Professor  Christian Karagiannidis © Kliniken Köln Foto: Felix Schmitt

Intensivmediziner im Corona-Podcast: Mit hohem Tempo auf die Bremse

Stand: 16.11.2021 17:07 Uhr

Der Intensivmediziner Christian Karagiannidis sieht in der vierten Welle der Corona-Pandemie vor allem eine Maßnahme als zentral: Das Tempo für die Auffrischimpfungen müsse drastisch erhöht werden.

von Ines Bellinger

"Ich würde alles daran setzen, dass die Geschwindigkeit beim Boostern jetzt blitzartig nach oben geht", sagt der Leiter des deutschen Intensivregisters in einer Sonderfolge des NDR Info Podcasts Coronavirus-Update. "Ich bin mittlerweile auch die ganzen Ausreden leid, dass man das nicht machen kann." Zunächst müsse der Immunschutz bei den Älteren und den Risikopatienten aufgefrischt werden, dann beim Rest der Bevölkerung. Das gehöre für ihn mittlerweile zur Grundimmunisierung gegen das Coronavirus.

Karagiannidis: Eine Million Booster pro Tag wären nötig

Eine Million Auffrischimpfungen pro Tag wären nötig, um die Ausbreitung des Virus deutlich zu reduzieren, sagt Karagiannidis: "Davon sind wir im Moment weit entfernt." Einen Effekt der Booster-Impfungen könne man zwar frühestens in vier Wochen erwarten, aber er gehe davon aus, dass die vierte Welle erst im Frühjahr nächsten Jahres auslaufen werde. "Wir brauchen jetzt in irgendeiner Form eine Bremse, damit die Zahlen nicht ins Uferlose steigen." Insbesondere die Krankenhäuser bräuchten die Perspektive, dass der Zuwachs an Patienten im Januar, Februar, März nicht völlig durch die Decke schieße.

Das Coronavirus © CDC on Unsplash Foto: CDC on Unsplash
AUDIO: Podcast-Sonderfolge mit dem Intensivmediziner Christian Karagiannidis (50 Min)

90 Prozent der Covid-Patienten auf Intensivstationen sind nicht geimpft

Derzeit liegen in Deutschland mehr als 3.250 Patienten mit Covid-19-Infektionen auf Intensivstationen (Stand 16.11.2021), mehr als 90 Prozent sind laut Karagiannidis nicht gegen das Coronavirus geimpft. In Intensivbetten liegen mehr Jüngere als noch vor einem Jahr, zunehmend auch Schwangere.

40 Prozent aller Covid-Intensivpatienten in Sachsen,Thüringen, Bayern

Das Intensivregister der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung der Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), das täglich die freien und belegten Intensiv-Kapazitäten von etwa 1.300 Akut-Krankenhäusern in Deutschland erfasst, offenbart auch erhebliche regionale Unterschiede bei der Zahl der Covid-Patienten: "40 Prozent entfallen allein auf Sachsen, Thüringen und Bayern", sagt Karagiannidis. Man sehe einen deutlichen Verlauf von West nach Südost. Den Hotspots empfehle er, schon jetzt in Abstimmung mit anderen Bundesländern Patienten zu verlegen, damit der Druck nicht noch größer wird, wenn Kliniken volllaufen.

Beatmungsbetten: Kapazität von 12.000 auf 9.000 gesunken

In den vergangenen 14 Tagen hat es einen Zuwachs von 1.000 Covid-Patienten auf Intensivstationen in Deutschland gegeben. "Ich würde davon ausgehen, dass sich das noch etwas beschleunigt, dass wir vielleicht für die nächsten 1.000 Patienten zwölf Tage brauchen", sagt Karagiannidis. Das Problem: Die Belastung wird ähnlich hoch wie im vergangenen Jahr, aber die Kapazität in den Kliniken ist inzwischen von 12.000 Beatmungsbetten auf 9.000 gesunken.

