Stand: 23.08.2020 00:00 Uhr

Kommentar: Bidens Bewährungsprobe kommt noch

Beim virtuellen Nominierungsparteitag wurde Joe Biden zum Präsidentschaftskandidaten der US-Demokraten gekürt. Er präsentierte sich als Kandidat für das ganze Volk und versprach das Ende der - wie er sagte - "Zeit der Dunkelheit" unter dem jetzigen Präsidenten Donald Trump.

Ein Kommentar von Bettina Gaus, Korrespondentin der "taz"

Die Journalistin Bettina Gaus steht in einem Fernsehstudio und lächelt in die Kamera. © dpa picture alliance Foto: Krick/CITYPRESS24
Der Ausgang der Wahl wird von den Fernseh-Debatten abhängen, meint Bettina Gaus.

Joe Biden hat eine unerwartet kämpferische Rede gehalten auf dem virtuellen Parteitag der US-Demokraten. Der Herausforderer von Präsident Donald Trump hatte eine zentrale Botschaft: Er will die Spaltung des Landes überwinden. Das "Ende der Dunkelheit" hat er versprochen, um die "Seele der Nation" gehe es bei den bevorstehenden Wahlen. Oder, wie ein Beobachter hinterher schrieb, um den Kampf von Gut gegen Böse. Der Appell an die Gefühle der Öffentlichkeit passt zu dem Bild, das die Unterstützerinnen und Unterstützer von Biden in den Tagen zuvor von ihm gezeichnet haben.

Immer wieder ist er von ihnen als großartiger Kerl beschrieben worden, der in schwierigen Zeiten treu zu den Seinen steht und auf den man sich verlassen kann. Was ja ohne Zweifel ehrenwert ist, aber die Frage nicht beantwortet, ob derlei gute Charaktereigenschaften genügen, um sich als Präsident der Vereinigten Staaten zu empfehlen. Niemand, auch nicht der frühere Präsident Barack Obama, hat Joe Biden wegen seiner strategischen Fähigkeiten und seiner politischen Vision gelobt.

Es liegen Welten zwischen Obama und Biden

Überhaupt: Barack Obama. Der hat eine Rede gehalten, die nach übereinstimmender Meinung vieler Beobachter die vielleicht beste seines Lebens war und in die Geschichtsbücher eingehen dürfte. Mit ungewöhnlich scharfen Angriffen auf Amtsinhaber Donald Trump und der sehr ernsthaften Warnung, nicht weniger als die Demokratie stehe auf dem Spiel, hat er den Parteitag der Demokraten beherrscht.

Das mag zwar einerseits dazu beitragen, die zerstrittenen Flügel der Partei miteinander zu versöhnen. Andererseits jedoch hat die geschliffene Rhetorik ein weiteres Mal deutlich gemacht, dass Welten zwischen einem Barack Obama und einem Joe Biden liegen. So gut, wie der eine war, wird der andere nie werden.

Keine schlechten Chancen für den Herausforderer

Aber das ist bei den bevorstehenden Wahlen wohl auch nicht der entscheidende Punkt. Es geht sehr viel mehr um die Frage, ob der Amtsinhaber abgewählt werden soll, als darum, wer ihm nachfolgen wird. So lange der Herausforderer nicht als gänzlich unfähig gilt, hat er derzeit keine schlechten Chancen.

Gewonnen hat Joe Biden dennoch noch lange nicht. Der virtuelle Parteitag der Demokraten ist reibungslos verlaufen, die Veranstaltung mag auch das Engagement und den Kampfesmut von Wahlkämpfern beflügeln. Aber der noch vor Kurzem komfortable Vorsprung von Biden in den Umfragen ist geschrumpft. In wichtigen "Swing States", in denen mal die eine, mal die andere Partei gewinnt, ist das Rennen offen. Aufs Ganze gesehen, steht Donald Trump derzeit ziemlich genau so da wie im August 2016 - knapp drei Monate, bevor er dann überraschend als Sieger aus der Präsidentschaftswahl hervorging. Und in der nächsten Woche findet der Nominierungsparteitag der Republikaner statt, der diesen vermutlich Auftrieb verschaffen wird.

Trump muss sich nicht um eine Bühne bemühen

Vieles spricht dafür, dass der Ausgang der Wahl von den Fernsehdebatten abhängen wird, die dieses Mal besonders wichtig sind, weil sich Großveranstaltungen angesichts der Seuche verbieten. Aus dem Lager von Joe Biden waren kürzlich Überlegungen zu hören, man solle doch vielleicht auf die Debatten ganz verzichten, um - so die merkwürdige Begründung - Donald Trump "keine Bühne" zu bieten. Das ist ziemlich albern. Der Präsident der Vereinigten Staaten muss sich nicht um eine Bühne bemühen. Er hat sie, wann immer er wünscht.

Der ziemlich hilflose Vorstoß offenbart denn wohl auch vor allem die tief sitzende Sorge, Biden könne sich bei den Fernsehdebatten verhaspeln und ein schlechtes Bild abgeben. Im Unterschied zu einer Parteitagsrede kämpfen die Kandidaten beim Streitgespräch im Fernsehen ohne Netz. Was bedeutet: Die eigentliche Bewährungsprobe steht Joe Biden noch bevor.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin/des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 23.08.2020 | 09:25 Uhr

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