Kleeblatt-System: So werden Corona-Intensivpatienten verlegt

Stand: 25.11.2021 17:05 Uhr

Die vierte Corona-Welle stellt die Kliniken vor eine neue Belastungsprobe. Viele Intensivstationen, vor allem im Osten und Süden Deutschlands, stoßen an ihre Grenzen. Damit die Betreuung der Intensivpatienten trotzdem gewährleistet ist, werden die Patienten nun mithilfe des Kleeblatt-Systems im ganzen Land verteilt.

Bund und Länder haben das Kleeblatt-System bereits zu Beginn der Corona-Pandemie Anfang 2020 ausgearbeitet. Demnach ist Deutschland in fünf Bereiche, sogenannte Kleeblätter, eingeteilt. Niedersachsen bildet zusammen mit Bremen, Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern das Kleeblatt Nord. Außerdem gibt es noch die Kleeblätter Ost, Süd, Südwest und West:

  • Ost: Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Berlin
  • West: Nordrhein-Westfalen
  • Süd: Bayern
  • Südwest: Baden-Württemberg, Saarland, Rheinland-Pfalz und Hessen

Über das Kleeblatt-System sollen Kranke im Notfall unkompliziert in weniger belastete Regionen und Krankenhäuser verlegt werden können. Der Auslöser für die erstmals in der vierten Corona-Welle anstehenden Verlegungen ist, dass Kliniken im Osten Deutschlands und in Bayern eine Überlastung droht. Für den Transport von Intensivpatienten kommen neben speziell ausgerüsteten Fahrzeugen auch Rettungshubschrauber und Flugzeuge der Bundeswehr zum Einsatz.

Innenministerium in Niedersachsen federführend beteiligt

Organisiert wird das System im Zusammenschluss aus Experten von Bund, Ländern und des Robert Koch-Instituts. Für den Norden ist das "Kompetenzzentrum Großschadenslagen" beim niedersächsischen Innenministerium federführend an der Koordination beteiligt. Dort werden Daten über freie Intensivbetten in Niedersachsen, Bremen, Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern gesammelt und die Kranken verteilt.

Das Kleeblatt Nord war auch bereits vor der vierten Corona-Welle an der Verlegung von Patienten beteiligt. Seit Dezember 2020 wurden so 37 schwer erkrankte Menschen im Norden aufgenommen. Für den Transport von Intensivpatienten kommen neben speziell ausgerüsteten Fahrzeugen auch Rettungshubschrauber und Flugzeuge der Bundeswehr zum Einsatz.

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Auch helfende Länder sollen nicht überlastet werden

Zwei Mitarbeiter stehen in Schutzkleidung im Flur der Intensivstation des UKSH. © NDR Foto: Cassandra Arden
Auf den Intensivstationen am UKSH droht noch keine Überlastung.

Die Verteilung der Intensivpatienten laufe zurzeit so ab, wie man es bereits vor eineinhalb Jahren geplant habe, sagte Professor Jan-Thorsten Gräsner vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) in Kiel im Gespräch mit dem NDR. "Innerhalb der Kleeblätter gibt es abgebende Regionen, die gerade einen Patientenüberhang haben, und es gibt Regionen, die helfen können." Durch die Koordination im Kleeblatt Nord solle sichergestellt werden, "dass der Patient, der nun ein Intensivbett braucht, auch eines bekommt".

Bei der Verteilung auf die einzelnen Kleeblätter achte man darauf, dass die Belastung in den einzelnen Städten, Kreisen und Bundesländern nicht zu groß werde. Zunächst werde auch innerhalb eines Kleeblatts versucht, die Verlegung bei Überbelastung zu organisieren. Erst wenn innerhalb des Kleeblatts die Kapazitäten erschöpft seien, würden Patienten in andere Regionen in Deutschland verteilt, erklärte Gräsner. Der Leiter des Instituts für Rettungs- und Notfallmedizin am UKSH ist auch Mitglied in der Steuerungsgruppe COVRIIN für die strukturierte Verlegung im Kleeblatt-Konzept beim Robert Koch-Institut.

Patientenschützer fordert Ausweitung des Systems

Die Verlegung von Intensivpatienten sollte aus Sicht des Patientenschützers Eugen Brysch nicht nur für Covid-19-Patienten in Betracht kommen. Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz sagte der Deutschen Presse-Agentur, dass alle Intensivpatienten Anspruch auf eine optimal medizinisch-pflegerische Behandlung hätten. "Deshalb müssen Bund und Länder unverzüglich das Konzept des Kleeblatt-Systems überprüfen", sagte Brysch.

Die Krankheit, Symptome und die Chance auf Heilung müssten stets im Mittelpunkt der Therapie eines Schwerstkranken stehen. "Dies gilt für alle Patienten in gleicher Weise und darf nicht auf Covid-19-Erkrankte beschränkt sein."

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NDR Info | 25.11.2021 | 14:00 Uhr

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