Stand: 07.09.2021 18:00 Uhr

"Zwei Drittel machen sich Sorgen um die Demokratie"

Melanie Dense, Senior Projektmanagerin bei der Robert Bosch Stiftung © Robert Bosch Stiftung
Projektmanagerin Dense: "Viele haben sich infolge der Pandemie politisiert."

Wie stehen die Deutschen zur Demokratie? Die Robert Bosch Stiftung ließ dazu in einer repräsentativen Studie mehr als 2.000 Menschen befragen. Melanie Dense ist Senior Projektmanagerin bei der Stiftung, sie betreute die Untersuchung. NDR.de hat mit ihr gesprochen.

Was sind aus Ihrer Sicht die Haupterkenntnisse der Studie? 

Melanie Dense: Die Menschen haben ganz unterschiedliche Vorstellungen davon, was Demokratie eigentlich ist und ausmacht. Wenn man mit jemandem über Demokratie spricht, kann man sich nicht sicher sein, dass man das gleiche Verständnis hat wie das Gegenüber.

Zwei Drittel der Deutschen machen sich tatsächlich Sorgen um die Demokratie. Dabei nennen sie zum Beispiel den zunehmend hasserfüllten Diskurs in der Öffentlichkeit als ein großes Thema. Dann gibt es die Sorge, ob die eigenen Anliegen in der Politik überhaupt gehört werden. Viele sind der Ansicht, dass ihre Nöte und Interessen für die Politik nicht relevant sind. Sie fühlen sich abgehängt. Es ist insgesamt eine komplexe Gemengelage.

Gab es überraschende Ergebnisse?

Dense: Die Spaltung in manchen Grundsatzfragen. Aber: Zunächst gibt es demokratische Normen, die von nahezu allen geteilt werden, wenn sie Demokratie beschreiben: Freie Wahlen gehören dazu, freie Meinungsäußerung und die Gleichheit der Menschen vor dem Gesetz.

Aber wenn man auf die Dissenzpunkte guckt, gibt es erstaunliche Ergebnisse: Die Hälfte ist der Meinung, dass die Bürger über wichtige Fragen selbst entscheiden sollten, während die andere Hälfte meint, das sei Aufgabe der gewählten Volksvertreter. Da prallen Anhänger der direkten und der repräsentativen Demokratie ziemlich heftig aufeinander. Ungefähr die Hälfte der Deutschen sagt auch "Demokratie hat einen unumstößlichen Selbstwert" und fühlt sich normativ stark an die Demokratie gebunden, während die andere Hälfte sagt: "Nein, Demokratie ist für mich nur dann gut und unterstützenswert, wenn sie gute Ergebnisse liefert." Bei diesen Menschen muss sich die Demokratie also sehr stark über die Ergebnisse beweisen.

Infolge der Corona-Pandemie hat der Staat stark in das Leben der Menschen eingegriffen. Wie schlägt sich das in den Studienergebnissen nieder?

Dense: Corona war für die Teilnehmenden das vorherrschende Thema. Es hat die Leute sehr stark beschäftigt, und viele haben sich infolge der Pandemie politisiert. Nicht für alle mündet das in einem positiven Politikverständnis. Es zeigt sich in solchen Krisen, dass eine Demokratie manchmal langsam ist, dass Abstimmungsprozesse Zeit brauchen, dass sehr viele unterschiedliche Perspektiven berücksichtigt werden müssen. Da dauert es manchen zu lange, da wird in ihren Augen zu viel geredet. Da gab es die Haltung: "Kann Frau Merkel nicht einfach mal auf den Tisch hauen, auch wenn die demokratischen Prozesse dadurch ausgehebelt werden?"

Und was ist mit den anderen, denen alles viel zu schnell ging? Die eingeschränkte Grundrechte und ausgehebelte Mitwirkung der Parlamente beklagen?

Dense: Das sind legitime Positionen, die geäußert werden können. Wir sehen in der Studie allerdings auch ein Segment, das wir in der Studie "die kritischen Aktivbürger" genannt haben und das ungefähr zehn Prozent der Teilnehmenden ausmacht. Sie glauben, dass sie als Bürger politisch etwas bewegen können - was eigentlich eine sehr positive Einstellung ist. Gepaart ist diese Haltung allerdings mit einem sehr großen Misstrauen und dem starken Gefühl, dass Staat, Politik und Medien ihnen etwas verschweigen. Die "kritischen Aktivbürger" suchen gezielt nach Informationen, die ihnen vermeintlich vorenthalten werden. Im Zusammenspiel mit einer gewissen Militanz kann diese Einstellung eine Gefahr für die Demokratie sein. Diese Gruppe passt in Teilen auch zur "Querdenken"-Bewegung.

Einerseits fanden 76 Prozent der Befragten, das Politiker Anerkennung verdienen. Andererseits stimmten 51 Prozent der Aussage zu, sie seien "Marionetten der dahinterstehenden Mächte". Wie passt das zusammen?

Dense: Das ist in der Tat ein ambivalenter Befund. Tatsächlich beschäftigt viele das Thema Lobbyismus und Einflussnahme der Wirtschaft oder anderer Kräfte auf Politik. Viele haben da ein recht düsteres Bild und wenig Vertrauen. Aber gleichzeitig sind auch viele der Ansicht: "Die machen ihren Job, und die haben ihre Zwänge, aber sie verdienen auch Respekt." Die Menschen haben sehr hohe Erwartungen an Politik und sind enttäuscht, wenn diese Erwartungen nicht eingelöst werden. Sie wünschen sich charismatische Politiker und sehen die große Aufgabe, sind aber auch manchmal harsch in ihrem Urteil.

Welche Empfehlungen leiten Sie konkret aus den Ergebnissen der Studie ab?

Dense: Zunächst hat uns die Studie geholfen, unsere Zielgruppen und deren Demokratieverständnis besser zu verstehen. Die Studie sagt ganz klar, dass es an "Beziehungsarbeit" fehlt - zwischen Bürgern und der Politik, aber auch zwischen den Bürgern selbst. Beteiligung ist ein ganz wichtiger Faktor, um sicherzustellen, dass die eigenen Anliegen zählen. Die Robert Bosch Stiftung will Menschen zur Beteiligung ermutigen, dieser Ansatz hat sich durch die Studie auf jeden Fall verstärkt. Aber wir sehen auch, dass es bei der Vermittlung von Demokratiekompetenzen noch einiges zu tun gibt - gerade um Menschen beim Umgang mit Desinformation und Verschwörungsmythen zu unterstützen.

Das Interview führte Ulrich Smidt, NDR.de.

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Dieses Thema im Programm:

13.09.2021 | 22:45 Uhr

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