Wurzeln der Pflegekrise liegen lange zurück

Es fehlt nicht an der technischen Ausrüstung, aber viele Pflegekräfte haben wegen des enormen Drucks in den ersten drei Pandemie-Wellen den Dienst quittiert oder ihre Arbeitszeit reduziert. Und Stellen können nicht nachbesetzt werden, weil der Pflegemarkt leer ist. "Die Wurzeln der Pflegekrise liegen zehn Jahre oder länger zurück", sagt Karagiannidis. "Die Pandemie hat wie ein Brennglas gewirkt: Das, was vorher schon nicht gut war, hat sich noch einmal deutlich verstärkt." Die Intensivmedizin komme mit einer gewissen Last zurecht, das sei auch ihre Aufgabe, sagt er: "Aber es darf nicht zu dem Punkt kommen, dass es eine Überlastung gibt."

Intensivstationen überprüfen Impfausweise auf Fälschungen

Karagiannidis ist Leitender Oberarzt an der Lungenklinik Köln-Merheim. Auch dort ist die Intensivstation voll, der Druck sei aber noch nicht so hoch wie vor einem Jahr, als stündlich neue Anfragen eintrafen. Zum täglichen Ablauf gehöre es, den Antikörper-Status bei Neuaufnahmen zu bestimmen, damit die Mediziner wissen, ob der Patient geimpft wurde. Auch Impfausweise würden mittlerweile überprüft: "Das tut einem doppelt weh, wenn man sieht, wie jemand schwer erkrankt, der vorher seinen Impfausweis gefälscht hat."

"Ich habe keinen einzigen überzeugten Impfgegner gesehen"

Das Klinikpersonal befrage die, die die Krankheit überleben, regelmäßig zu den Beweggründen ihrer Entscheidung gegen eine Impfung: "Ich habe bei uns in Köln keinen einzigen überzeugten Impfgegner gesehen", sagt Karagiannidis. "Das waren normale Menschen, die sich einfach nicht aufgerafft haben zur Impfung oder die ein bisschen Vorbehalte hatten und das im Großen und Ganzen hinterher bereut haben."

"Das Impfen ist natürlich DIE Lösung, um aus dieser Krise herauszukommen, das steht völlig außer Frage." Christian Karagiannidis

Natürlich könne man auch mit einem Impfdurchbruch auf der Intensivstation landen, aber der Prozentsatz sei im Vergleich zu Ungeimpften sehr viel niedriger. Es treffe vor allem sehr alte Patienten oder solche, deren Immunsystem gedämpft ist, zum Beispiel nach einer Transplantation. "Das Impfen ist natürlich DIE Lösung, um aus dieser Krise herauszukommen, das steht völlig außer Frage."

Ende der epidemischen Lage hat falschen Eindruck vermittelt

Für "keine gute Idee" hält der Intensivmediziner hingegen das Auslaufen der "Epidemischen Lage nationaler Tragweite" am 25. November. Auch die Debatten um einen sogenannten Freedom Day hätten mit dazu beigetragen, dass die Inzidenzen wieder hochgeschnellt sind: "Das hat den Eindruck vermittelt: Es ist alles gar nicht mehr so schlimm, alle Maßnahmen werden beendet. Das hat uns schon wehgetan."

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Bundesregierung sollte Krisenstab installieren

"Ich weiß genau, was bei einer Inzidenz x passieren wird. Ich weiß genau, was passieren wird, wenn die Kliniken unter fünf Prozent freie Betten rutschen. Wenn wir das sehr klar kommunizieren zu einem frühen Zeitpunkt, dann können sich alle darauf einstellen", sagt Karagiannidis. "Das Fahren auf Sicht ist etwas, das mir nie gefallen hat und das zur Verunsicherung beigetragen hat." Die neue Bundesregierung sei gut beraten, einen nationalen Krisenstab mit Vertretern aus Wissenschaft, Medizin und allen gesellschaftlichen Bereichen zu installieren.

Shutdown als "allerallerletzte Maßnahme"

Einen Shutdown sieht Karagiannidis als "allerallerletzte Maßnahme eines Notschutzschalters", die man versuchen sollte zu vermeiden: "Wenn wir uns jetzt richtig beeilen, mit allen Maßnahmen, die auch von den Ampel-Parteien geplant sind, und wenn wir das Boostern jetzt endlich mal auf die Straße kriegen, dann haben wir auch die Chance, das zu verhindern."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 16.11.2021 | 17:00 Uhr

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