Stand: 08.05.2020 17:01 Uhr

Kommentar: Die Deutschen und der 8. Mai

Nur in Berlin ist der 8. Mai in diesem Jahr einmalig ein Feiertag - das Datum steht für die Kapitulation der Wehrmacht vor 75 Jahren. Doch die Stimmen mehren sich, den Tag der Befreiung zum nationalen Feiertag zu erklären. Unter anderem der Antisemitismusbeauftragte Felix Klein oder die Vorsitzende des Auschwitz-Komitees in Deutschland, Esther Bejarano, fordern das. Der 8. Mai sei aber kein Tag zum Feiern, meint Wolfgang Müller in seinem Kommentar.

Ein Kommentar von Wolfgang Müller, NDR Info

Wolfgang Müller © NDR Foto: Christian Spielmann
Der 8. Mai sei kein Tag zum Feiern, meint Wolfgang Müller. Hingegen wäre der 23. Mai, der Tag des Grundgesetzes, sehr wohl ein Kandidat.

Es war ein langer Weg, bis die Deutschen einigermaßen ehrlich auf ihre Vergangenheit schauen konnten. Unmittelbar nach dem Krieg war das oft noch ganz anders. Irgendwie war niemand so richtig dabei gewesen, oder nur unter Zwang, man hatte auch wenig gesehen und persönlich nie etwas gegen Juden gehabt und hatte die Nazis immer schon etwas primitiv gefunden. Manchen Emigranten, die damals nach Deutschland zurückkamen, wurde speiübel, wenn sie erlebten, wie wehleidig und verdruckst viele Deutsche über die Hitlerzeit sprachen. Da war es fast noch erfrischend, wenn einer sagte: Ja, ich war Nazi und versuche jetzt, damit klarzukommen.

Bekenntnis war wichtiger Schritt

Aber, wir wissen es, es hat dann, seit den Sechziger und Siebziger Jahren, doch neue Entwicklungen gegeben. Nicht alle, aber doch sehr viele Menschen hierzulande haben versucht, den Dingen ins Auge zu schauen und sich der Wahrheit zu stellen: dass da ein großer Teil der Deutschen einem Mann gefolgt war, ja ihm zugejubelt hatte, der klar erkennbar unmenschliche Pläne hatte. Es war ein Weg in den Abgrund.

Dies wenigstens im Nachhinein zu erkennen und anzuerkennen, war ein wichtiger Schritt. Es war ein Prozess, der übrigens im Westen des Landes ziemlich offen und mit allen notwendigen Diskussionen ablaufen konnte, während im Osten sozusagen manches liegenblieb; dort war ja, mit dem groß proklamierten Anti-Faschismus des DDR-Regimes, angeblich gar nicht viel aufzuarbeiten. Immerhin entstand dann doch, in der Mitte der wiedervereinigten Hauptstadt, das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas, das große graue Stelenfeld. Welch ein Symbol! Nur einen Steinwurf vom Regierungsviertel entfernt erinnert diese Nation nicht an irgendwelche Triumphe, sondern an ihr größtes Verbrechen. Die Rechten und Revanchisten fühlen sich zu Recht gestört. So soll es sein. Diese Erinnerung gehört zu diesem Land, so wie die Freiheit, die nach der Diktatur wieder erreicht wurde.

Grundgesetz wäre ein Tag zum Feiern

Sollte man dann nicht gleich noch den 8. Mai zum Feiertag erklären? Nein. Der 8. Mai ist ein Tag, dem wir uns stellen müssen, aber kein Tag zum Feiern. Wenn überhaupt ein neuer Feiertag, dann sollte es nicht ein Tag sein, an dem etwas Schreckliches zu Ende ging, sondern einer, an dem etwas Gutes anfing. Der 23. Mai, der Tag des Grundgesetzes, wäre ein Kandidat. Schöne Jahreszeit und ein schöner Artikel 1: "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Das könnte man feiern und, soweit es in unserer Kraft steht, verwirklichen.

 

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin / des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 08.05.2020 | 18:30 Uhr

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