentlich Angst? Dass es demnächst eine Hyperinflation geben wird in der Eurozone oder in der ganzen EU? Davon ist weit und breit nichts zu sehen, stattdessen ist das genaue Gegenteil der Fall: Der Preisauftrieb ist so niedrig wie lange nicht mehr - nicht auszuschließen, dass es sogar ein sinkendes Preisniveau geben könnte, das Deflations-Gespenst steht im Raum – und genau dagegen versucht die Europäische Zentralbank anzugehen.

Erfolgreiche Strategie

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Christine Lagarde löst Mario Draghi an der EZB-Spitze ab.

Sie tut das nach Kräften und zieht dafür viele geldpolitische Register, die - zugegeben - aus deutscher Perspektive und Tradition manchmal wie aus Teufels Küche wirken. Aber wer sagt eigentlich, dass das die einzig richtige Perspektive sein soll. Tatsache ist: Die EZB hat den Euro zusammen gehalten. Auch in seiner bisher größten Krise. Sie hat das getan, was die Regierungen der Eurozone nicht tun wollten: Sie hat nämlich dafür gesorgt, dass die Menschen in Europa weiterhin ihre Einkäufe bezahlen können, dass die Regale gefüllt sind, dass die Wirtschaft irgendwie weiter läuft. Wäre der Euro zerbrochen - angesichts der teils dramatischen Schuldenkrisen in Griechenland, Portugal, Spanien, Italien - dann hätte das ganz anders aussehen können.

Und genau diesen Kurs fährt die EZB weiter: Sie hält den Euro zusammen und sie hält ihn stabil. Davon profitiert Deutschland ganz besonders. Vielleicht sollte sich der eine oder andere daran erinnern, wenn er ab heute nicht mehr auf Mario Draghi schimpft, sondern auf Christine Lagarde.  

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NDR Info | Kommentar | 01.11.2019 | 17:08 Uhr

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