Stand: 01.01.2020 08:00 Uhr

Kommentar: Bitte mehr Gelassenheit!

Das Jahr 2020 beginnt und es wird viele Konflikte geben, über die gestritten werden muss. Die Frage der notwendigen Klimapolitik ist nur eine untere mehreren, die mit Leidenschaft debattiert werden. Im neuen Jahr wäre dabei etwas mehr Gelassenheit ein großer Gewinn.

Ein Kommentar von Rainer Burchardt, freier Autor

Die aktuellen, sogenannten Aufreger, sind mit wenigen Stichworten beschrieben: Klimawandel, Terrorismus, Tempolimit und, und, und. Ja, wir, also die heutigen Zeitgenossen, sind nicht nur eine Informations-, sondern, damit verbunden, auch eine Problemgesellschaft. Und natürlich nichts wird schöner oder besser: Alles wird noch schlimmer.

Rainer Burchardt, Professor im Fachbereich Medien an der Fachhochschule Kiel, im Porträt.
Etwas mehr Gelassenheit ist vielleicht nicht der schlechteste Vorsatz, meint Rainer Burchardt.

Die Welt sei aus den Fugen geraten, hat vor geraumer Zeit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier festgestellt. Damit war die Fülle an globalen Unsicherheiten gemeint. Die Feststellung richtete sich aber auch an diejenigen Staats- und Regierungschefs, die bewährte und gesichert erscheinende demokratische Gepflogenheiten außer Kraft setzten.

Und tatsächlich: Der angebliche Kampf gegen den internationalen Terrorismus hat weltweit für mehr und nicht für weniger Terrorakte gesorgt; die vermeintlichen Grundrechte demokratischer Systeme sind - etwa in Sachen Meinungsfreiheit oder Demonstrationsrecht - oftmals ins Gegenteil pervertiert worden; Proteste der Bewegung "Fridays for Future" werden als Schule schwänzen denunziert, oder bestenfalls, zu Generationenkonflikten stilisiert. Auch Vergleiche mit den Protesten der 68er werden bemüht.

Und bei alledem sollen wir gelassen bleiben? Ja, ja und noch mal ja! Es ist schließlich nicht zu übersehen, dass die Demokratiefeinde ganz bewusst Aufgeregtheiten bis hin zur Gegengewalt einkalkulieren. Das genau, so glauben sie, wird ihnen das Recht geben, zurückzuschlagen.

Mehr Gelassenheit an der politischen Front ist vonnöten

Am besten ist dies augenblicklich am Fall der Hongkong-Demonstrationen zu sehen. Natürlich wäre es vermessen, die dort im Konflikt mit dem autoritären Regime in Peking befindlichen Bürgerinnen und Bürger von Hongkong, zu mehr Gelassenheit aufzufordern. Doch die europäischen Wirtschaftsvertreter und Politiker könnten und sollten in aller Ruhe und Gelassenheit empfindliche Sanktionen in Richtung Peking verhängen.

Apropos Europa: Hier war der Brexit monatelang der politische Aufreger. Auch in diesem Fall ist mehr Gelassenheit an der politischen Front vonnöten. Natürlich kann die EU den Brexit verkraften, ob die Briten, die sich dadurch eine Fülle von Problemen aufhalsen, mit dieser Neuauflage der "splendid isolation" besser leben können, ist dagegen nicht sicher.

Der nächste Aufreger kommt bestimmt

Doch zurück zu unseren heimischen "Aufregern".  Hier wird die Diskussion über ein Tempolimit von interessierter Seite hochgezogen. Wer von Hamburg etwa nach München über die Autobahnen unterwegs ist, weiß, dass es schon jetzt kaum noch möglich ist, schneller als 130 km/h zu fahren. Also mehr Gelassenheit bitte, nicht nur am Steuer, sondern auch an den Stammtischen.

Dass der zuständige Verkehrsminister mit seiner verunglückten Maut-Politik mal eben mehr als 500 Millionen Euro an Steuergeldern in den Sand gesetzt hat, sollte uns, wenn überhaupt, mehr aufregen. An einem Tag wie heute, wo nicht nur ein neues Jahr, sondern auch ein neues Jahrzehnt beginnt, ist etwas mehr Gelassenheit vielleicht nicht der schlechteste Vorsatz. Der nächste Aufreger kommt bestimmt. In diesem Sinne: Glückauf!

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NDR Info | Kommentar | 01.01.2020 | 09:25 Uhr

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